Karen Duve und ihr Roman "Macht" : Männer sind Knalltüten

Die Welt geht unter, aber die Menschen wurschteln trotz des Klimawandels einfach weiter: Karen Duves dystopischer Gender-Roman „Macht“.

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Die Schriftstellerin Karen Duve, 54
Die Schriftstellerin Karen Duve, 54Foto: Kerstin Ahlrichs

Wir schreiben das Jahr 2031. Vom Himmel sengt die Sonne. Kein Tag unter 35 Grad, schon im April. Ein Sturm verheert Wellingstedt, einen fiktiven Vorort von Hamburg. Nur der fiese Killer-Raps wuchert freudig bei dieser Dürre. Wer immer noch nicht vom klimaschädlichen Fleischkonsum lassen mag, tauscht „CO2-Punkte“ gegen das Schnitzel ein. Die Menschen leben wie heute, allerdings im Staatsfeminismus, in der „kontrollierten Demokratie“. Sie schlucken eine Verjüngungspille namens Ephebo. Dass die Krebs erzeugt, schadet ja nichts: In circa fünf bis zehn Jahren ist sowie Weltuntergang. „Wir können alles tun, was wir wollen, ohne uns vor den Folgen fürchten zu müssen. Das ist das Gute daran, wenn man keine Zukunft hat.“

Duve ist keine leise Schriftstellerin, sondern eine laute Moralistin

Ja, man ahnt, Karen Duve, die Mahnerin aus der Märkischen Schweiz, hat wieder zugeschlagen. „Macht“ lautet der programmatische Titel ihrer Gender-Dystopie. Der erste Roman nach ihrem vegetarischen Selbstversuch „Anständig essen“ und der polemischen Streitschrift „Warum die Sache schiefgeht“, die den Untertitel „Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen“ trägt. Darin rechnete Duve mit den Entscheidern in Politik und Wirtschaft ab, die die drohende Klimakatastrophe ignorieren. Entstanden ist diese Streitschrift als Nebenprodukt der Recherchen für den jetzt vorliegenden Roman. Quasi eine vor Fakten strotzende Kanalisierung der Wut über die meist von Männern verbrochene politische Ignoranz, das ökonomische und ökologische Missmanagement.

Nach dieser Wut der kämpferischen Karen Duve, die schon lange keine leise Schriftstellerin, sondern eine laute Moralistin ist, sehnt man sich gleich nach den ersten Kapiteln heftig zurück. In der Denke des Romanhelden Sebastian Bürger hat sie einem selbstgerechten Zynismus und einer nöligen Misanthropie Platz gemacht, die schwer auszuhalten ist. Der Ich-Erzähler war mal Öko-Aktivist. Jetzt ist er ein frustriertes Würstchen, das mit 68 aussieht wie 30 und selbst unter die Psychopathen gegangen ist. Seit zwei Jahren hält er seine Ex-Frau Christine Semmelrogge, die amtierende Ministerin für Umwelt, Naturschutz, Kraftwerksstillegung und Atommüllentsorgung in seinem Elternhaus in einem Kellerverlies fest.

Es ist leicht, dieses Buch nicht zu mögen, aber ist es auch klug?

Die an die Kette gelegte Feministin, das ist die Rache des um seine jahrtausendelange Herrschaft gebrachten Mannes. Christine muss Sebastian in jeder Hinsicht zu Willen sein. Ihm als gute Hausfrau Plätzchen backen. Seine von ihm gern als einvernehmlicher Sex verklitterten Vergewaltigungen ertragen. Die Frauenhass-Tiraden anhören, die dann so klingen: „Das, was gerade in Europa und Nordamerika passiert, diese Verweiblichung der Kulturen und dass ihr jetzt überall mitmischen dürft, ist eine kurzzeitige historische Abnormität. Ein Ausrutscher in der Geschichte der Menschheit. Der Islam wird diese jämmerlich toleranten und entscheidungsschwachen Schwuchtel-Demokratien hinwegfegen.“

Mit der Einschätzung dürfte der areligiöse Sebastian Bürger ganz auf der Linie des AfD-Politikers Björn Höcke liegen, der die Mitglieder auf Parteiversammlungen gerne auffordert, „unsere Männlichkeit wieder zu entdecken“, um endlich wieder „wehrhaft zu werden“.

Und das ist denn auch der Knackpunkt in„Macht“. Es ist leicht, dieses Buch nicht zu mögen, aber ist "Macht" auch klug? Ganz sicher ist es eine Satire ohne Witz, der Held ein bruchloses, entwicklungsfreies Ekelpaket. Die zukünftige Welt bleibt samt Frauenregierung Chimäre, so sparsam ist sie ausgemalt. Und die Erzählung wird einzig von einem 50-jährigen Abitreffen und dem Wiederaufflammen einer alten Liebe vorangetrieben.

Aber vieles stimmt, was Karen Duve so harsch wie hellsichtig über das Verhältnis der Geschlechter konstatiert. Und der Skandal des ignoranten Weiterwurschtelns der Menschheit angesichts des Klimawandels und der durch ihn zukünftig ausgelösten Völkerwanderungen ist gewiss einer. Nur wird man diesem existentiellen Drama – bei aller verlässlichen Medienaufmerksamkeit für die Autorin so wunderbarer Romane wie „Regenroman“, „Dies ist kein Liebeslied“ oder "Taxi" – nicht mit öden Büchern beikommen. Da mag die aufklärerische Absicht noch so lauter sein.

Die Aufdeckung zerstörerischer patriarchaler Mechanismen im satirischen Science-Fiction-Gewand hat vor vielen Jahren die Norwegerin Gerd Brantenberg in ihrem Frauenbuchhandlungsklassiker „Die Töchter Egalias“ erfolgreich betrieben. Das Buch war erschreckend komisch und ausgesprochen lehrreich.

Die männlichen Knalltüten aus neureligiösen christlichen Eiferern, gewaltbereiten Maskulinisten und Neonazi-Rockern, die Duves Protagonisten flankieren, bleiben witzlose Stereotype. Immerhin: Gegen Ende kommt doch noch Leben in die Bude. Da erobert sich Karen Duve in Kapitel 26 ihre unter der Last der Botschaft verschüttete beißende Lakonie zurück und komponiert einen actionreichen Showdown, in der die Flucht des Kerkermeisters mit einer Schlacht zwischen Nazis, Fundis und Staatsmacht kumuliert. Hilft aber nichts. Das Ende der Menschheit und der Untergang dieses Buches – sie kommen trotzdem.

Karen Duve: Macht. Roman. Galiani Verlag, Berlin 2016. 416 S., 21,90 €.

Buchpremiere mit der Autorin: Do 18.2., 20 Uhr, Maschinenhaus/ Kulturbrauerei

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