Kampfdrohnen und Moral : Krieger und Jäger

Fast alle Philosophen, die sich mit Kampfdrohnen beschäftigen, haben Zweifel an deren moralischer Legitimation. Der New Yorker Thomas Nagel scheint weniger Skrupel zu haben.

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Ungleiche Gegner. In Holland werden Greifvögel darauf abgerichtet, feindliche Drohnen abzufangen. Bei flugzeuggroßen Waffen dürfte das schwierig werden. Foto: dpa/EPA/Koen van Weel
Ungleiche Gegner. In Holland werden Greifvögel darauf abgerichtet, feindliche Drohnen abzufangen. Bei flugzeuggroßen Waffen dürfte...Foto: dpa/EPA/Koen van Weel

Unter den Philosophen, die sich mit der moralischen Rechtfertigung von Drohnenschlägen beschäftigen, gibt es fast nur Skeptiker und Gegner. So hält Michael Walzer, der die Theorie des gerechten Krieges wie kein anderer modernisiert hat und in diesem Zug etwa den israelischen Sechstagekrieg 1967 gutgeheißen und den US-Einmarsch im Irak 2003 abgelehnt hat, gezielte Tötungen durch smart bombs weder für legitim noch politisch klug. Besonders Letzteres, schrieb er vor drei Jahren in seiner Hauszeitschrift „Dissent“ sei unschwer einzusehen: „Stellen wir uns eine Welt vor, in der jeder über Drohnen verfügt.“ Walzer, ein Mann der liberalen Linken, vergaß nicht hinzuzufügen, dass man dafür wohl bald nicht mehr viel Fantasie investieren muss: Die Robotisierung von Waffengängen ist bekanntlich in vollem Gange – diese Woche erst wieder mit der Tötung von rund 150 somalischen Al-Schabaab-Milizen durch eine US-Drohne.

Byung-Chul Han, Professor an der Berliner UdK und vom Gestus her eher ein Rechter, kam mit Carl Schmitts Spätwerk „Der Nomos der Erde“, Carl von Clausewitz und Marshall McLuhan im Gepäck in der „Zeit“ zu ähnlichen Ergebnissen. Nach der Lektüre von „Living Under Drones“, einer rechtswissenschaftlichen Studie der Stanford University und der NYU, die sich mit den traumatischen Folgen amerikanischer Kampfdrohnen auf Pakistans Zivilbevölkerung auseinandersetzte, diagnostizierte er eine „totale Asymmetrie“ zwischen Angreifer und Angegriffenem – nämlich die Unmöglichkeit, sich zur Wehr zu setzen. Tötung ohne Ansprache aber, stellt Han fest, sei Mord: „Selbst in der Jagd gibt es ein ethisches Minimum.“ Das trifft zweifellos die verbreitete moralische Intuition.

Umso erstaunlicher, dass Thomas Nagel, der in seinem Essay „Geist und Kosmos“ (Suhrkamp) zuletzt mit jeder rein materialistischen Konzeption von Bewusstsein abrechnete, in der „London Review of Books“ vom 3. März nun eine Ehrenrettung der Drohne versucht. In einer Rezension von Scott Shanes „Objective Troy – A Terrorist, a President and the Rise of the Drone“ (Bantam), stellt er vor allem die Annahme infrage, dass Drohnenpiloten die Gamingmentalität von „Playstation“-Killern haben. Shane fand heraus, dass die psychologische Belastung am Bildschirm paradoxerweise sehr viel größer ist als die herkömmlicher Bomberpiloten. Nagel folgert daraus, dass dadurch auch das persönliche Verantwortungsgefühl stärker ausgeprägt sein müsse als je zuvor – bis hinein in die politischen Spitzen. Er verweist dabei auf Barack Obamas schmerzhafte Einsicht, dass er „really good at killing people“ geworden sei.

„Objective Troy“ ist die Geschichte von Anwar al Awlaki, einem US-Bürger, der die Zerstörung der Twin Towers noch abgelehnt hatte, bevor er als Muslim unter Beobachtung des FBI geriet und sich im Ausland zum radikalen Dschihadisten wandelte. Als Hassprediger im Netz und als Al-Qaida-Mitglied geriet er schließlich auf Obamas Todesliste und wurde 2011 im Jemen exekutiert. Zwei Wochen später wurde auch sein 16-jähriger Sohn Opfer einer Drohne.

„Macht es einen moralischen Unterschied, dass diese Art des Tötens die Tötenden keinem körperlichen Risiko aussetzt“, fragt Nagel. „Ist es eine Bedingung der Akzeptanz von Kriegsführung, dass diejenigen, die töten, ihr Leben aufs Spiel setzen?“ Er sieht die „emotionale Plausibilität“ dieser Unterstellung, gibt zugleich aber zu bedenken, dass „die Leistungsfähigkeit der kriegsführenden Parteien oft so asymmetrisch ist, dass die schlagkräftigeren unter ihnen rein praktisch gesehen von jedem Risiko ausgenommen sind.“

Nagel ist auf dem Gebiet der Kriegsethik kein Novize. Schon 1972, während des Vietnamkriegs, schrieb er mit „War and Massacre“ (Massenmord und Krieg) einen einflussreichen Aufsatz, den er später in sein Buch „Letzte Fragen“ aufnahm. Er unterscheidet darin zwischen einer absolutistischen und einer utilitaristischen Beurteilung von Mitteln und Zwecken, also unverrückbaren Grundsätzen im Hier und Jetzt einerseits und im Hinblick auf die mutmaßlichen Ergebnisse jedes Mal von Neuem auszuhandelnde Nützlichkeit von Handlungen andererseits.

Damals machte er die absolutistische Seite stark. Heute ist seine Pointe utilitaristisch. Denn sein historisch vorgebrachtes Argument zielt auf die Zukunft asymmetrischer Kriege insgesamt: „Es hätte die Vereinigten Staaten monumentale Zurückhaltung gekostet, in Afghanistan nach 9/11 nicht einzumarschieren; doch ein sehr viel beschränkterer, von Drohnen unterstützter Einsatz gegen Al Qaida, hätte zu sehr viel niedrigeren Kosten womöglich genauso viel gegen die terroristische Bedrohung ausgerichtet. Er hätte die Taliban an der Macht belassen, zumal die Befreiung Afghanistans von dieser Tyrannei gar nicht zur Rechtfertigung der Invasion gedient hatte.“

Recycelt das nicht den Diskurs von den „chirurgischen Schlägen“, dem der französische Philosoph Grégoire Chamayou in seinem Buch „Ferngesteuerte Gewalt“ (Passagen Verlag 2014), der bisher gründlichsten „Theorie der Drohne“, so sehr misstraut? Mit Berufung auf Eyal Weizman und Hannah Arendt lehnt er eine Logik des kleineren Übels ab, die sich allein dadurch menschenfreundlich wähnt, dass sie weniger Blut vergießt.

Vielleicht muss man die Lehre vom gerechten Krieg unter zusehends auf Prävention gerichteten strategischen Bedingungen tatsächlich neu denken. Doch wie Michael Walzer weiß, steht dafür kein grundsätzlich neues Vokabular zur Verfügung. Man bewegt sich nur in anderen Kontexten – auch medial. „Flächenbombardements nach Art des Zweiten Weltkriegs oder von Vietnam, aber auch die Bodeninvasion von Städten wie dem irakischen Fallujah, ergaben Statistiken, nicht Geschichten“, schreibt Scott Shane: „Drohnenangriffe mit zwei, drei oder zehn Opfern ließen sich sehr viel leichter begreifen und als persönlicher Bericht weitergeben.“ Hinzu kommt, dass Überlebende vermehrt Zeugnis von verheerend missglückten Attacken ablegen. Thomas Nagel mag darin unter utilitaristischen Aspekten zu Recht eine Wahrnehmungsverzerrung erkennen. In einer anderen Lesart, die ihm einst als nicht minder plausibel erschien, äußert sich darin schlicht ein absolutistisches Unbehagen.

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