Jugendkultur und Heimat : Jugend sucht

Kampfbegriff und Konfliktstoff, Trost und Illusion: Was ist das eigentlich – Heimat?

Mario Erdheim
Junge Bergwanderer vor Schloss Neuschwanstein bei Füssen.
Verlustobjekt Heimat. Ins Bewusstsein rückt sie erst, wenn das selbstverständlich Vertraute schwindet. Junge Bergwanderer vor...Foto: IMAGO

In der Kindheit heißt Heimat so viel wie Familie, Zuhause. Gehört eine Familie zu einer Minderheit der Bevölkerung, so fängt die ebenso verlockende wie beängstigende Fremde gleich vor der Haustür an. Für Minderheiten fallen Familie und Heimat zusammen. Gehört eine Familie zur Mehrheit, dann gilt auch, was jenseits der Haustür liegt, als Heimat.

Mit der Pubertät eröffnen sich neue Probleme. Die Ablösung von der Familie steht an. Muss jemand mit der Trennung auch das Heimatliche aufgeben, weckt das starke Ängste. Nun ist Ablösung von der Familie Aufgabe eines jeden Menschen – eine schwere Aufgabe, denn sie bedeutet weit mehr als das bloße Fortziehen: Um sich auch Fremden in Liebe zuzuwenden, dafür ist seelische Arbeit erforderlich.

Heimat hat die merkwürdige Eigenschaft, dass sie vor allem dann ins Bewusstsein rückt, wenn man sie verliert, wenn das selbstverständlich Vertraute schwindet. Somit wäre Heimat ein Verlustobjekt, das erst wenn es verloren geht, bewusstseinsfähig werden kann. Und es ist auch ein „Übergangsobjekt“, wie der britische Kinderarzt Donald Winnicott es definierte. Aber um was für einen Übergang – woher, wohin – handelt es sich?

Was vertraut ist, kann fremd werden

Ökonomische Not, Kriege und Vertreibungen sind Gründe zum Weggang aus der Heimat oder zur Flucht – wir erleben dies bei den Flüchtlingen, die aus dem arabischen Raum und Afrika nach Europa kommen. Ebenso haben Utopien eine forttreibende Kraft, der Wunsch nach mehr Freiheit oder dem Erkunden der Ferne. Doch auf welches Ziel drängt die Ablösung hin? Hier liegt ihr Problem: Man will weg, man muss weg, aber wohin, das ist nicht genau zu fassen.

Heimat ist auch als Wort merkwürdig. Es lässt sich ableiten von „Heim“, elterliches Haus. Allmählich aber verlor das Wort seine positive Konnotation als schützender Ort, und dieser Wandel färbte auf den Heimatbegriff ab. Schiller spricht im „Wilhelm Tell“ von der „Heimat, die zur Fremde geworden ist“. Was vertraut war, das kann also fremd werden. Auch das Jenseits konnte zur selbsterkorenen Heimat werden: Dem frommen Christen gilt der Himmel als Heimat, auf der Erde weilt er nur als Gast und Fremdling.

Mit dem Aufkommen der Staatsgrenzen und Nationalismen ging ein dramatischer Wandel des Heimatbegriffs einher. Je bürokratischer bestimmt wurde, wer als Staatsbürger gelten darf, desto wehmütiger, sentimentaler wurden die Heimatlieder. Heimat und Staat jedoch sind zwei völlig verschiedene Phänomene. Im idyllischen Konzept der Heimat versammelt sich, was einem am Zuhause wünschenswert schien, in Wirklichkeit aber nie so war: Heimat als Illusion, wie in Heimatfilmen trefflich inszeniert.

So dient der illusionäre Raum „Heimat“ dazu, „die gute alte Zeit“ der Vergangenheit darzustellen. Auch im politischen Verhalten: Hinwegtrösten soll der Heimatgedanke über eine bedrohlich wirkende Gegenwart, die auf eine Katastrophe zu warten scheint. Als Übergangsobjekt dient Heimat also nicht nur dazu, sich von der Familie zu trennen, indem man verklärte Erinnerungen produziert, sondern auch dazu, den Übergang von der Vergangenheit in die Angst erregende Gegenwart zu ertragen.

Kompensation des Traumas mit "Heimat"

Ich möchte diese Überlegungen mit dem Fall eines Jungen illustrieren, von dem die Analytikerin Annette Streek-Fischer berichtet. Bis er drei Jahre alt war, erlebte Bernd eine emotional instabile Mutter und einen trinkenden, schlagenden Vater. Dann kam Bernd in ein Heim, das wegen verwahrloster und fragwürdiger Zustände geschlossen wurde. Zum zweiten Mal hatte er eine Heimat verloren, zum zweiten Mal eine üble. Im Alter von sechs fanden sich Adoptiveltern, das Kind schien sich endlich gut zu entwickeln. Der Schein trog. Mit 13 faszinierten Bernd Gewaltvideos, mit 17 Gewaltakte gegen Ausländer. Er landete in einer rechtsradikalen deutschen Gruppe.

Dort wiederholte Bernd die Vertrautheit mit der traumatischen Heimat seiner frühen Kindheit und fand zugleich eine „Lösung“ für seine innere Not. Was er passiv erlitten hatte, wollte er jetzt aktiv anderen zufügen; ein unbewusster, wirkungsloser Selbstheilungsversuch für die frühen Verletzungen und Narben.

Der Jugendliche meinte, in der neuen „Heimat“-Gruppe die frühe Ohnmacht zu kompensieren. Zugleich suchte er sich Leute aus, die die NS-Geschichte der Eltern und Großeltern leugnen, und diese zu Helden machen, die sich „für die Heimat geopfert“ hätten. In einer doppelten Bewegung hat er frühe Erfahrung regressiv wiederholt sowie die fatale Kriegsgeschichte verzerrt.

Heimat kann auch ein Gefängnis sein

In ähnlicher Dynamik fungieren „Heimat“ und „Volk“ als Übergangsobjekte. Innen und Außen, Fantasie und Realität, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind zentrale Kategorien für Identität und Orientierung. Es braucht viel Energie, sie zu entwickeln und sie aufrechtzuerhalten, zumal in Krisen. Diese Energie stand Bernd nicht zur Verfügung, sodass die Gegensätze nicht mehr recht unterscheidbar waren. Verdrängte Traumata, Gewaltvideos, das Quälen von Ausländern oder Invaliden verschwimmen ineinander, Traum und Wachen sind nicht mehr klar auseinanderzuhalten. Das gilt für Individuen wie für Gruppen: Heimat kann auch ein Gefängnis sein.

Freiheit wiederum ist ohne Heimatlosigkeit kaum zu haben. Während der Ablösung vom Elternhaus schaffen sich Jugendliche oft Hilfs- oder Nebenwelten, in denen sie sich neu einzurichten suchen, etwa mit Popmusik, Sport oder Fantasiesphären – mit Jugendkulturen.

Max Weber definiert Kultur als „ein mit Sinn und Bedeutung bedachter Ausschnitt aus der sinnlosen Unendlichkeit des Weltgeschehens“. Das lässt sich gut auf Jugendkulturen übertragen. In der Adoleszenz, im Ablösungsprozess von der Familie, werden Sinn und Bedeutung vor allem durch Sexualität, Größenfantasien sowie den Drang nach Intensität geschaffen.

Kultur ist ja nicht einfach das Überlieferte, sondern vor allem das Ergebnis der Auseinandersetzung mit Fremden, mit der Natur, anderen Menschen, Stilen und so fort. Auch Jugendkulturen sind solche Auseinandersetzungsprozesse mit dem Fremden. Alles, was mit dem Erwachsensein zu tun hat, ist dem Heranwachsenden fremd. Die Leerstelle, in der er sich findet – nicht mehr Kind, noch nicht Erwachsener – muss er mit Fantasien zu füllen versuchen, zugleich muss er oder sie lernen, mit den eigenen Trieben und Wünschen umzugehen. Auch sie sind zunächst fremd und müssen in das sich entwickelnde Eigene übersetzt werden.

Je vertrauter dem Jugendlichen dieses Fremde wird, desto fremder wird ihm das, was bisher vertraut war, seine Kindheit, die Herkunftsfamilie. Bloß nicht „kindisch“ wirken! In dem Maße aber, in dem die eigene Kindheit fremd wird, erlangt sie unbewusste Relevanz für die Jugendkultur! Denn auch die fremd gewordene Heimat der Kindheit wird nun noch einmal neu verhandelt. Schön illustrieren lässt sich das anhand einer ethnografischen Recherche von Gabriela Muri in der Zürcher Technoszene. Da erzählt etwa ein DJ über Ecstasy als „soziale Droge“, die einen Mitteilungsdrang auslöse, der „wie Klebstoff“ auf die Gruppe wirke. Soziale Netze entstehen, die nicht zufällig als „family“ bezeichnet werden, solidarische Ersatzfamilien, aus einem Defizit heraus gebastelt.

Zwischen Abschied und neuen Ufern

Zwei Tendenzen befinden sich im Widerstreit: die Suche nach Geborgenheit und das Streben nach dem Neuen. Kindheit steht heute im Zeichen behüteten Wohlbefindens, Adoleszenz will das Neue. Doch zwischen dem Wunsch nach neuer Intensität und Gefahr sind die Grenzen fließend, für dessen Risiko stehen Namen wie James Dean, Kurt Cobain, Janis Joplin, Michael Jackson oder Britney Spears. Doch ohne Krisen kein Zugang zu den Problemen, die der Bildung neuer innerer Räume im Weg stehen. Sonst entsteht Stagnation, die Fixierung auf familiäre Objekte.

Meist klagt das Umfeld der Jüngeren ja über Infantilismus, Regression (in der Musik, im Drogenrausch) oder Unordnung (der Jugendliche wäscht sich selten, räumt sein Zimmer nicht auf). Aber es geht darum zu erkennen, dass sich in diesen Verhaltensweisen auch der fremd gewordene Stoff – die Kindheit – befindet, der neu angeeignet werden soll.

Das zu verstehen, kann zu einer fruchtbaren Auseinandersetzung mit Jugendlichen führen, die dabei sind, sich eine eigene Heimat zu schaffen. Man kann die enorme Vielfalt von Jugendkulturen als notwendige Experimentierfelder betrachten, da die Zukunft unserer Gesellschaft voller Ungewissheiten steckt, und der unhintergehbare Verlust der Heimat immer deutlicher wird. Viele Abschiede stehen bevor, aber viel Neues auch.

Die Jugend bietet eine zweite Chance

Klaus Farin, Berliner Experte für Jugendkulturen, geht davon aus, dass sich rund 20 Prozent der Jugendlichen aktiv an diesen Kulturen beteiligen, sich als Punks, Gothics, Emos, Fußballfans, Skateboarder, Sprayer, Veganer etc. verstehen. Dieses Fünftel wirkt auf die Orientierung der Mehrheit der restlichen Jugendlichen ein, und jeder Szenekern besitzt einen Hof von Sympathisanten, der wie bei Techno und Hip-Hop Millionen Menschen umfassen kann. Die Menge und Unterschiedlichkeit von Jugendkulturen lässt sich als Ausdruck der Suche nach neuen Heimaten interpretieren.

Wenn die Adoleszenz Facetten der Kindheit wieder aufnimmt und neu durcharbeitet, führt sie alte Probleme neuen Lösungen zu. So kann man auch von der zweiten Chance sprechen, die die Jugend bietet. Hoffen wir, dass sie auch heute noch die Aufgabe übernehmen kann, neue Übergänge zu schaffen und sich von der alten Heimat der Nationalismen zu lösen.

Mario Erdheim lebt als Ethnologe und Psychoanalytiker in Zürich. Sein hier gekürzter Text beruht auf einem Vortrag auf der Jahrestagung der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft zum Thema „Heimatlosigkeit“ in Stuttgart.

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