Kultur : Karussell der Elefanten

Fast schon skurril: Bertelsmann wollte ganz groß einkaufen und bescheidet sich nun mit dem Heyne-Verlag

Jörg Plath

Manche groß angekündigte Elefantenhochzeit fällt überraschend genügsam aus: Die Fusion der größten deutschen Verlagsgruppe Bertelsmann/Random House mit der drittgrößten namens Ullstein Heyne List scheint vom Tisch. Bertelsmann war sich anfangs sicher, die Zustimmung des Kartellamts zu erlangen; man hatte sogar das Kartellrisiko vom Axel Springer-Konzern übernommen, der die Gruppe im Februar für geschätzte 75 Millionen Euro abstieß. Dann wurde der Marktführer für populäre Unterhaltung, Sachbuch und Taschenbuch (Goldmann, Blessing, Knaus, Siedler u.a.) bescheidener. Anfangs wollte Random House alle 15 Verlage (darunter Econ, Ullstein, Heyne, List, Claassen, Propyläen, Südwest), letzte Woche noch drei, zuletzt nur einen – Heyne, das profitable Filetstück der stark defizitären Ullstein-Gruppe (Umsatz 2001: 167 Millionen Euro; Verlust: 46 Millionen Euro). Und zwar ohne den Imprint Marion von Schroeder, ohne die esoterischen Reihen. Dem Kartellamt gefiel dieser Vorschlag. Nun können sich die Konkurrenten äußern, bevor in vier Wochen ein Beschluss gefasst wird.

Tim Arnold, Pressesprecher von Random House, hat Mühe, die Selbstbescheidung des Konzerns zu vermitteln. Vor einer Woche sagte er dem Tagesspiegel noch, man wolle auf jeden Fall vor Gericht gehen, um die ganze Ullstein-Gruppe zu übernehmen. Jetzt klingt er vorsichtiger: „Wir bleiben bei unserer ursprünglichen Rechtsauffassung“, nach der einer Fusion nichts entgegenstehe. Aber man wolle nicht um jeden Preis klagen. „Kommt uns das Kartellamt entgegen und genehmigt die Heyne-Übernahme, dann ziehen wir nicht notwendig vor Gericht. Allerdings müssen wir dann Käufer finden für die Verlage. Untersagt das Bundeskartellamt aber auch den Kompromissvorschlag, bleibt uns keine andere Wahl als zu klagen.“

Einheitssoße vom Nationalverlag ?

Ende gut, alles gut für die mittelständische Branche, die von dem neuen Giganten (mehr als 400 Millionen Euro Umsatz) beherrscht worden wäre? Die nächstgroße Verlagsgruppe Holtzbrinck hätte mit Fischer, Rowohlt, Droemer-Weltbild, Kindler, Kiepenheuer & Witsch u.a. etwa halb so viel umgesetzt, die größten unabhängigen Verlage Suhrkamp oder Hanser wären gut acht Mal kleiner gewesen. Dennoch geht kein Aufatmen durch die Branche. Dtv-Verleger Wolfgang Balk sieht Bertelsmann weiterhin auf aggressivem Expansionskurs. Mit Heyne und Goldmann könne man Nebenmärkte wie den Bahnhofsbuchhandel beherrschen.

Balk hatte ohnehin vermutet, dass es vor allem um Heyne geht. Michael Krüger vom Carl Hanser Verlag befürchtet eine „Einheitssoße“ beim deutschen Buchhandel: 60 Prozent aller Taschenbücher auf den Bestsellerlisten kämen aus einer Hand, würde die Fusion genehmigt. Bertelsmann sei dann ein „National-Verlag“. Balk spielte gar auf Bertelsmanns Nazi-Vergangenheit an.

Auch das Kartellamt hatte sich auf den Taschenbuchmarkt für Information und Unterhaltung konzentriert. Die 11 Prozent Marktanteil der beiden Konzerne liegen nämlich weit unter dem für die Fusionskontrolle relevanten Drittel. Aber bei Taschenbüchern ermittelte das Kartellamt einen Marktanteil von bis zu 39 Prozent, mehr als doppelt soviel wie etwa bei Holtzbrinck. Durch eine ähnliche Marktaufteilung hatte das Amt den Kauf der Berliner Zeitung durch die Verlagsgruppe Holtzbrinck, der der Tagesspiegel gehört, untersagt: Es verglich nicht alle in Berlin verkauften Zeitungen, sondern nur die Abonnementszeitungen. Diesen Teilmarkt hätte Holtzbrinck laut Ansicht des Kartellamts mit 61 Prozent dominiert. Holtzbrinck beantragte eine Ministererlaubnis. Auf die Entscheidung Clements wird nun gewartet.

Wohin das Kartellamt tendieren würde, war also absehbar – zumal es bei früheren Anfragen von Holtzbrinck und Bertelsmann nach einer Übernahme von Heyne stets abgewinkt hatte. Am 22. Mai teilte das Amt dann in einer vorläufigen Erklärung mit, die Fusion sei nicht genehmigungsfähig. Random House antwortete mit einem Gutachten, das diese „Abmahnung“ als „evident rechtswidrig“, die Definition des Taschenbuchmarkts als „fast schon skurril“ abkanzelt. Der Gutachter zitiert ein Urteil des Berliner Kammergerichts von 1982, das den Einspruch der Kartellwächter mit der Begründung aufhob, es gebe keinen gesonderten Taschenbuchmarkt, nur einen für niedrig- und hochpreisige Bücher.

Jetzt wird zurückgerudert

So sicher war man sich seiner Sache offenbar nicht; nun wird zurückgerudert. Der Sinneswandel bei Bertelsmann wird von der Rezession im Buchhandel unterstützt. Zudem würde mehr als ein Jahr bis zu einem Urteil vergehen – für die Programmarbeit bei Ullstein ein lähmender Zeitraum. Und sollte man vor Gericht unterliegen, müsste die Ullstein-Gruppe wohl verschenkt werden. Dann, so scheint man in München zu denken, lieber mit dem Segen des Kartellamts Heyne übernehmen. Für die gesamte Gruppe sollen sich die französische Hachette-Gruppe und die schwedische Bonnier-Holding interessieren, die schon Piper, Malik und Kabel besitzen: Das Konzentrationskarussel dreht sich weiter. Aber es ist besser besetzt.

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