Jurjews KLASSIKER : Pseudonyme und Mnemosyne

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Am 2. Februar 1942 verhungerte ein gewisser Daniil Juwatschow 36-jährig in der psychiatrischen Abteilung des Leningrader Gefängnisspitals Kresty. Juwatschow war unter zahlreichen Literaturpseudonymen bekannt, von welchen eines zu seinem eigentlichen Namen geworden war: Charms. Ich würde Harms bevorzugen, doch Charms hat sich nun einmal leider eingebürgert, obwohl die Aussprache dadurch unklar wird: Tscharms, Scharms, sogar Karms. Das Pseudonym hatte er eigenhändig in seinen Ausweis geschrieben, was der Staat als mutwillige Beschädigung seines Eigentums hätte auffassen können. Seither trug er mehr oder weniger offiziell den Namen Juwatschow-Charms.

Mit Ausbruch des Krieges wurde er verhaftet und beschuldigt, bereit gewesen zu sein, abziehenden Rotarmisten in den Rücken zu schießen. In der Haft tat Charms dann beharrlich so, als ob er verrückt wäre – auch wenn er tatsächlich viele Ticks und Besonderheiten hatte. An seinem Tod war nichts Außergewöhnliches für den ersten Belagerungswinter in Leningrad, nur der Ort war ungewöhnlich. Die Straßenränder waren voll von Hungerleichen, die Tagesbrotnorm für Kinder betrug 250 Gramm, für Familienangehörige ohne Eigenverdienst 300.

Kurz nach Charms’ Tod machte sich der Philosoph und Musikwissenschaftler Jakow Druskin quer durch die ganze Stadt zur Wohnung des Freundes auf. Auf einem Kinderschlitten, dem Haupttransportmittel im belagerten Leningrad, auf dem auch regelmäßig Leichen zu sehen waren, brachte er Charms’ gesamtes Archiv vor den Bomben, vor den Heizherden der Nachbarn, vor Regen und Schnee in Sicherheit. Nur dank seines Einsatzes sind Texte von Charms jenseits seiner Kinderbücher erhalten. Auch viele Werke des bedeutenden Dichters Alexander Wwedenskij, der einen Monat zuvor, im Dezember 1941, auf dem Weg von Charkow nach Kasan zu Tode gekommen war, sind nur dadurch erhalten, dass Charms sie aufbewahrt und Druskin sie mitgenommen hatte.

In Deutschland ist Charms seit den 60er Jahren kein Unbekannter mehr, in erster Linie dank Peter Urban, der ihn 1966 in einer tschechischen Zeitschrift las und sofort mit der Übersetzung begann. Aber auch viele andere Übersetzer hatten Anteil an der Verbreitung dieser Werke, die mit verstörender Logik das Bild der alltäglichen Existenz zum Kippen bringen. Daniil Charms ist in Deutschland seit über 20 Jahren kein Geheimtipp mehr, sondern längst ein geheimer Klassiker.

Dabei wird seine Poetik oft missverstanden. Man sieht in Charms’ Texten beinahe politische Fabeln und liest von ihnen Andeutungen auf reale Geschehnisse (Verhaftungen, Tode, Katastrophen) ab. Solche Deutungen sind verständlich, aber wohl falsch: In den 20er Jahren standen Charms und seine Freunde als junge Avantgardisten eher links, und damit nicht gegen den kommunistischen Staat. Erst in den 30er Jahren vollzogen sie eine politische und literarische Wandlung, die sie weit weg, in eine Verweigerungshaltung führte.

Nicht nur in ihren Texten, sondern auch in ihrem Alltagsleben versuchten sie die im Aufbau befindende Sowjetkultur zu ignorieren, sich mit Gegenständen und Zuständen zu beschäftigen, die nicht sowjetisch und nicht antisowjetisch, sondern „abseits“ waren.

Doch Charms’ Texte sind auch nicht „sinnlos“ oder komödiantisch absurd. Sie gehören zur russischen Variante des Existenzialismus. Es ist die strukturelle Sprachkritik und die abstrahierte Lyrik, die sich mit poetologischen, sprachlichen und theologischen Problemen beschäftigt, die Charms und sein Kreis von der russischen vorrevolutionären Moderne geerbt hatte.

Mit dem Tod von Wwedenskij und Charms hörte diese großartige Kultur endgültig auf, um 25 Jahre später mit Iossif Brodskij und Leonid Aronson und vielen anderen Leningrader Dichtern der 60er Jahre quasi aus dem Nichts wieder zu entstehen – auf einer ganz anderen menschlichen und kulturellen Grundlage. „Das Leben siegte in einer mir unbekannten Weise“, wie es in einem Text von Charms prophetisch steht.

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