Kasimir Malewitsch in Amsterdam : Die Welt im Quadrat

Mit seinem "Schwarzen Quadrat auf weißem Grund" wurde Kasimir Malewitsch 1915 zum Erfinder der suprematistischen Abstraktion. Das Amsterdamer Stedelijk-Museum zeigt, wie mühsam der Weg des russischen Malers zu seiner revolutionären Tat war.

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Malewitsch Bild „Suprematismus No. 50“ entstand 1915.
Malewitsch Bild „Suprematismus No. 50“ entstand 1915.Foto: Stedelijk-Museum

Ein Genie fällt nicht vom Himmel. Selbst wenn das legendäre schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch 1915 wie Gottes Auge im oberen Raumwinkel hing – dort, wo nach orthodoxer Tradition die Ikonen ihren Platz haben. Es gilt: Wer Avantgarde sein will, muss hart daran arbeiten.

Solche Gedanken überkommen einen in der großen Retrospektive von Kasimir Malewitsch im Amsterdamer Stedelijk-Museum. Statt mit den vertrauten suprematistischen Abstraktionen, als deren Erfinder Malewitsch (1879-1935) gilt, beginnt der Parcours mit Landschaften oder Porträts, die kaum zuzuordnen sind. So wie die „Frau mit Zeitung“ von 1904, einer Gartenidylle unter blauem Himmel. Stammen die Bilder im ersten Saal nicht doch vielleicht von Chagall, Monet oder Cézanne?

Tatsächlich dokumentieren die frühen Werke den mühseligen Weg Malewitschs von seinen Anfängen als Künstler um 1900 bis zur „Letzten Futuristischen Ausstellung 0.10“ in St. Petersburg fünfzehn Jahre später, in der das „Schwarze Quadrat auf weißem Grund“ leuchtete. Mit jedem frischen Gemälde aus Paris, das den Weg oft über private Sammler nach Russland fand und dort ausgestellt war, schulte Malewitsch seine Hand an den europäischen Strömungen. Zuerst mithilfe der Impressionisten, später dann am Kubismus. Bis ihn sein Umzug nach Moskau mit der Avantgarde des eigenen Landes zusammenbrachte: Natalija Gontscharowa, Wassily Kandinsky, Ljubow Popowa und anderen Pionieren des Ungegenständlichen, die damals mit volkstümlichen Elementen experimentierten. Ihre Werke sind ebenfalls Teil der Ausstellung.

„Kazimir Malevitch and the Russian Avant-Garde“ ist ein groß angelegtes Co-Projekt mit der Londoner Tate Modern und der Bundeskunsthalle. Nach Bonn wird sie im März wandern – und auch wenn die Vielzwecksäle dort mit dem jüngst umgebauten Museum in Amsterdam atmosphärisch kaum mithalten können, leuchtet ein, dass die Partner große Räume mitbringen müssen. Denn die Ambitionen des Stedelijk, das ohnehin über die größte Sammlung von Malewitsch-Werken jenseits der russischen Grenzen verfügt und trotzdem fleißig aus dem Centre Pompidou, dem MoMA, von Galerien und Privatsammlungen geliehen hat, gehen noch über die Freilegung der künstlerischen Wurzeln hinaus.

Auf der Basis eines historischen Schwarzweiß-Fotos der „Letzten Futuristischen Ausstellung 0.10“ hat man zusätzlich den Raum der Galerie Dobytschina rekonstruiert. Hier hing das schwarze Quadrat, umgeben von mindestens zwei Dutzend weiteren Abstraktionen, von denen aktuell die Hälfte wieder zusammengekommen ist. Fast hundert Jahre später liefern sie auch jetzt noch ein eindrucksvolles Zeugnis der damals bahnbrechenden Schau, die erwartungsgemäß von der Kritik verrissen wurde. Allein schon, weil Malewitsch mit seiner provokanten Hängung den „Herrgottwinkel“ für die Kunst beanspruchte – zu Recht, wie er fand, weil sie seiner Ansicht nach über spirituelle Dimensionen verfügt. Dennoch setzte die Ausstellung ihrerzeit einen Standard für „die Empfindung der Idee, unabhängig vom Bild“. So wie „der Schalter und der Stecker nicht der Strom“ seien, schrieb Malewitsch rückblickend 1927, sei das „Quadrat nicht das Bild“. Sondern die nackte Ikone seiner Zeit.

Für die damaligen Besucher war dieser Kurzschluss nur schwer zu begreifen. Heute ist es fast mühsamer, an den knapp 500 Exponaten vorbei in jenen Raum zu gelangen, der selbst eine Ikone der modernen Kunst abgibt. Denn ihr Anspruch auf Vollständigkeit, was Malewitschs Entwicklungsschritte anbelangt, lässt die Retrospektive mit ihren Gemälden, Gouachen, Skulpturen und Zeichnungen derart anschwellen, dass man ihr einen zweiten Besuch abstatten kann, ohne die Route zu wiederholen.

Zur Ausstellung gehören nämlich noch zwei Säle, in denen die Biografien des griechischen Sammlers Georges Costakis (1913 - 1990) und des russischen Kunstliebhabers Nikolai Khardzhiev (1903 - 1996) dokumentiert werden. Letzterer sammelte ab den zwanziger Jahren nicht bloß alles über die Avantgarde seiner Heimat. Er zählte auch zu den frühen Käufern von Malewitsch. Und da sich die exquisiten Werke im Stedelijk der Khardzhiev- Stiftung verdanken, die sie seit 1998 dem Museum als Leihgabe überlässt, wird seine Geschichte ebenso großzügig ausgebreitet wie die von Costakis, dessen Moskauer Wohnung in den sechziger und siebziger Jahren als privates Museum für die damals verfemte Abstraktion diente. 1977 ging Costakis zurück nach Griechenland, von wo aus sein Vater emigriert war. Einen Teil der Kunst nahm er mit. Die andere Hälfte musste er als Preis für seine Ausreise zurücklassen.

Die Idee dieser biografischen Rekapitulation geht zurück auf ein Symposium und ist am ehesten für Experten interessant. Den unbedarften Besucher überfordert die Fülle an Material – allerdings kann er die beiden Räume notfalls auch links liegenlassen und wird immer noch satt von der Vielzahl der Bilder. Bald zeichnen sich auch die großen, strukturierenden Linien der Ausstellung ab, die nach den Vorbildern, Kollegen und Konkurrenten das geistige Universum des Künstlers absteckt. Malewitsch verfasste Programmatisches zu Malerei und Film, theoretisierte über die Farben und schuf die schrägen, auf geometrischen Grundformen basierenden Kostüme für die Oper „Sieg über die Sonne“, die 1913 in St. Petersburg aufgeführt wurde. Ein Skandal, was sonst. Nach zwei Aufführungen im Lunapark-Theater war Schluss. Im Filmraum der Ausstellung verfolgt man eine spätere Aufführung und muss bei aller Faszination doch zugeben, dass das Stück sich in der Schönheit des Absurden erschöpft.

In den letzten Räumen legt sich die Abstraktion über alles.Es gibt Porzellanservices neben Stoffen, und beide offenbaren, dass die Sprache des Konstruktivismus im Alltag ziemlich dekorativ wirken kann. Nicht zu vergessen die architektonischen Modelle, in denen Malewitsch ganze Satellitenstädte ersinnt und offenbar die Welt mit seinen ästhetischen Ideen überziehen will. Das mag auf den ersten Blick reizvoll sein, hat aber doch etwas Totalitäres. Vielleicht ist es doch ganz gut, dass künstlerische Visionen nicht 1:1 umgesetzt werden.

Stedelijk Museum, Museumsplein 10, Amsterdam, bis 2. 2. / Bundeskunsthalle Bonn, Friedrich-Ebert-Allee 4, 11. 3.-22. 6.

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