Johannes Heesters und die SS : Graf Danilo in Dachau

Hat Johannes Heesters in Dachau gesungen oder nicht? Der bald 105 Jahre alte Entertainer weist die Darstellung eines Historikers zurück. Der Fall wird bald vor dem Berliner Landgericht verhandelt.

Christian Schröder
Johannes Heesters besucht KZ Dachau
Schwarzer Tag. Johannes Heesters (rechts) am 21. Mai 1941 im KZ Dachau. -Foto: dpa

Vergessen zu können kann eine Gnade sein. Zu viel Erinnerung schadet. Deshalb feiern Operetten die Kunst der Verdrängung. „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“, lautet die Botschaft der „Fledermaus“. In Franz Léhars „Lustiger Witwe“
schwärmt Graf Danilo Danilowitsch vom Maxim. Denn „da kann ich leicht vergessen, das teure Vaterland“.

Graf Danilo war die Rolle seines Lebens: Johannes Heesters hat sie mehr als 1600 Mal gespielt. Doch bei ihm selbst ist das so eine Sache mit dem Vaterland und dem Vergessen. Der bald 105 Jahre alte Entertainer ist wütend. Er hat den Kabaretthistoriker Volker Kühn verklagt, der ihm einen Auftritt zu viel zugeschrieben haben soll: Im Konzentrationslager Dachau will Heesters nie gesungen haben. Am 25. November kommt der Fall vor das Berliner Landgericht.

"Einladung" oder "Aufforderung"?

Der schwärzeste Tag in der Karriere des Sängers und Schauspielers war der 21. Mai 1941. An diesem Tag besuchte er mit dem Ensemble des Münchner Gärtnerplatz-Theaters das KZ Dachau, auf „Einladung“ des SS- Kommandanten, wie Kühn in seinem Hörbuch „Mit den Wölfen geheult“ behauptet. Heesters’ Anwalt beharrt hingegen darauf, es sei eine „Aufforderung“ gewesen, der Folge zu leisten war. Die Theatergruppe wurde über den Appellplatz und durch die Großküche geführt, am Ende spielte das Lagerorchester ein Ständchen.

Ob Heesters anschließend noch vor den Wachmannschaften auftrat, das ist eine Frage, über die seit dreißig Jahren gestritten wird. Kühn sagt: ja. Heesters versichert: nein. Allerdings hatte KZ-Kommandant Piorkowski sich 1941 bei seinen Gästen vom Gärtnerplatz-Theater mit einem Fotoalbum bedankt, gewidmet „den lieben Künstlern, die uns durch einen frohen und heiteren Nachmittag erfreuten“.

Heiter sieht Heesters nicht aus auf den Fotos. Angespannt steht er neben SS-Schergen mit dem Totenkopf auf ihrer Uniform. Singen sieht man ihn auf keinem Bild. „Ich habe bis heute nicht aufgehört, mich zu schämen“, so kommentierte der Holländer die Dachau- Episode. Scham entzieht sich der Gerichtsbarkeit.

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