Jüdisches Leben : Im Schlaraffenland

Expedition ins jüdische Vorkriegs-Berlin: Fischl Schneersohns Roman „Grenadierstraße“.

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Die Geschichte beginnt am Alexanderplatz, aber von der Rasanz und dem Gewühle aus Alfred Döblins Großstadtroman ist wenig zu spüren. Das Berlin der Vorkriegszeit wirkt hier nicht wie ein Moloch, eher wie ein Kurort. Als der Gralnier Gaon, ein berühmter osteuropäischer Rabbi, auf dem Bahnhof Alexanderplatz eintrifft, wird er von chassidischen Juden mit langen Bärten und in dunklen Kaftanen erwartet. Die einfahrenden Züge pfeifen „ebenso fröhlich wie ordnungsgemäß“, Polizisten verströmen „feierliche Strenge“.

Der Rabbi ist nach Berlin gekommen, um sich an der Charité behandeln zu lassen. Er wird auf einer Krankenliege in einer „orientalischen Prozession“ zum Ausgang getragen, abgeschirmt von seinen Anhängern. Nur seine Pelzmütze ist zu erkennen, die über der schwarz gekleideten Menge auf und ab hüpft. Als Fotoreporter dazukommen, spannen die Juden Regenschirme auf. Das Gottesgebot, man solle sich kein Bildnis machen, ist wörtlich zu nehmen. Der Kern bleibt unsichtbar in diesem Buch.

Fischl Schneersohns Roman „Grenadierstraße“ ist 1935 auf Jiddisch in Warschau erschienen. Nun kommt das herausragende literarische Dokument, das vom jüdischen Leben in Berlin in der Zeit vom späten Kaiserreich bis in die Weimarer Republik erzählt, erstmals in einer deutschen Übersetzung heraus. Nach dem Ersten Weltkrieg war die Reichshauptstadt zum Zufluchtsort für zehntausende Juden geworden, die der Verfolgung in den ehemaligen Gebieten des Russischen Zarenreichs und der Habsburger Monarchie entkommen wollten. Es entstand eine blühende Kultur, um 1924 existierten rund 50 jiddische Verlage.

Fischl Schneersohn, 1887 als Spross einer Rabbinerfamilie in der Ukraine geboren und bereits mit 15 als „genialer Talmudkenner“ gepriesen, hatte ab 1910 an der Friedrich-Wilhelms-Universität Medizin studiert, später als Psychiater und Dozent in Petrograd und Kiew gearbeitet und war 1923 nach Berlin zurückgekehrt. Auch als Schriftsteller verstand er sich als Wissenschaftler, sein Ziel war, „konkret den psychischen Ozean der Persönlichkeit mit allen seinen Abgründen und wuchtigen Fluten“ darzustellen.

„Grenadierstraße“ funktioniert wie eine Expeditionsreise in eine unerschlossene Fremde, die ihre ostjüdischen Leser in die Welt der assimilierten deutschen Juden führt. Als Cicerone fungiert dabei der Held Johann Ketner, der hochgebildete, nervös sinnsuchende Sohn eines Bankiers, für den die Religion nur noch ein „Kompott“ ist. Das Milieu, in dem sich Wohlstand und Kälte treffen, erinnert an Heinrich Manns Berlinroman „Im Schlaraffenland“ aus dem Jahr 1900, einer Satire über eine neureiche Salongesellschaft mit antisemitischen Untertönen. Mit dem frühen Tod der Mutter ist Johanns Bindung zum Judentum gekappt worden, seitdem gehört er zu den spirituell Heimatlosen.

Aber er spürt eine Sehnsucht, er weiß. dass es „etwas Großes und Heiliges“ geben muss. Johann sucht dieses „Etwas“ bei einem Medizinstudium, unter Korpsstudenten, Sozialisten und Zionisten, in Vergnügungstempeln und auf einer Weltreise. Außerdem verliebt er sich. Aber nichts vermag seinen faustischen Erkenntnisdrang zu stillen. Dabei liegt die Lösung ganz nahe, in der Grenadierstraße. Die Grenadierstraße liegt im sogenannten Scheunenviertel, einem legendären, mythenbeladenen Ort. In dem Elendsquartier hatten sich orthodoxe Ostjuden gesammelt, Hausierer, Krämer, Handwerker. Die akkulturierten Juden der Vätergeneration warnen vor dem Fanatismus der Gläubigen und fürchten, die Grenadierstraße könne ihre Kinder „infizieren“. Als Johann einem misrech-jid, einem Ostjuden, in die Augen blickt, steigt in ihm das „Heimatgefühl des Mutterbodens“ auf. Doch betreten wird er die Grenadierstraße bis zum Ende nicht.

„Hört, wie die Geschichte weitergeht!“, „Dann geschah etwas Sonderbares“ oder „Zu jener Zeit ereignete sich ein außerordentlich dramatischer Vorfall“, raunt Schneersohn, im altväterlichen Erzählton bemüht, die Aufmerksamkeit seines Publikums zu fesseln. Um die Dramatik des Geschehens voranzutreiben, greift er auf Kolportageelemente und die Cliffhangerdramaturgie der Zeitschriftengeschichten zurück. Immer wieder gelingt es ihm, Zeitgeschichte szenisch zu verdichten. Im Anatomiesaal der medizinischen Fakultät vermischen sich Sprachen, „hier Deutsch, dort Russisch, Jiddisch, einmal auch Hebräisch“. Die deutsch-jüdische Symbiose scheint allerdings nur so lange gelungen, bis es um 1912 – der Student Schneersohn hat es selbst erlebt – zu wütenden Protesten gegen das „Ausländerstudium“ kommt.

Hass lässt sich schwer zähmen. „Man kann mit einem Juden nicht ebenbürtig kämpfen, man muss ihn wie ein Raubtier vernichten“, verkündet ein deutschnationaler Student, den späteren Auslöschungsversuch vorwegnehmend. Fischl Schneersohn entkommt der Shoah, indem er 1937 nach Tel Aviv emigriert. Dort arbeitet er, wie schon in Berlin, mit psychisch auffälligen Kindern. Er stirbt 1958. Christian Schröder

Fischl Schneersohn: Grenadierstraße. Roman. Aus dem Jiddischen von Alina Bothe. Wallstein Verlag, Göttingen 2012. 277 S., 19,90 €.

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