Kultur : Kampf um den Fleischtopf

Der Streit um den Literaturfonds geht in eine neue Runde. Worum es geht es eigentlich?

Marius Meller

Als sich am 27. März in Darmstadt auf der idyllischen Mathildenhöhe das Kuratorium des Deutschen Literaturfonds zusammenfand, da war bei bestem Willen kaum absehbar, was für einen Sturm der Entrüstungen seine Entscheidung auslösen würde (Tsp. vom 1. April). Die Entscheidung nämlich, die Literaturzeitschrift „Volltext“ mit einem Kostenrahmen von 300 000 Euro für eine bundes- und buchmessenweit zu verteilende Sondernummer zu fördern.

Einem hochverdienten Angehörigen des deutschsprachigen Literaturbetriebs platzte der Kragen. Die Angriffe des langjährigen Leiters des Berliner Literarischen Colloquiums Ulrich Janetzki in einem offenen Brief richteten sich gegen den Deutschen Literaturfonds im Allgemeinen und gegen den hauptamtlichen Lektor der Institution, Gunther Nickel, im Besonderen. Von einem „beispiellosen Akt der Selbstbedienung“ ist darin die Rede und vom Umbau des Literaturfonds zu einem „Literaturhaus nach Gutsherrenart“. Janetzkis eigener Antrag, davon schrieb er kein Wort, war an jenem 27. März gerade abgelehnt worden.

Die „FAZ“ bekräftigte die Vorwürfe umgehend in zwei längeren Artikeln, die „Süddeutsche Zeitung“ hielt moderat dagegen, kurz: Das deutsche Feuilleton befand sich, ehe es sich versah, in einer regelrechten Literaturfonds-Debatte. Für Freitag kommender Woche ist eine Sondersitzung des Kuratoriums geplant, auf der auch die Vorwürfe diskutiert werden sollen.

Eine berechtigte Debatte über einen der Öffentlichkeit weitgehend entzogenen Bereich des Kulturlebens, möchte man meinen. Das nachhaltige Rauschen im Blätterwald hat nur diesen einen Haken, der den Beteiligten offenbar nicht recht klar ist, es sei denn, man unterstellte ihnen böse Absichten: Es geht um die Berufsehre jenes Literaturfonds-Lektors Gunther Nickel, der ad personam angegriffen wird, der übler Machenschaften bezichtigt wird und dessen Lebensgefährtin Hanne Knickman inzwischen in die Affäre mit hineingezogen wurde.

Was genau wird Nickel vorgeworfen? Er wird verantwortlich gemacht für die umstrittene „Volltext“-Förderung, denn er ist selbst als Autor für „Volltext“ tätig. Ihm wird angelastet, Projekte zur Förderung vorgeschlagen zu haben, als deren Herausgeber er gleichzeitig fungiert (die fünfbändige Werkausgabe des „Weltbühnen“-Gründers Siegfried Jacobsohn). Und es wird insinuiert, seine Lebensgefährtin, die als Anzeigenakquisiteurin für kleine und kleinste Literaturzeitschriften tätig ist – auch für „Volltext“ –, mische mit im Literaturförderungsfilz.

Was an dieser Konstellation in einem bestimmten Licht zunächst schillernd erscheint, sieht nüchtern betrachtet schon weniger skandalös aus: Nickel sichtet und bewertet die eingehenden Anträge, an deren Initiierung und Entwicklung er nach Satzung auch beteiligt sein darf – die Entscheidung über das Eine-MillionEuroBudget trifft die Jury des Kuratoriums. Hauptsächlich werden Stipendien an deutschsprachige Schriftsteller vergeben. Es handelt sich – und das war in keinem Beitrag der Debatte zu lesen – bei den 300 000 Euro „Volltext“-Förderung um einen „Kostenrahmen“: Sollte die Sondernummer sich durch Anzeigen selbst tragen, wird der Fonds keinen Cent zahlen müssen. Nur bei roten Zahlen springt er bis zur Höchstsumme ein. Ob diese Förderungsart eine gute neue Idee ist oder aber ein windiges Experiment – das ist diskussionswürdig. Das Kuratorium entschied positiv und wird das auf seiner Sondersitzung wohl kaum revidieren.

Nickel hat in sieben von 23 „Volltext“-Ausgaben als Rezensent und Autor mitgewirkt, wie auch in vielen anderen Zeitschriften und Zeitungen. Angesichts der marginalen Honorare und der Publikationstätigkeit Nickels in vielen anderen Medien von Vorteilsnahme zu sprechen, ist abwegig bis böswillig. Hanne Knickman ließ ihre Mitarbeiterschaft als Anzeigenakquisiteurin für „Volltext“ in Sachen Sondernummer ruhen. Und eine Siegfried-Jacobsohn-Werkausgabe ist sowieso eine Sache für Liebhaber und Universitätsbibliotheken, an der kein Geld, nur etwas wohlverdienter Herausgeber-Ruhm zu gewinnen ist.

Es sieht so aus, als solle hier jemand als Sündenbock fungieren für das diffuse Gefühl der Korruption, das an so mancher Literaturbetriebsseele nagt. Transparenz ist eine feine Sache. Aber die Zeitalter der Sündenböcke sollten vorbei sein.

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