Jonathan Franzen stellt "Kraus Project" vor : Große Verblendung

In New York hat Jonathan Franzen sein Buch "The Kraus Project" vorgestellt. Darin versucht er zu klären, warum die Polemik Karl Kraus' für den Werdegang des Schriftstellers so entscheidend war. Daniel Kehlmann hat beim Übersetzen geholfen.

Tomasz Kurianowicz
Jonathan Franzen
Jonathan Franzen.Foto: AFP

Seine Haare sind grauer geworden, aber sein Blick wirkt so verschmitzt wie mit Anfang 20. Der Autor von „Freiheit“ und „Die Korrekturen“ sitzt im zehnten Stock des prachtvollen Kimmel Center in New York und stellt seine Übersetzung und Auswahl aus der „Fackel“ von Karl Kraus (1874 –1936) vor. Damit das amerikanische Publikum das Werk auch wahrnimmt, hat Jonathan Franzen sein Buch knackig „The Kraus Project“ genannt und um persönliche Einsichten erweitert. Um eine Menge Fußnoten, in denen er die Texte analysiert und erklärt, warum Kraus’ Polemiken für seinen eigenen Werdegang als Schriftsteller entscheidend waren. „Mich hat seine Wut beeindruckt. Er hat mich gelehrt, wie man eine Seite mit wütender Satire lebendig macht.“

Auf dem Podium sitzen auch der deutsche Bestsellerautor Daniel Kehlmann („F“), der bei der Übersetzung geholfen hat, und der Kraus-Experte Paul Reitter von der Ohio State University. Die langen Fußnoten erklärt Franzen so: „Die Texte von Karl sind voraussetzungsreich. Manchmal braucht man eine Pause, um den ganzen Ärger zu verdauen. Dafür sind meine Kommentare gedacht.“

Jonathan Franzen will Kraus-Kritik aktualisieren

Franzen will die Kraus-Kritik aktualisieren, die sich gegen die Kulturindustrie im Wien des Fin de siècle richtete, gegen die bürgerliche Medienmacht der etablierten Zeitungen und das Versagen der Eliten gegenüber Faschismus und Kriegstreiberei. Teile seines Kommentars hat Franzen bereits im „Guardian“ veröffentlicht, da vergleicht er die Internet-Besessenheit der Gegenwart mit der medialen Verblendung der Wiener Zwischenkriegszeit. Für die Analogie hat er viel Kritik eingesteckt. Aber das war bei Kraus auch nicht anders, es gehört zum Wesen des Polemikers. Wer austeilt, macht sich selbst zur Zielscheibe.

Franzen bezieht sich auf den Essay „Heine und die Folgen“, in dem Kraus den ornamentalen Frankreich-Kult kritisiert und sich für schnörkellose deutsche Nüchternheit ausspricht. Anders als in Deutschland sinke in Frankreich die Schönheit zu reinem Dekor ab und verliere ihre Distinktions- und Ausdruckskraft. „Glaubt mir, ihr Farbenfrohen, in Kulturen, in denen jeder Trottel Individualität besitzt, vertrotteln die Individualitäten“, heißt es bei Kraus.

Franzen bezieht dies auf die Gegenwart: „Mich erinnert das an eine zeitgenössische Version dieser Dichotomie: Mac gegen PC. Ist nicht die Idee von Apple-Produkten, dass man Coolness einfach dadurch erringt, dass man sie besitzt? Es macht gar keinen Unterschied, was man auf seinem Mac-Air kreiert. Einfach einen Mac-Air zu besitzen, die Eleganz der Hardware und Software zu erleben, ist eine pure Freude, wie in Paris eine Straße hinunterzulaufen. Wenn man aber an einem hölzernen, utilitaristischen PC arbeitet, ist die einzige Sache, die man genießt, die Qualität der eigenen Arbeit. Es ist wie bei Kraus’ Bericht über den deutschen Alltag: Der PC zieht das, was man tut, in ein nüchternes Licht. Er erlaubt es, die eigene Arbeit ganz schnörkellos zu betrachten.“

Die Reinheit der Sprache

Daniel Kehlmann indes erinnert daran, dass laut Kraus der falsche Gebrauch von Sprache auch die falschen Wahrheiten produziert. „Es ging ihm um die Reinheit der Sprache. In einem Punkt war er sehr deutlich: Hätten die Massenmedien in Deutschland und Österreich anders berichtet, wäre es nicht zum Ersten Weltkrieg gekommen.“ Dem stimmt Paul Reitter zu: „Kraus wollte nicht, dass man andere Zeitungen liest. Er wollte, dass man anders liest. Seiner Meinung nach führten misshandelte Wörter zu misshandelten Körpern.“ Franzen ist die Wachsamkeit wichtig, er kritisiert blinden Internet- und Medienkonsum. Wieder sieht er Parallelen. „In Amerika hätte man einen Karl Kraus gebraucht, als die Bush-Regierung in einen sinnlosen Irak-Krieg zog. Die Medien haben in dieser Zeit extrem manipulativ berichtet.“

Das Schweigen von Kraus nach der Machtergreifung der Nazis erklärt er mit der Einzigartigkeit der Situation: „Es war unangebracht, die gleiche Medien-Kritik gegen ein so viel größeres Übel wie das der Nazis anzuwenden.“ Erst neun Monate später kam eine vierseitige Ausgabe der „Fackel“ heraus, die die ganze Verzweiflung und Ohnmacht des einsamen Publizisten zeigt.

Jonathan Franzen: „The Kraus Project“. 336 S., Farrar, Straus and Giroux, $ 19, 39.

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