Jeremy Wade im HAU3 : Choreografierter Totentanz

Zombieperformer: Bei "Death Asshole Rave Video" führt Jeremy Wade den Zuschauern ihre Vergänglichkeit vor Augen. Die One-Man-Show gerät zum danse macabre.

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Ein Zombie im himmelblauen Show-Anzug: Jeremy Wade in „Death Asshole Rave Video“.
Ein Zombie im himmelblauen Show-Anzug: Jeremy Wade in „Death Asshole Rave Video“.Foto: Ian Douglas

Ein Theaterbesuch kann gefährlich sein. Lebensgefährlich. Das führt der amerikanische Choreograf Jeremy Wade in seinem neuen Stück „Death Asshole Rave Video“ vor Augen. Wade liegt schon am Boden, wenn die Zuschauer das HAU3 betreten. Wie bei einer Beerdigungsprozession müssen sie an ihm vorbeidefilieren. Der putzmuntere Performer grüßt sie mit „Hi“ oder wirft ihnen spöttische Bemerkungen an den Kopf. Dann rappelt er sich auf: weißgeschminktes Gesicht mit roter Nase und kohlschwarzen Augen. Ein Zombie im himmelblauen Show-Anzug – mit irrem Grinsen. Wade wackelt mit dem Kopf, schlenkert wild mit den Gliedern. Die Entertainer-Reflexe zucken noch nach, doch der Körper scheint zu zerfallen.

Jeremy Wade mit Rundumschlag

Death Asshole Rave Video“ ist eine furiose One-Man-Show und ein danse macabre. Wade holt zu einem Rundumschlag aus: Es geht um Themen wie das Zerbrechen gesellschaftlicher Übereinkünfte, den Werteverfall, die Umwelt. Um den Zusammenbruch der Ökonomie und um die prekäre Künstlerexistenz. Zu Techno-Klängen flackert in Neonschrift auf: „Total Liquidation“.

Doch „Death Asshole Rave Video“ hat auch etwas von einer versauten Stand-up-Comedy. Der Tod trägt hier schon mal Fetisch-Outfit. „Das sind schwule Insiderwitze“, raunt Wade einem jungen Mann zu und lässt sich über die Verwendung des Wortes bottom aus. Nicht nur um sexuelle Obsessionen geht es; auf drastische Weise legt er dar, wie sich der Neoliberalismus auf die Körper auswirkt. Und er rät, die eigenen Ängste und Sorgen nicht persönlich zu nehmen. „2015 bist du nicht länger einzigartig, wenn du ein Wrack bist.“

Todeserfahrung im HAU

Gegen Ende flüstert Wade den Zuschauern zu: „Du bist tot.“ Was folgt, ist eine imaginäre Todeserfahrung – mit Wade als Führer durch die Unterwelt. Akribisch schildert er den Exitus: Wie ein Zuschauer im Theater zusammenbricht und stirbt, wie er in einem Plastiksack ins Leichenschauhaus verfrachtet wird. Was bei der Verbrennung der Leiche im Krematorium passiert. Der rabenschwarze Humor gründet in existenziellem Ernst. Die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit, so hofft Wade wohl, führt zu einem bewussteren Leben. In dem angekündigten „letzten Tanz“ geht es jedenfalls um Transformation.

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