John Le Carrés Memoiren : Vom Spion zum Schriftsteller

Der literarische Deserteur John Le Carré schreibt seine Memoiren - und erzählt vom Geheimdienst MI 6 genauso wie von seiner Liebe zur deutschen Literatur.

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Nicht schießen, bitte. Richard Burton klettert in „Der Spion, der aus der Kälte kam“ über die Berliner Mauer.
Nicht schießen, bitte. Richard Burton klettert in „Der Spion, der aus der Kälte kam“ über die Berliner Mauer.Foto: Picture Allianc

Die Bundeshauptstadt befindet sich im Belagerungszustand. Zehntausende Demonstranten halten Straßen und Gassen besetzt, unter „die Alten und die Jungen, die Verlorenen und die Wiedergefundenen, die Satten und die Hungrigen“ mischen sich die grünen Uniformen der Polizisten. Flaggen wehen auf Halbmast, man trauert um die „verlorene Ehre“ der Nation. Der Hauptredner ist ein charismatischer Populist namens Karfeld, der schon bald zum Kanzler gewählt werden könnte. Die Alliierten, schimpft er, hätten Deutschland „verkauft wie eine Hure“. Am Ende wird die Menge zum Mob, die Wutbürger skandieren: „Schlagt die roten Juden tot!“.

„Eine kleine Stadt in Deutschland“ heißt der beklemmende Roman von John le Carré aus dem Jahr 1968, und gemeint ist damit natürlich Bonn, das „Haupt- Dorf“. Dort hatte der Schriftsteller, der gerade dabei war, mit seinem Agententhriller „Der Spion, der aus der Kälte kam“ berühmt zu werden, drei Jahre lang als zweiter Sekretär an der britischen Botschaft gearbeitet. Eigentlich war er, wie viele seiner Figuren, Agent, er stand in Diensten des Auslandsgeheimdienstes MI 6. Heute wirkt Le Carrés Geschichte über den Aufstieg einer neorechten Bewegung, eine Zukunftsvision aus der Vergangenheit, erstaunlich aktuell.

Fünfzig Jahre später hält Le Carré sein Buch für misslungen. Er habe „fälschlicherweise einen Rechtsruck Westdeutschlands“ prophezeit, schreibt er in seine Autobiografie „Der Taubentunnel“. Mit den Tauben sind die 300 Botschaftsmitarbeiter in der Bundeshauptstadt gemeint, in den Memoiren tauchen aber noch andere Tiere auf. Die Analysten des Secret Service im „Circus“, dem Hauptquartier des Secret Service in London, werden Eulen genannt. Untergraben wird ihre Arbeit von Maulwürfen, (Doppel-)Agenten, die für die andere Seite spionieren. In seinem meisterlichen Roman „Dame, König, As, Spion“ erzählt Le Carré von einem solchen Fall.

Spione und Schriftsteller - wie füreinander geschaffen

Die besten Bücher des inzwischen 84-jährigen Schriftstellers und nun auch ein großer Teil seiner Memoiren handeln von der Welt des Kalten Krieges. Es ist eine Welt fast ohne Farben, durchtränkt von Angst. Auf beiden Seiten der Front belauern graugesichtige, grau gekleidete Strategen einander wie Schachspieler, in der Hoffnung, dem Gegner stets einen Zug voraus zu sein. Manchmal wird geschossen. Prominente Verräter wie Kim Philby, der brillante Kopf der Gegenspionage beim MI 6, und der Doppelagent George Blake, der Hunderte von britischen Geheimdienstlern ans Messer lieferte, haben im Buch ihren Auftritt.

Mit James Bond hat die Arbeit im Geheimdienst Ihrer Majestät nichts zu tun. Als Le Carré auf der Diplomatenloge des Bundestages von einem sowjetischen Kultursekretär angesprochen wird, glaubt er, dass der Mann überlaufen will. Das wäre ein Coup. Iwan, so heißt der Russe, besucht den Engländer, trinkt sehr viel Alkohol und spielt ihm Strawinsky auf dem Cello vor. Danach verschwindet er lautlos wieder aus seinem Leben. Le Carré, der mit 17 Jahren als Student in Bern vom britischen Geheimdienst angeworben wurde und 1964 den Dienst quittierte, sieht sich als „literarischen Deserteur“.

Spione und Schriftsteller seien „wie füreinander geschaffen“, weil es beiden darum geht, Menschen zu erforschen und Geheimnisse zu enthüllen. Leider führt er den Gedanken nicht weiter aus. Anfang des 20. Jahrhunderts gehörten Autoren wie Erskine Childers und William Le Queux zu den Geburtshelfern des königlichen Geheimdienstes. Verfasser von Agentenromanen wie John Buchan, W. Somerset Maugham oder Graham Greene waren zeitweilig selber Agenten. Le Carré steht in ihrer Tradition, Greene, den er als so schlagfertig wie paranoid beschreibt, ist sein erklärtes Vorbild.

Der rechte Muff unter den Talaren

In der Zeit, in der Deutsch als Synonym für das Böse schlechthin gilt, beginnt paradoxerweise Le Carrés „völlige Hingabe“ an die deutsche Sprache und Literatur. 1949 fährt er bei seinem ersten Deutschlandbesuch in die Konzentrationslager von Dachau und Bergen-Belsen, „in denen der Gestank noch immer in den Baracken stand“. Als Diplomat in Bonn ist er später entsetzt darüber, wie viele ehemalige Nationalsozialisten schon wieder in Machtpositionen sitzen. Adenauers Satz „Man schüttet kein schmutziges Wasser weg, solange man kein sauberes hat“, versteht er als rechtfertigende Anspielung auf Kanzleramtsleiter Hans Globke, der die Nürnberger Gesetze mitformuliert hatte. Die Verdrängungsleistung der Wiederaufbaujahre illustriert der kabarettreife Auftritt eines Beamten, der nach langer Kriegsgefangenschaft alte Parteigenossen anruft; „Heil Hitler, ich möchte mich zurückmelden!“ Ein Rechtsruck war in der jungen Bundesrepublik nicht notwendig, die Rechten der Vergangenheit waren immer noch da.

„Geschichten aus meinem Leben“ verspricht Le Carré, entsprechend facettenreich sind seine Erinnerungen. Er erzählt sprunghaft, nicht linear, das vierzigseitige Kapitel über den schwer erträglichen Vater, einen Hochstapler, Kleinkriminellen und Drückeberger, steht fast am Ende des Bandes. Manchmal verplaudert sich Le Carré zu sehr in die Details. Er ist viel unterwegs und bezeichnet sein Leben als „Abfolge von Fluchten“. Inspiration für seine Arbeit findet er überall auf der Welt, in Panama, Kairo oder Laos. In Singapur läuft ihm ein Auslandskorrespondent über den Weg, der die Inkarnation von Jerry Westerby ist, eines Zuträgers seines Meisteragenten George Smiley.

Von Politikern bis zur Prominenz

Eine Begegnung mit dem Palästinenserchef Jassir Arafat trägt die Überschrift „Theater des Wirklichen“. Aber Le Carré will den Politiker keineswegs entlarven. Das Gespräch verläuft schleppend und floskelhaft. Doch dann tanzen Arafat, Le Carré und einige Waisenkinder, Hinterbliebene „palästinensischer Märtyrer“, treppauf, treppab eine Polonäse. Arafat, urteilt der Besucher, ist ein Entertainer, ein fast so guter Schauspieler wie Alec Guinness in „Oliver Twist“. Weint er oder lacht er? Das kann der Zuschauer kaum unterscheiden. Viele Berühmtheiten kommen vor in den Memoiren, Richard Burton, Stanley Kubrick, Stephen Spender und so weiter. Für Privateres bleibt wenig Platz. Dass Le Carrés Ehe zu Bruch geht, erfährt man durch eine kurze Notiz auf Seite 274.

Die Analyse ist eher nicht John le Carrés Fall, aber Anekdoten erzählen kann er. Eine hübsche Pointe geht so: Bevor das alte Amtsgebäude des Geheimdienstdirektors in London abgerissen werden soll, wird der Safe in seinem Büro aufgebrochen. Darin liegt eine graue Hose. Angeblich hat Rudolf Heß sie getragen, als er nach England flog. Auf einem Zettel steht: „Bitte analysieren, gibt uns möglicherweise eine Vorstellung vom Stand der deutschen Textilindustrie.“

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