Joachim Lottmanns Drogenroman "Endlich Kokain" : Die Kaputten von heute

Endlich ein Hit: Joachim Lottmanns Drogenroman und Kunstbetriebssatire „Endlich Kokain“ - grell, fies überzeichnet und natürlich wird auf so gut wie jeder Seite gekokst.

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Foto: Ausschnitt / Kiwi Verlag

Es waren die typisch großen Worte, die der selbsternannte Erfinder, Retter und auch Totengräber der Popliteratur Joachim Lottmann seinem neuen Roman „Endlich Kokain“ vor Erscheinen mit auf den Werbeweg gegeben hatte:  „Ich glaube, es könnte der Hit des Jahres 2014 werden“, schrieb Lottmann seinem Verleger Helge Malchow in einem Brief, den dieser sogleich hinten auf dem Cover des wie üblich als Taschenbuch erscheinenden Romans abgedruckt hat. Das mit dem Hit glaubt der sich gern auch „Erfolgsautor“ nennende Lottmann natürlich immer, wenn was Neues von ihm erscheint.

Doch gerade wer seinen letzten, 2011 veröffentlichten und nur bescheiden erfolgreichen Roman „100 Tage Alkohol“ gelesen hat, dürfte sein inzwischen neuntes Werklein mit einer gewissen Skepsis zur Hand nehmen. Denn von Alkohol war in „100 Tage Alkohol“ nur wenig die Rede, von wegen Drogenroman!, sondern nur von Lottmanns nicht unkompliziertem und nicht ganz freiwilligem Umzug von Berlin nach Wien. Dass also „Endlich Kokain“ nicht auch so eine Produktenttäuschung wird! Dass das extra fett und schwarz hervorgehobene Sprüchlein „Es kommen Drogen, Sex und Abenteuer“ aus dem Brief an den Verleger nicht auch wieder nur der Blurb-Speck zum Fangen der gierigen Drogenmäuse und süchtigen Lottmann-Leseratten ist!

Aber es kann an dieser Stelle Entwarnung gegeben werden: Lottmann hat dieses Mal tatsächlich einen Drogenroman geschrieben; natürlich auf seine spezielle Art, also einen Lottmann-Gegenwartsroman, in dem die Wirklichkeit grell und manchmal fies überzeichnet wird. Aber eben einen Roman, auf dem wirklich auf fast jeder Seite gekokst wird, weil der übergewichtige, einmal mehr durchaus einiges mit Lottmann gemein habende Held Stephan Braum, seines Zeichens frühpensionierter ORF-Redakteur, nach ersten, für ihn ganz neuen Erfahrungen mit Kokain täglich seine Ration nimmt: erst aus wissenschaftlichen und diätetischen Gründen, dann wegen der Frauen und der gewachsenen Attraktivität (Gewichtsabnahme!) und nicht zuletzt wegen der sich unweigerlich einstellenden Abhängigkeit. So wie es Braum irgendwann in seinem sogenannten W. T. notiert, seinem „wissenschaftlichen Tagebuch“, (das er von Beginn an führt und das der Erzählung eine literarische Komponente geben soll, allerdings vergeblich): „Liebes W. T., die Verdoppelung der Dosis bei der Mitteleinnahme ist in ihrer Wirkung genauestens zu beobachten. Bisher habe ich die schlimmsten Depressionen, die man mir immer vorhergesagt hat und die übrigens in der entsprechenden Literatur immer beschrieben werden, weitgehend durch einen kleinen Trick vermeiden können, nämlich, in dem ich das Mittel extrem regelmäßig nehme.“

Ja, Lottmann bemüht sich, das Kokain nicht über die Maßen zu idealisieren, die Suchtkomponente bleibt nicht außen vor. Trotzdem, der Spaß dominiert: Braum fühlt sich von Tag zu Tag besser, lernt junge, verwirrte Frauen wie Doreen und Xenia kennen, hat endlich Sex, lernt gar neue Sexpraktiken kennen – und wird nach und nach eine große Nummer im Wiener und später Berliner Kunstbetrieb. Erst als Drogen-und-Party-Schützling des großen, an Martin Kippenberger erinnernden Malers Joseph Hölzl, dann als dessen potentieller Nachlassverwalter, da Hölzl drogenbedingt ins Koma fällt und unzählige angefangene Bilder in seinem Atelier hat, schließlich als Kunsthändler, der die von einem befreundeten Maler fertiggestellten Hölzl-Bilder auf dem Markt feilbietet und verkauft.

Braum ist ein typischer Lottmann-Schelm, „Endlich Kokain“ in das Gewand eines Schelmen- und Trottelromans gepackt. Das erlaubt es dem fast 60-jährigen Lottmann zum einen, sexistisch und politisch inkorrekt zu sein, aber immer mit einer gebotenen Spießigkeit, Lottmann ist schließlich ein Kind der achtziger Jahre!, zum anderen aber auch schön lustig und quatschig vor sich hinzufabulieren und alles Mögliche „Bombe“ zu finden. Natürlich studiert Braum nicht nur Freuds Kokain-Einträge, sondern auch die Kokainromane von Pitigrilli („Kokain“), M. Agejew („Roman mit Kokain“) und Jörg Fauser („Rohstoff“), so viel Tradition muss sein, das ist Lottmann sich schuldig. Aber auch zu Goethes „Dichtung und Wahrheit“ und „Werther“ setzt sein Held sich in Beziehung – so viel Popzitat muss sein.

Foto: promo / Kiwi Verlag

Und ob in Wien, in dessen Kulturleben Lottmann inzwischen gut unterwegs zu sein scheint, oder am Ende in Berlin: Überall tauchen Figuren aus dem echten Leben auf, von Diedrich Diederichsen, der zumindest erwähnt wird, über Lottmanns Bruder Eckhart (hier Manfred Braum) bis hin zu dem Berliner Eigen-&-Art-Galeristen Harry Lybke (hier Harry Schmeling), von Kai Diekmann mit Vollbart und Laptop und Sätzen wie „Hey Alter, lass uns was gemeinsam machen, cross over, video art goes media ...“ über Helene Hegemann auf einer Lesung bis hin zu Boris Becker, der von Braum in seiner Eigenschaft als Türsteher keinen Einlass für eine exklusive Hölzl-Adlon-Party erhält. (Und klar, irgendwann steht auch Rainald Goetz irgendwo mit Block und Stift herum, kein Lottmann-Roman ohne Goetz-Auftritt).

Joachim Lottmann versteht es, Tempo zu machen, seinem schon bald sehr süchtigen Helden gar eine Entwicklung zu einem immer größeren Durchgeknalltheit durchlaufen zu lassen – und somit darüber hinwegzutäuschen, dass hier auch viele Klischees Trumpf sind und manche Redundanz drin ist. Ein Schreib- und Erzählhändchen aber hat Lottmann, das muss man ihm lassen. Am besten ist es, „Endlich Kokain“ wie im Rausch in einem Zug zu lesen, dann ist der Spaß am allergrößten. Sonst könnte man leicht auf den Gedanken kommen, schon bessere Drogenromane und Kunstbetriebssatiren gelesen zu haben. Im Lottmann-Erzählkosmos aber, keine Frage, gerade nach den Durchhängern „100 Tage Alkohol“ und „Unter Ärzten“, gehört dieser Roman zu den Highlights. Man darf also durchaus „Hit“ dazu sagen.

Joachim Lottmann: Endlich Kokain. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 250 Seiten, 9,99 €.

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