Julia Zanges "Realitätsgewitter" : Jede Sekunde volle Entscheidungsfreiheit

Ganz in der Gegenwart: Die Szene-Autorin Julia Zange begibt sich mit ihrem Roman „Realitätsgewitter“ in die digitale Wärmestube der sozialen Netzwerke.

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Zu Hause in den sozialen Netzwerken. Gäste im Cafe St. Oberholz an ihren Laptops.
Zu Hause in den sozialen Netzwerken. Gäste im Cafe St. Oberholz an ihren Laptops.Foto: picture alliance / dpa

Am zweiten Buch sind schon viele gescheitert. Julia Zange war immerhin so klug, sich damit Zeit zu lassen. Acht Jahre ist es her, dass die Open-Mike-Gewinnerin von 2006 mit ihrem Berlinroman „Die Anstalt der besseren Mädchen“ debütierte und viel Lob einheimste. Es folgten Kurzgeschichten und die Hauptrolle in dem Film „Mein Bruder Robert“.

Der zweite Roman der heute 30-jährigen Szene-Autorin heißt „Realitätsgewitter", ist 150 Seiten kurz und erinnert sehr an einen Onlineblog. Eine typische Großstädterin Anfang zwanzig lässt sich mit viel Lebens- und Herzschmerz durch das Berlin von heute treiben. „Heute“ ist dabei wörtlich zu verstehen, denn Gegenwart und Gegenwartsnähe spielen in diesem natürlich im Präsens erzählten Roman eine große Rolle. „Realitätsgewitter“ beginnt kurz vor Weihnachten 2015 und endet ein paar Monate später. Die zeitliche Verortung ist möglich, weil auch jemand, der wie die Ich-Erzählerin Marla nur um sich selbst kreist, dank Blinkfeed oder News-Alert etwas von der Welt mitbekommt: von den Anschlägen in Nizza oder Würzburg etwa oder Donald Trumps Wahlkampagne.

Bleibt der Facebook-Messenger stumm, kommt Panik auf

Sind das etwa die vom Titel angekündigten Unwetter der Wirklichkeit? Falls ja, so bleiben sie doch weit weg, hinter schützendem Glas sozusagen. Allenfalls mustert Marla einmal im Zug kurz beunruhigt ihre Mitreisenden. Und die Überlegung, vielleicht mal in einem Flüchtlingsheim zu helfen, ist nur Partygeschwätz; kurz danach heuert die Studienabbrecherin doch lieber bei einem Avantgarde-Modemagazin an. Überhaupt liest die junge Frau, die das Gefühl hat, „nur aus Gegenwart“ zu bestehen, die Nachrichten allenfalls notgedrungen. Dann nämlich, wenn sich auf dem iPhone sonst keiner ihrer 1675 Facebook-Freunde meldet. Wobei im Lauf des Romans etliche dazukommen. Die sozialen Netzwerke sind die digitale Wärmestube, die stets offensteht, wenn orientierungslose Großstadtsingles wie Marla die Einsamkeit überkommt: dank immer neuer Einladungen oder Anfragen, zu einem „anonymen Weihnachtsdinner“, zu allabendlichen Partys oder unverbindlichem Sex. Bleibt der Facebook-Messenger stumm, kommt Panik auf, das Gefühl, „allen scheißegal“ zu sein. Vor allem aber der Wunsch, von jemandem einmal in den Arm genommen zu werden.

Zanges Roman ist eine enervierende Abfolge solcher (Nicht-)Begegnungen mit irgendwelchen superkreativen, metrosexuellen Mittzwanzigern, in der Kreuzberger Schwulenbar „Ficken 3000“ oder im „Soho House“. Immerhin: Am Ende führt eine Reise erst zu Marlas Eltern in die nordrhein-westfälische Provinz, dann allein nach Sylt (damit jeder die Anspielung versteht, fällt prompt der Name „Christian Kracht“) zu einer Art Reifeprozess. „Das Leben ist zu kurz, um sich nicht anzustrengen“, heißt es dann, und: „Wir haben eine Entscheidungsfreiheit jede Sekunde“.

"Krass, wir haben 51 gemeinsame Freunde"

Ein bisschen Coming-of-Age halt. Wobei Marlas Streit mit ihrer Mutter so übertrieben wie klischeehaft verläuft. Zu ernsthaften Gesprächen mit ihrer Tochter ist die professionelle Lebensberaterin nur in Gegenwart eines Psychologen bereit, einstweilen beschimpft sie Marla als „undankbaren kleinen Teufel“.

Dass sich Zanges Eltern wiedererkannt haben wollen und im Dezember eine (laut Verlag inzwischen abgewiesene) einstweilige Verfügung gegen den Roman einreichten, sorgt zumindest für ein bisschen verkaufsförderliche Authentizität, wie sie für diese Art Literatur offenbar unabdingbar ist. Letztlich zählt das literarische Handwerk. Und da gibt es in diesem stilistisch ambitionslos geschriebenen Roman wenig, das man nicht anderswo besser gelesen hätte, bei Ronja von Rönne, Kathrin Weßling oder dem US-Autor Tao Lin. Lin hat 2015 mit „Taipeh“ das literarische Nonplusultra in Sachen Alltagsprotokoll heutiger Digital Natives und Großstadtnomaden vorgelegt. Von Julia Zanges „Realitätsgewittern“ dürfte nur eins in Erinnerung bleiben: dass junge Leute, die sich heute auf einer Party kennenlernen, als Erstes schauen, wie viele gemeinsame Facebook-Freunde sie haben. „Krass, wir haben 51 gemeinsame Freunde“, ist Marlas Partygegenüber begeistert. „The Maximum I once had was 371.“

Julia Zange: Realitätsgewitter. Roman. Aufbau Verlag. 157 Seiten, 17,95 €.

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