Joseph Roth : Das nomadisierende Chamäleon

Wie modern ist Joseph Roth? Anmerkungen zum 70. Todestag des österreichischen Schriftstellers.

Gregor Dotzauer

Das Lob der Wurzellosigkeit ist eine späte Erscheinung in der Geschichte der Kulturen. Ein so hoffnungslos entwurzelter Fortschrittsskeptiker wie Joseph Roth hätte es niemals als Fortschritt empfinden können. So wüst nach allen Seiten austeilend er 1934 in dem Essay „Der Antichrist“ gegen seine Epoche vom Leder zog, konnte er schon nicht mehr mit der Rückkehr zu einer haltbaren Identität, geschweige denn einem tragfähigem Glauben rechnen. Aber in seiner Fundamentalopposition gegen die moderne Zivilisation und den Hollywood-Film, den Bolschewismus und den Nationalsozialismus trug er noch die Erinnerung an eine andere, vermeintlich glücklichere Zeit in sich. Roth war, mit einem gern gebrauchten Wort, ein Dichter des Heimwehs, nicht der Heimat.

„Ich habe keine Heimat, wenn ich von der Tatsache absehe, dass ich in mir selbst zu Hause bin und mich bei mir heimisch fühle“, bekannte er in einem Brief. Der erste Teil dieses Satzes war seine ewige Klage, der zweite eine glatte Lüge. Zerrissener als Roth improvisierte kein Schriftsteller sein Leben zwischen Starjournalismus und Dauersuff. Die Flucht aus Deutschland gleich nach Hitlers Machtergreifung im Januar 1933 war dabei nur die dramatische Steigerung einer Flucht vor sich selbst. Über ihre Motive – den psychotischen Vater, den er nie kennenlernte, oder die geistige Erkrankung seiner Frau Friedl Reichler, die er als unheilbar zurücklassen musste – lässt sich viel spekulieren, die abschließende Diagnose sollte man ihm ersparen.

Missverständlichen Anklänge an Nihilismus?

Seine letzte feste Wohnung bezog er 1922 mit Friedl in der Potsdamer Straße in Berlin, wo er seinen ersten Roman „Das Spinnennetz“ schrieb. Vom Ende des Jahres 1923 an bis zu seinem mit 44 Jahren erschreckend frühen Ende im Pariser Hôpital Necker, am 27. Mai 1939, wohnte er nur noch in Hotels und führte ein Nomadenleben zwischen Wien, Paris und Amsterdam. „Ich habe noch nie die Fähigkeit gehabt, Möbel und dergleichen zu verstehen“, erklärte er. „Ich scheiße auf Möbel. Ich hasse Häuser.“

Mit einem positiven, von missverständlichen Anklängen an Nihilismus und vaterlandsloses Gesellentum freien Verständnis von Wurzellosigkeit hat das wenig zu tun. Ein solches Verständnis konnte erst in einer postkolonialen Welt und ihrer Literatur aufkommen. Die amerikanische Kritikerin Geeta Sharma Jensen hat etwa an der indischstämmigen Schriftstellerin Kiran Desai und ihrem 2006 mit dem Booker Prize ausgezeichneten Roman „Erbin des verlorenen Landes“ (The Inheritance of Loss) einen Zug ausgemacht, der das Wesen eines ganzen Zweigs von – überwiegend angelsächsischer – Migrantenliteratur ausmacht: „rootlessness as a kind of shelter“. Wurzellosigkeit als Zufluchtsmöglichkeit und Ausweg aus dem Dilemma, entweder die Werte der eigenen Herkunft zu verraten oder sich den neuen Werten nicht hinreichend anzupassen.

Nostalgischer Austroslawismus

Das Prekäre als Schutz vor allein selig machenden Traditionen zu betrachten ist freilich eine Kunst, die selbst Desai in ihrem vielschichtigen Panorama von Wirtschaftsflüchtlingen, zurückgelassenen Kolonialgewächsen und Globalisierungsgewinnlern nicht nur mit spielerischer Ironie vorstellt. In dem Maß, in dem dabei das Innerste unser aller Überzeugungen berührt wird, deren Begrenztheit wir erkennen müssen, ohne sie aufzugeben, handelt es sich um einen Kampf, der immer wieder neu ausgefochten werden muss – bei V.S. Naipaul aus Trinidad nicht anders als bei dem aus Bosnien stammenden Aleksandar Hemon („Lazarus“) oder dem aus China in die USA emigrierten Ha Jin („Ein freies Leben“). In den Essays seines Bandes „The Writer as Migrant“ hat Jin zudem gerade die besondere Rolle des Schriftstellers untersucht.

Wenn man versucht ist, schon Joseph Roth zum Vordenker eines patchworkfreudigen Weltbürgertums zu erklären, hat das mit Motiven zu tun, deren zeitgenössische Anmutung man erst gegen den Strich bürsten muss, um sie für heute tauglich zu machen. Was bei Roth nach fröhlichem Kosmopolitismus aussieht, ist in Wahrheit ein nostalgischer Austroslawismus, der sich nach der ordnenden Hand eines habsburgischen Kaisers sehnt. Und was wie multikulturelle Gewandtheit wirkt, ist von einem verzweifelten Gefühl des Verlusts durchzogen.

Roth zu lesen hat eine eigentümliche Spannung

Es ist nicht zuletzt die von keinem Staubkorn getrübte lateinische Klarheit seiner Prosa, die Gegenwärtigkeit suggeriert, gerade da, wo er untergegangene Welten wiedererstehen lässt. Als Erzähler war Roth, der Bewunderer von Stendhal und Flaubert, verglichen mit Franz Kafka, Robert Walser oder Alfred Döblin, ein Mann des 19. Jahrhunderts, auch wenn in seinen Romanen, dem „Hotel Savoy“, der „Flucht ohne Ende“ oder dem „Radetzkymarsch“, Entfremdungserfahrungen aufgehoben sind, die ins 20. Jahrhundert gehören.

Roth zu lesen hat deshalb eine eigentümliche Spannung. Mit jedem Jahr rückt die Welt, die er in seinen besten Romanen beschreibt, etwa dem „Hiob“ mit seiner Schtetl-Szenerie, in weitere Ferne. Die Erfahrung jedoch, der er Herr werden wollte, rückt uns ständig näher. Denn schon er war ein Schriftsteller des Dazwischens, der Bewohner eines Transitraums, in dem er sich nur nicht einzurichten wusste.

Österreich "ist eine Religion"

Er war vormodern durch seine Bindung an die archaische Welt des Ostjudentums. Modern durch die Umwertung aller Werte im Ersten Weltkrieg: „In einer einzigen Minute, die uns vom Tode trennte, brachen wir mit der ganzen Tradition, mit der Sprache, der Wissenschaft, der Literatur, der Kunst: mit dem ganzen Kulturbewusstsein. In einer einzigen Minute wussten wir mehr von der Wahrheit als alle Wahrheitssucher der Welt. Wir sind die auferstandenen Toten. Wir kommen, mit der ganzen Wahrheit des Jenseits beladen, wieder herab zu den ahnungslosen Irdischen.“ Und er war postmodern durch das Nebeneinander des Unvereinbaren, das sein ganzes Werk prägt.

Roth stammte aus Brody, einer galizischen Kleinstadt mit 17.000 Einwohnern, von denen zwei Drittel Juden waren, und er wuchs auf im 85 Kilometer entfernten Lemberg auf. Die jüdische Orthodoxie war ein wesentlicher Bestandteil seines Alltags. In Wien und Berlin geriet er dann in die Welt des Westjudentums und unter assimilierte jüdische Intellektuelle. Ihnen fühlte er sich zugehörig; gegen Ende seines Lebens entdeckte er aber auch sein Herz für den Katholizismus und behauptete verschiedentlich, er sei konvertiert. Über allem aber rangierte das Bekenntnis, das er in seinem Roman „Die Kapuzinergruft“ ablegt: „Österreich ist kein Staat, keine Heimat, keine Nation. Es ist eine Religion.“

Eine gewisse Naivität

Auch sonst ließ er keine Wendung aus. Roth begann als Gefühlssozialist – und endete als kakanischer Monarchist, ja Legitimist: Die Unantastbarkeit des habsburgischen Geschlechts stand für ihn außer Frage. Ungefähr auf halbem Weg, 1926, lag eine Russlandreise, die Roth von jedem linken Enthusiasmus heilte. Oder war es sein Faible für die französische Lebensart und seine Abscheu vor dem Grau des Kommunismus?

Es gibt kaum eine politische Äußerung von ihm, die er nicht irgendwann in ihr Gegenteil verkehrt hätte. Und doch könnte man behaupten, dass Roths ungeheuerliche Diskontinuität immer für dieselbe Sache stand, gerade weil sie oft nicht mehr war als ein Gefühl. Roths Werk hat bei aller publizistischen Empörung über die nationalsozialistische Barbarei etwas zutiefst Unpolitisches. Er dachte nicht in den Kategorien eines Gemeinwesens. Letztlich vertraute er mit einer gewissen Naivität auf das Menschliche im Menschen.

Einer der bestbezahlten Journalisten der Weimarer Republik

Vielleicht war Roth, einer der bestbezahlten Journalisten der Weimarer Republik, der mit teils erpresserischer Genialität seine Honorare aushandelte, auch nicht zu allen Zeiten charakterfest. Er beherrschte die Kunst der Anpassung an wechselnde journalistische Auftraggeber zwischen der liberalen „Frankfurter Zeitung“ und den rechtslastigen „Münchner Neuesten Nachrichten“. Andererseits hatte er – nicht nur wegen seiner Unfähigkeit hauszuhalten – einen horrenden Geldbedarf. Er musste den Sanatoriumsaufenthalt seiner Frau Friedl finanzieren, er half seiner Freundin Andrea Manga Bell, ihre Kinder aufzuziehen, und er hielt in den Restaurants und Caféstuben, die ein Leben lang seine Arbeitszimmer waren, gern Hof – und seine Gäste aus.

Der Historiker Wilhelm von Sternburg hat jetzt zu Roths 70. Todestag eine Biografie vorgelegt, die dem Chamäleon Roth gerecht zu werden versucht. 35 Jahre, nachdem der amerikanische Germanist David Bronsen seine bahnbrechende Biografie veröffentlichte, ist sie überfällig, zumal etwa mit den Erinnerungen von Roths Freund Soma Morgenstern wichtiges neues Material erschienen ist. Viel weiter ist er dennoch nicht gekommen – nur woanders hin. Der Mangel an großen Biografien hat natürlich auch mit einem Mangel an Faktischem zu tun, den Roth durch seine Mythomanie im Persönlichen nach Kräften schürte.

Roth fordert Leser, "die Achtung haben"

Auch Wilhelm von Sternburg muss ständig einander widersprechende Stimmen zitieren. War der Schüler Joseph Roth nun ein vergrübelter, verschlossener Mensch oder konnte er sich zum eloquenten Wortführer aufschwingen? Von Sternburg gewinnt die Opulenz seiner Darstellung durch die Einbettung in die historischen Umstände. Das ist gut lesbar, liefert aber Biografisch-Literarisch wenig Neues. Die Schlaglichter, die Heinz Lunzers neu aufgelegter und stark erweiterter Bildband auf Roths Leben und Werk wirft, sind da prägnanter – auch wenn nichts die Lektüre von Roth selbst übertrifft.

Seine Meisterschaft zeigt sich schon in einem Reportagezyklus wie „Juden auf Wanderschaft“, der den Spuren des Ostjudentums in aller Welt nachgeht und sich ausdrücklich nicht an jene Westeuropäer wendet „ die aus der Tatsache, dass sie bei Lift und Wasserklosett aufgewachsen sind, das Recht ableiten, über rumänische Läuse, galizische Wanzen, russische Flöhe schlechte Witze vorzubringen.“ Roth fordert Leser, „die Achtung haben vor Schmerz, menschlicher Größe und vor dem Schmutz, der überall das Leid begleitet“. Aus der Dezimierung der galizischen Wanzen sollte man nicht schließen, dass solch ein Respekt nicht immer noch eine höchst brauchbare Tugend wäre.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben