• Jörg Baberowskis neues Buch „Räume der Gewalt“: Wie Menschen zu Massenmördern werden

Jörg Baberowskis neues Buch „Räume der Gewalt“ : Wie Menschen zu Massenmördern werden

Warum töten Menschen? Der Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski erkundet „Räume der Gewalt“. Sie finden sich überall, stellt er in seinem Buch fest.

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Notwehr? Caravaggios Gemälde „Judith enthauptet Holofernes“ (1595/96) hängt im römischen Palazzo Barberini.
Notwehr? Caravaggios Gemälde „Judith enthauptet Holofernes“ (1595/96) hängt im römischen Palazzo Barberini.Foto: imago/Leemage

Gewalt, davor steht man immer wieder fassungslos. Sie scheint plötzlich auszubrechen wie eine Krankheit. Sie überrascht oft ihre Opfer, manchmal auch die Täter. Wie kommt es immer wieder dazu? Warum hört die Gewalt nicht auf? Warum ist der Mensch hier kaum lernfähig? Darüber wurden ganze Bibliotheken von Historikern, Politikwissenschaftlern, Soziologen, Psychologen und Medizinern verfasst. Alleine auf den letzten Seiten dieses Buchs werden vier Klassiker der Gewaltforschung erwähnt: Harald Welzers sozialpsychologische Studie über Täter und die Frage, wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden können, dann die Mentalitätsgeschichte der Wehrmachtssoldaten von Sönke Neitzel und Harald Welzer, „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“, Carolin Emckes Nachdenken über die RAF in „Stumme Gewalt“, und schließlich die Geschichte der Mafia von John Dickie als Reflexion über die Gewalt organisierter Kriminalität.

Kann alldem noch etwas hinzugefügt werden? Jörg Baberowski, Professor für Geschichte Osteuropas an der Berliner Humboldt-Universität, befasst sich seit Jahren mit den Gewaltphänomenen in der Sowjetunion, mit dem „Roten Terror“ des Stalinismus und, noch einmal sehr eindringlich, mit Stalins Verhältnis zur Gewalt in „Verbrannte Erde“ – das Buch wurde 2012 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

In einer Zeit, in der von Putins Russland Gewalt in vielerlei Form ausgeht, ist Baberowski ein gefragter Gesprächspartner von Politik und Medien geworden. Seine Studien sind einerseits wertvoll, weil vor allem die westlichen Gesellschaften Probleme mit einer realistischen Wahrnehmung der Gewalt haben, die auch der Gegenwart innewohnt. Denn die Gewalt gilt im westlichen Europa als weitgehend überwunden, hat es hier doch seit 70 Jahren keinen klassischen Krieg mehr gegeben. Wer sich selbst als friedlich versteht, dem fällt es schwer zu verstehen, warum andere sich anders verhalten.

Andererseits mischt Baberowski sich zunehmend auch bei aktuellen Themen ein. Er nennt die Dinge beim Namen, das ist eine seiner Stärken, aber er wird deshalb auch oft angegriffen und missverstanden. In seinen Studien macht er die Dimensionen von Stalins Gewaltherrschaft deutlich, zieht Parallelen zum Terror der Nationalsozialisten. Wenig überraschend attackiert ihn daraufhin eine trotzkistische Gruppe der HU im Internet, in öffentlichen Veranstaltungen und auf Flugblättern. Die Causa Baberowski wird mehr und mehr zum Gegenstand der Medien. Und spätestens seit der russischen Krim-Okkupation entspinnen sich Debatten über sein Geschichtsbild: Baberowski wirbt um mehr Verständnis für Putins Handeln und hält dem Westen vor, die Historie des sowjetischen Imperiums und die Bedeutung der Ukraine für Moskau zu verkennen.

Die Jury des Leipziger Buchmessen-Preises lobte Baberowski wegen seiner klugen Kritik tradierter Deutungen. Davon ist auch sein neues Buch „Räume der Gewalt“ durchzogen, eine Untersuchung des sozialen, kulturellen und wissenschaftlichen Umgangs mit Gewalt. Hier gilt einmal mehr: Wirkliches Verstehen kann nur gelingen, wenn die Sachverhalte klar benannt werden. Baberowski bringt zentrale Wechselwirkungen zwischen Gewalt und ihrer Wahrnehmung auf den Punkt: „Wir verleugnen die Gewalt, weil wir uns friedliche Menschen, die nicht böse sind, als Gewalttäter nicht vorstellen können.“ Dennoch sei die Gewalt überall, obwohl die Welt nicht nur von bösen Menschen bewohnt werde. Der 1961 geborene Historiker zählt typische Gewaltsituationen auf: Menschen schlagen und töten im Affekt. Sie tun es aus Gehorsam, aus Zwang, aus Gewohnheit, aus Freude oder weil sie sich gegen Gewalttäter zur Wehr setzen müssen. Offenbar hängt es nicht von Absichten und Überzeugungen ab, sondern von Möglichkeiten und Situationen, ob und wie Menschen Gewalt ausüben.

„Der Raum der Gewalt ist ein anderer Ort als der Raum des Friedens.“ In den oft naiv wirkenden Debatten über militärische Interventionen mit Bodentruppen etwa in Syrien wird dies offenbar nicht genügend reflektiert. Wer diesen Raum betrete, so Baberowski, schreite in ein fremdes Land, in dem er zu einem anderen werde. Der Autor ist sicher, dass niemand sich dem Zwang der Gewalt entziehen kann. Sie sei dynamisch und verändere alle sozialen Beziehungen.

Über 15 Jahre lang hat sich der Autor mit den Schrecken der stalinistischen Gewaltherrschaft beschäftigt. Das hat ihn nach eigener Aussage zweierlei gelehrt. Erstens, dass Menschen zu allem fähig sind, sobald sie sich in einem Raum bewegen, in dem Gewalt nicht verboten, sondern geboten ist. Und zweitens, dass man über die Wirkung der Gewalt nichts erfährt, wenn sie nicht als blutiges Geschehen empfunden wird. Der Leser soll sich schlecht fühlen, ja ihm soll übel werden, damit er versteht, dass Gewalt kein abstraktes Geschehen ist, sondern Verletzte und Tote, Schmerz, Blut und Tränen verursacht: „Wer darüber nicht schreiben will, sollte über die Gewalt schweigen.“

Wird Baberowski diesen Ansprüchen selber gerecht? Sein neues Werk ist durchzogen von Augenzeugenberichten über Gewalterfahrungen, passiv wie aktiv. Er konzentriert sich auf Schilderungen, in denen Gewalt ganz konkret erlebbar wird, bis an die Grenzen der Beschreibbarkeit – ob an der Ostfront, bei der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen im April 1945 durch britische Soldaten oder im liberianischen Bürgerkrieg 1989 bis 2003. Gemeinsam ist diesen Schauplätzen, wie Baberowski treffend beschreibt, dass Gewalt alles verändert. Noch einmal: „Wer ihr ausgesetzt ist, wird ein Anderer sein.“ Die Maßstäbe für Normalität verschieben sich, Außergewöhnliches wird alltäglich.

Jörg Baberowski hat nicht das erste grundlegende Werk über Gewalt, ihre Ursachen und Wirkungen verfasst. Aber nach der Lektüre steht man weniger fassungslos vor dem Phänomen, begreift besser, warum sie nicht aufhört. Daraus ergibt sich ein geschärfter Blick für die gewaltsame Realität auch des 21. Jahrhunderts. Das ist nicht wenig in Zeiten, in denen Kriege erneut die Nachrichten dominieren.

Jörg Baberowski: Räume der Gewalt. S. Fischer, Berlin 2015. 272 S., 19, 99€

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