Kultur : Kamel im Krisengebiet

Assaf Gavron erzählt eine Schelmengeschichte aus dem Westjordanland.

Nicole Henneberg

Das Jahr 2010 in der illegalen Siedlung Ma’aleh Chermesch, in den von Israel besetzten Gebieten. Wieder wurde ein Räumungsbefehl tagelang ausgehängt, und dann – nicht vollstreckt, weil die Siedler den Soldaten wütend entgegentraten. Als die Situation zu entgleisen beginnt, flucht der kommandierende Offizier nur leise vor sich hin. Er erinnert sich an die grotesken Situationen der letzten Räumungsversuche: Einmal verlor der Sicherheitsminister die Fassung und beschimpfte vor laufenden Kameras eine Siedlerin sexistisch. Beim nächsten Versuch kamen die palästinensischen Nachbarn den Siedlern bewaffnet zu Hilfe, weil sie sich als Eigentümer des Landes fühlen.

Das Besondere an Assaf Gavrons Roman „Auf fremdem Land" ist nicht nur das brisante Thema – er hält die israelische Siedlungspolitik in der Westbank für eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu einer Friedenslösung. Außergewöhnlich ist vor allem sein zutiefst emphatisches und humorvolles Erzählen, das allen Seiten des unlösbar scheinenden Konflikts gerecht wird. Wie ein Insider erzählt Assaf Gavron vom Wahnsinn eines prekären und aggressiven Alltags und behält gleichzeitig, wie ein Außenseiter, das Ganze kritisch im Blick.

Diese Fähigkeit zur bedingungslosen Offenheit und zum nachdenklichen, spöttischen Erzählen macht ihn zum interessantesten politischen Schriftsteller seines Landes. „Das ist eine Funktion von Literatur: die Wirklichkeit auszuhalten“, erklärte er in einem Interview zu seinem letzten, in Israel umstrittenen Roman „Ein schönes Attentat“, der mit zwei Stimmen spricht: der des israelischen Opfers und der des palästinensischen Täters. Er spielt auf dem Höhepunkt der zweiten Intifada (2002-2005), als das ganze Land sich wie gelähmt unter den täglichen Selbstmordattentaten wegduckte. Im neuen Roman, der Ende 2005 einsetzt, ist die Gewaltwelle abgeebbt – und in der Schelmengeschichte, die er auch ist, klingt die Erleichterung darüber an.

Sämtliche Romane von Assaf Gavron, der 1968 geboren wurde und in Jerusalem aufwuchs, fußen auf Tatsachen. Die illegale, aus Wohnwagen provisorisch errichtete Siedlung wirkt wie ein völlig realer Ort. Und doch wird jener Hügel, der sich oberhalb eines arabischen Dorfes erhebt und von dem aus man die im Licht flirrenden Wadis und Berge der Wüste vor Augen hat, im Lauf des Romans zu einem besonderen, gleichsam exemplarischen Ort der Heimatlosigkeit und des Gottvertrauens.

Die Siedlung erinnere stark an jenen Kibbuz, in dem sie aufgewachsen waren, wirft Roni seinem gläubig gewordenen kleinen Bruder Gabi vor: eine abgeschlossene Gemeinschaft, idealistisch und überheblich, die über jeden spottet, der sie zu kritisieren versucht. Aber sie hat dich als einzige aufgenommen, entgegnet Gabi. Die beiden nach USA-Aufenthalten hier gestrandeten und vom Leben schwer gebeutelten Brüder sind neben dem dominanten Otniel die zentralen Figuren dieser verzweifelten und übermütigen Geschichte, die dem Leser das atmosphärisch genaue Bild einer Siedlung liefert.

Ihre Bewohner reagieren, jeder auf seine Weise, hoch emotional auf diesen strengen, schweigsamen Ort mit seinem biblischen Hintergrund. Dafür nehmen sie alle Widrigkeiten in Kauf – denn leicht ist das Leben hier nicht. Allerdings hat es den Vorteil niedriger Lebenshaltungskosten, der Freiheit von bürokratischen Vorschriften und eines Trupps Soldaten zur individuellen Bewachung.

Otniel, der Gabi in einer Lebenskrise auffing, ist eine eindrucksvolle, mit viel Sympathie gezeichnete Figur. Wenn er mit Bart, Häkel-Kippa, Gebetsschnüren und schlammverkrusteten Arbeitsstiefeln in einem Ministerium auftritt, verstummen alle, denn er verkörpert unbeugsamen Pioniergeist und harte Arbeit. Er weiß das und spielt damit. Sein Autor hat ihm schließlich ein wahrhaft märchenhaftes Register an Schlauheiten und Tricks aller Art mitgegeben.

Den Stützpunkt hat er mit wahrer Ameisentaktik gegründet: immer wiederkommen, Verstärkung mitbringen, nie aufgeben, und vor allem die Bürokraten klug gegeneinander ausspielen. Viele Behörden sind auf seiner Seite und schicken einen stärkeren Stromgenerator, der Kinder wegen, oder lassen die Straße asphaltieren – um die Armeeeinsätze zu erleichtern, heißt es.

Nicht zufällig trabt eine Kamelstute durch den Stützpunkt, die einem gewissen Sasson gehört: Der gleichnamige Bericht machte 2006 in Israel Negativschlagzeilen, weil er offenbarte, wie viel Geld heimlich aus dem Staatshaushalt für solche (nach israelischem Recht illegalen) Siedlungsprojekte abgezweigt wurde.

Assaf Gavron arbeitet virtuos mit Stimmungs- und Tempowechseln, lässt in elegisch klingende Alltagsbeschreibungen sich überstürzende, hochironische Stakkatosätze einfließen, und man ahnt am Ende, dass es dem endgültigen Räumungsbefehl, den diesmal die US-Regierung gefordert hat, nicht anders ergehen wird als den anderen davor. Ausgerechnet zu Purim, dem jüdischen Rettungs-, Freuden- und Maskenfest, rücken die Bulldozer an. Nicole Henneberg

Assaf Gavron:

Auf fremdem Land.

Roman. Aus dem

Hebräischen von

Barbara Linner.

Luchterhand Verlag, München 2013.

400 Seiten, 19,99 €.

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