Josef Koudelka-Retrospektive : Die Wut bewahren

Der Magnum-Fotograf Josef Koudelka fotografierte Augenblicke. 1968 hielt er den Prager Frühling fest. Später dokumentierte er das Leben von Roma in Europa. Das C/O Berlin zeigt sein Lebenswerk.

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Bürgerprotest. Prag beim Einmarsch der Sowjets 1968. Das Bild wurde damals von Josef Koudelka aufgenommen - und anonym im Westen verbreitet.
Bürgerprotest. Prag beim Einmarsch der Sowjets 1968. Das Bild wurde damals von Josef Koudelka aufgenommen - und anonym im Westen...Foto: Josef Koudelka/Magnum

Wohl kein Ereignis des 20. Jahrhunderts ist derart durch die Aufnahmen eines einzigen Fotografen ins kollektive Gedächtnis eingegangen wie der Einmarsch der Sowjettruppen in die Tschechoslowakei im August 1968. Und dabei war Josef Koudelka, der diese „ikonischen“ Bilder mit seinen beiden Dresdner „Exakta“-Kameras aufgenommen hat, nicht einmal Reporter. Er war allerdings ein bereits erfahrener Fotograf, hatte sogar seinen Beruf als Luftfahrtingenieur im Jahr zuvor aufgegeben, um sich ganz der Theaterfotografie zu widmen. Parallel dazu betrieb er sein großes Projekt, das Leben der Roma in der östlichen Slowakei zu dokumentieren.

Dann also kam der August 1968. Der Schlag der Warschauer-Pakt-Staaten gegen den „Prager Frühling“ lag in der Luft. Im Morgengrauen des 21. August erhielt Koudelka, damals 30 Jahre alt, den Anruf, dass der Einmarsch begonnen habe; kurz darauf fotografierte er den noch menschenleeren Wenzelsplatz. Die Panzer rollten an, die Bürger gingen auf die Straßen in ohnmächtigem Zorn, versuchten insbesondere das Rundfunkgebäude als Ort freier Nachrichten zu halten, was nicht gelang. Flammen lodern, Rauch verdüstert die Häuserschluchten. Koudelka fotografiert Augenblicke: vor allem die Wut der Bürger, die die Nationalflagge schwenken und Rotarmisten anbrüllen, die sichtlich missmutig taten, was ihnen befohlen war. Die Fotos dokumentieren nicht den Ablauf der Besetzung, sondern – und das macht sie zu solch besonderen Zeugnissen – sie bannen die Atmosphäre in Bilder, die sich für immer einprägen.

Erst ein Jahr später wurden die Fotos veröffentlicht, im Westen und anonym, musste Koudelka in seiner bleischweren Heimat doch Repressionen befürchten. Ein weiteres Jahr später nutzte er eine Reise in den Westen, um in London politisches Asyl zu suchen. Jetzt war er Exilant.

Mit 33 Jahren wurde er Teil der renommierten Agentur Magnum

„Exiles“ heißt die Werkgruppe der Fotografien, die in den folgenden Jahren entstand, als Koudelka ruhelos in Europa herumreiste. So ist auch der zweite Teil der Retrospektive betitelt, die das Fotografie-Haus C/O Berlin jetzt ausrichtet, nach dem ersten Kapitel „Invasion“. Und als drittes Kapitel: „Wall“: eine Dokumentation der Abschottungsmauer, die Israel zwischen seinem originären Staatsgebiet und den besetzten palästinensischen Gebieten seit 2005 sukzessive errichtet.

Bereits 1971 nahm die berühmte Agentur Magnum mit Stammsitz in Paris Koudelka in ihre Reihen auf. Das war der Ritterschlag für den damals 33-Jährigen. Dabei wussten zwar die Magnum-Chefs, nicht aber die Öffentlichkeit um die Autorschaft an den Prager Fotos, zu der sich Koudelka erst 1984 mit einer in mehreren Ländern parallel veröffentlichten Buchpublikation bekannte. Bis dahin waren die auf verschlungenen Pfaden in den Westen geschmuggelten Aufnahmen von Magnum mit dem Nachweis „P.P“ für „Prague Photographer“ an Zeitschriften vermittelt worden. Es blieben die einzigen polithistorischen Aufnahmen Koudelkas.

Im Westen setzte er sein großes Roma-Projekt fort (eher ein Leben mit den Roma), in Südfrankreich, Spanien, Portugal, überall. Er verlegte zwar seinen offiziellen Wohnsitz nach Paris – wo er später die französische Staatsbürgerschaft erhielt –, war aber ständig auf Achse.

Er wollte sich seine gesunde Wut auf den Westen bewahren

Zum Lebensstil des Westens hielt Koudelka Abstand. Er wollte sich seine „gesunde Wut bewahren“, wie er auch jetzt wieder sagte, beim Besuch von C/O Berlin anlässlich seiner Ausstellung. Diese Wut richtet sich in jüngerer Zeit gegen den innerisraelischen Mauerbau, den er „ein Verbrechen gegen die Landschaft“ nennt. Die Sperranlagen hat er mit einer Panoramakamera aufgenommen, und im größten Saal von C/O ist das daraus entstandene Leporello mit 35 Breitwandfotos um eine hölzerne „Mauer“ herum aufgezogen, eine ebenso intelligente wie ästhetische Präsentation. Sie wird unterstützt von der großformatigen Projektion der Aufnahmen auf die Wand.

Unter den „Exilanten“-Bildern sind wiederum mehrere, die in den kollektiven Bildervorrat Eingang gefunden haben – der Hund auf der verschneiten Terrasse eines französischen Schlosses, die drei irischen Pilger auf Knien, der als Engel kostümierte Junge auf dem Fahrrad. Alle diese Bilder machen deutlich, wie grafisch Koudelka arbeitet, ausschließlich Schwarz-Weiß, mit der Betonung starker Kontraste, ohne je formalistisch zu werden.

Es erstaunt zu erfahren, was für ein Ordnungsfanatiker Koudelka ist: Alle Negative und Abzüge werden genauestens sortiert und beschriftet, und er führt penibel Buch über seine Reisen und Ausstellungen in aller Welt . Im kommenden Jahr ist Prag anlässlich seines 80. Geburtstags mit einer Retrospektive an der Reihe; dann will er den dortigen Museen 400 Fotografien schenken. Eine späte Heimkehr, mit Berlin als Etappe.

C/O Berlin, bis 10. September. Täglich 11-20 Uhr. Kein Katalog. Zur Serie „Exiles“ ist soeben erschienen: Josef Koudelka: The Making of Exiles. Paris 2017, bei C/O 42 €.

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