Jurjews KLASSIKER : Allein auf der Bühne

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Georg Kreisler, der Autor giftig schöner Lieder und schön giftiger Bühnenstücke sowie mancher weniger bekannter Prosa, hat es vor seinem Tod zum Glück noch geschafft, sein literarisches Werk dem tüchtigen Verbrecher Verlag anzuvertrauen. Das ist beruhigend: Ein lebender Autor ohne Verlag ist ein unglücklicher Mensch, aber immer noch am Leben. Ein toter Autor ohne Verlag ist richtig tot. So kann Kreisler, der im vergangenen Herbst mit 89 Jahren starb, noch eine Weile weiterleben.

„Ein Prophet ohne Zukunft“, 1990 schon einmal erschienen, liegt nun in einer vom Autor stark überarbeiteten Fassung vor. Der Roman ist somit sein letztes Buch. Es zeichnet den Lebensweg Erwin Achlers nach, der am Ende des Zweiten Weltkriegs als Folge eines Heimaturlaubs seines Vaters Franz in Wien geboren wird. Im Nachkriegs-Wien wird Elli, die Mutter, zu einer zynischen Geschäftsfrau. Franz, ehemals glühender Jungnazi, kehrt aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück und wandert, von Ellis Untreue enttäuscht, nach Australien aus, schickt aber Geld für seinen Sohn (unter der Bedingung, Briefe über ihn und später von ihm zu bekommen). Der Sohn geht nicht (wie berichtet wird) studieren, sondern steht Schmiere. Nach dem Jugendknast betreibt er Wahrsagerei, lässt sich von Frauen aushalten, trinkt und leidet. Und täuscht dem australischen Vater mithilfe seiner Mutter und ihres Freundes weiterhin ein bürgerliches Leben und später Geldnöte vor.

Anfangs ist das eine Prosa, die sich sichtbar – oder besser gesagt: hörbar – bemüht, nicht wie ein Gedicht oder Liedtext anzumuten: „,Leben‘ rückwärts gelesen ergibt ,Nebel‘“ – das ist der erste Satz des Buchs. Wahrscheinlich war es für Georg Kreisler bedeutend leichter zu reimen, als nicht zu reimen, und einfacher, im Jambus oder Trochäus zu schreiben als ohne Metrum.

Doch noch wichtiger ist die Zeitgrenze in diesem Roman. Eingangs treffen wir lebendige Menschen: Jungnazis, Wiener Arbeiter, verliebte Mädchen oder einfach Passanten. Die Stadt selbst wirkt dreidimensional. Mit dem Anfang des Weltkriegs beginnt alles, allmählich zu verflachen, mit seinem Ende verwandeln sich Menschen in Erzählfunktionen. Auch Erwin, der künftige Schelm, wird bereits als Funktion geboren. Den blühenden, glänzenden, klingenden Nebel des ersten Kapitels atmen wir nicht mehr ein.

Es kann keine Rede davon sein, dass dies ein schlechter Roman sei. „Ein Prophet ohne Zukunft“ ist ein Schelmenroman voller Scherze und Einfälle, und er liest sich gut. Gewissermaßen automatisch wird der Leser dazu gebracht, mit dem Helden mitzufühlen und sich mit ihm zu identifizieren. Nicht aber der Autor.

Die gesellschaftskritische Aktualität von allem, was Kreisler schrieb, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Wien der zwanziger und dreißiger Jahre, das er 1938 verlassen musste, das einzige Raum-Zeit-Kontinuum blieb, das er liebte, kannte und begriff. Er konnte und wollte kein anderes Leben hinnehmen, am wenigsten in Österreich und in Wien schon gar nicht. „Wien ohne Wiener“ – das ist das Wien ohne diese Wiener, das Wien von damals.

Dieses mächtige Unverständnisvermögen wurde zu einem mächtigen Vehikel für Kreislers Lieder und Bühnenstücke; die Weigerung, sich mit der Weltgeschichte zu arrangieren, ist für die Satire immer fruchtbar. Doch in einem Roman, satirisch oder nicht, muss der Autor seine Helden lieben und begreifen. Zumindest ein bisschen.

Ich weiß nicht, ob es sich für den Verfasser dieser Kolumne gehört, zu erklären, dass ihn Georg Kreislers Situation an die Situation von Schmulik erinnert, den tragischen Helden eines Theaterstücks, das er selbst vor 28 Jahren geschrieben hat. Das Kind einer jüdischen Familie, die ein Bahnhofsbuffet betreibt, wird am Anfang des Stücks in den Nachbarort geschickt, um eine Schere zu holen. Das Stück geht weiter ohne ihn, erweist sich als mehrfaches Theater im Theater (oder als mehrfache Probe in einer Probe), am Ende gehen die Schauspieler weg und auf der leeren Bühne erscheint Schmulik. Mit der Schere. Ich vermute, so waren die langen Jahrzehnte von Georg Kreisler „nach dem richtigen Wien“: ohne Menschen seiner Art, ohne den Zeit-Raum, in den er hineingeboren worden war, auf einer leeren Bühne. Und was sollte er tun, wenn er schon allein auf dieser Bühne stand?

Richtig: auftreten!

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