Justine Triets Film "Victoria" : Lebenskrise auf Französisch

Skurrile Bildideen, doppelbödige Dialoge: Justine Triets „Victoria“ ist nicht nur romantische Komödie, sondern auch Drama und Farce mit viel schwarzem Humor.

Stella Donata Haag
Herrin des Chaos. Victoria versucht ihr Leben in Ordnung zu bringen.
Herrin des Chaos. Victoria versucht ihr Leben in Ordnung zu bringen.Foto: Alamode

Justine Triets Film „Victoria“ hat ein offensichtliches Problem: Sein Originaltitel kommt auf dem hiesigen Kinomarkt Sebastian Schippers Berlin-in-einer-Einstellung-Experiment in die Quere. Zur Unterscheidung bringt der deutsche Verleih den französischen Film, der letztes Jahr in Cannes einen Überraschungserfolg feierte, unter dem klamaukigen Titel „Victoria – Männer & andere Missgeschicke“ in die Kinos. Ein Etikettenschwindel, der inhaltlich aber schon wieder passt. Denn hinter der Fassade der romantischen Komödie verstecken sich Drama, Farce und ein ziemlich schwarzer Humor.

Die Enddreißigerin Victoria versucht mit mäßigem Erfolg, ihren Alltag als Anwältin und alleinerziehende Mutter mit den eigenen emotionalen und erotischen Bedürfnissen in Einklang zu bringen. Männer sind dabei eher ein Teil des Problems als die Lösung. Gleich zu Anfang kündigt der Babysitter mit dramatischer Geste, weil er sich nicht angemessen wertgeschätzt fühlt. Nur knapp schafft es Victoria deshalb auf die Hochzeit eines Freundes, eine pompöse Feier in besseren Kreisen, in denen längst keiner mehr an das Ideal der Liebe glaubt. Als Ergebnis der aus dem Ruder gelaufenen Party hat Victoria am nächsten Morgen einen neuen Mandanten: Ihr Ex-Liebhaber Vincent, gut aussehend, selbstbezogen und notorisch unzuverlässig, soll seine Freundin mit einem Messer zum Sex gezwungen haben.

Schweigen als Bedrohung

Neben aktuellen und verflossenen Klienten, Freunden, Therapeuten und wechselnden Bettgenossen gibt es in Victorias Leben auch David, den Vater ihrer beiden Töchter: ein Möchtegern-Schriftsteller , der ihre Beziehung in einem literarischen Blog ausschlachtet. Der authentischste dieser Männlichkeitsdarsteller ist noch der ehemalige Dealer und Konditorlehrling Sam, der plötzlich Anwalt werden will und in stiller Verehrung vorübergehend auf Victorias Couch unterkommt. Er kümmert sich um ihre Töchter, die meist halb nackt herumturnen und von Medien ruhiggestellt werden. Die Mädchen begleiten die Geschichte wie ein stummer Chor, Überreste eines gescheiterten Lebensmodells.

Der Komödienstoff, den Victorias Leben darstellt, wird auf eine unsentimentale Weise tatsächlich ziemlich komisch vorgeführt: mit skurrilen Bildideen und doppelbödigen Dialogen, sehr französisch in ihrer Sprachlust. Das Schweigen wird im gesellschaftlichen Raum scheinbar als Bedrohung wahrgenommen. Doch indem die Figuren mit gepflegter Halbbildung über alles Mögliche reden – der Tischnachbar auf der Hochzeit über den Unterschied zwischen Mensch und Tier, Victoria über Feminismus und die Opferrolle der Frau, der etwas unheimliche Wellnesstherapeut über Poststrukturalismus – entsteht eine Diskurskulisse, die klarmacht, dass „Victoria“ es wie jede gute Komödie todernst meint mit ihren Zweifeln an der Welt.

Das bekommt dann auch der Zuschauer zu spüren. Durch die Konzentration auf die Protagonistin baut sich eine emotionale Solidarität auf, die sich nicht einfach aufkündigen lässt, wenn sich der Film allmählich verdüstert und Victoria ihr Leben entgleitet. Durch einen Verfahrensfehler in dem immer absurder werdenden Prozess um Vincent, in dem zuletzt sogar ein Dalmatiner und ein Schimpanse als Zeugen auftreten, verliert sie ihre Zulassung. Victoria beginnt Tabletten zu nehmen, liegt auf dem Sofa und liest Nietzsche.

Triets Film spielt die meiste Zeit in schummrigen Innenräumen voller Papierstapel, die jede freie Fläche zuwuchern: seien es die Akten in Victorias Wohnung und Kanzlei oder die Bücher beim Therapeuten. Das Szenenbild erzählt viel über die Gehäuse, die die Verunsicherten und Vereinsamten sich bauen. Bis die Handlung in den letzten Minuten auf ein fragiles Happy End einschwenkt, lassen alle Beteiligten reichlich Federn. Die Selbstaussagen der Menschen sind kaum zuverlässiger als die des Dalmatiners vor Gericht. Und der steht in puncto Intelligenz noch hinter dem Pudel.

In 10 Kinos, OmU: Cinema Paris, Filmkunst 66, Kulturbrauerei

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