Karlspreis : Bundespräsident würdigt Timothy Garton Ash als Europäer

Der Historiker Timothy Garton Ash hat vor dem Brexit gewarnt. Er gilt als leidenschaftlicher Europäer, und so hat ihn Bundespräsident Steinmeier jetzt auch gewürdigt - bei der Übergabe des Karlspreises in Aachen.

Timothy Garton Ash (l.) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Foto: dpa
Timothy Garton Ash (l.) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.Foto: dpa

Der britische Historiker Timothy Garton Ash ist für seine Verdienste um ein freies und geeintes Europa mit dem Internationalen Karlspreis geehrt worden. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte den Populismus-Kritiker und Brexit-Gegner am Donnerstag bei der Preisverleihung in Aachen als leidenschaftlichen Verfechter von Freiheit, Aufklärung und Demokratie. Steinmeier warb dafür, dass Großbritannien auch nach dem EU-Austritt eng mit der Europäischen Union verflochten bleibt, und warnte vor einem Scheitern der EU. Auch Garton Ash beklagte in seiner Dankesrede eine „existenzielle Krise“ des europäischen Projekts, Deutschland und Frankreich müssten nun gemeinsam vorangehen.

Garton Ash habe als Chronist wie kein anderer Europas Wachsen und Werden in den vergangenen vier Jahrzehnten erlebt, erforscht und beschrieben, sagte Steinmeier. Markenzeichen des 61-jährigen Historikers und Publizisten sei, „Mut zu schöpfen aus der Geschichte und zugleich mit schonungslos klarem Blick auf die Gegenwart zu schauen“. Das sei auch ein Appell an Europas Regierungen: „Schaut auf das Kostbare, was Europa erreicht hat - verspielt es nicht, überwindet die Krise!“

Die Herrschaft von Recht über Willkür: auch ein britisches Anliegen

Das britische Erbe von Liberalität, Demokratie und Aufklärung sei für Europas Selbstverständnis unverzichtbar, betonte der Bundespräsident. Trotz des Brexits bleibe die Idee Europas, die Herrschaft von Recht über Willkür und von Freiheit über totalitäre Ideologie, auch ein britisches Anliegen und eine weltpolitische Aufgabe. Sie könne heute nur gemeinsam bewältigt werden, „die Nation allein kann es nicht mehr“. Bei allem Nachdenken über Institutionen, Prozesse und die mühsame Suche nach Kompromissen dürfe es nicht passieren, dass „die große Idee hinter der Krise verschwindet“.

Garton Ash rief dazu auf, Euroskepsis und nationalistischen Populismus zu überwinden, die sich „in allen Ecken des Kontinents“ fänden. „Wir wollen, dass die Menschen in Europa Freiheit, Frieden, Würde, Rechtsstaatlichkeit, angemessenen Wohlstand und soziale Sicherheit genießen“, sagte der renommierte Historiker. Dazu müssten aber auch Schwachstellen wie das Ausmaß und Tempo der Zuwanderung und die Entstehung von Gräben durch die Eurozone angesprochen werden. Deutschland und Frankreich hätten nach der Wahl des pro-europäisch eingestellten Emmanuel Macron zum französischen Präsidenten die Chance, „wie schon so oft zuvor in der Geschichte der europäischen Integration, gemeinsam voranzugehen“.

Garton Ash lehrt seit 1990 europäische Gegenwartsgeschichte als Professor am St. Antony's College der Universität Oxford. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit schreibt er regelmäßig Kolumnen unter anderem in der renommierten britischen Zeitung „Guardian“ und engagiert sich in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Der undotierte Karlspreis gilt als älteste und wichtigste Auszeichnung für Verdienste um die europäische Einigung. Er wird traditionell an Christi Himmelfahrt überreicht. Im vergangenen Jahr erhielt Papst Franziskus den Karlspreis. dpa

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