Kultur : Katholiken und Protestanten: Eine neue politische Heimat

Tillmann Bendikowski

Dass der "Zwischenfall von Ochsenfurt" heute weithin in Vergessenheit geraten ist, darf man getrost als gutes Zeichen für die bundesrepublikanische Gesellschaft werten. Im Juni 1953 hatte es einen landesweiten Skandal gegeben, weil es der Würzburger Bischof Julius Döpfner abgelehnt hatte, dass an der feierlichen Weihe einer neu erbauten Zuckerfabrik evangelische Geistliche im Talar mitwirkten. Erst Bundeskanzler Adenauer gelang es, einen empörten Protestantismus ("Sind wir evangelischen Christen Menschen zweiter Klasse?") zu beruhigen und die katholische Seite zu mehr Zurückhaltung zu bewegen. Dieses Beispiel - oder auch die jüngsten Äußerungen von Kardinal Ratzinger über die Vorrangstellung der katholischen Kirche gegenüber den anderen christlichen Religionen - zeugen nicht nur von konfessionellen Spannungen, sondern lassen bei genauerer Betrachtung zugleich Rückschlüsse zu, wie die Kirchen nach 1945 dem neuen Staat entgegentragen.

Aus heutiger Sicht zählt es zur bundesrepublikanischen "Erfolgsgeschichte", dass beide Kirchen im Nachkriegsstaat ihre politische Heimat fanden. Selbstverständlich war dies nicht; vor allem das komplizierte Verhältnis zwischen den Konfessionen war ein Hindernis. Die CDU/CSU, die als Volkspartei auch die konfessionelle Spaltung Deutschlands beenden wollte, hatte damit ihre liebe Mühe, wie der Beitrag von Martin Greschat in der von Thomas Sauer herausgegebenen Aufsatzsammlung belegt: Sorgten sich Protestanten zunächst vor einer Wiederbelegung des alten Zentrums, klagten bald katholische Gruppierungen über eine vermeintliche Bevorzugung evangelischer Parteimitglieder. Adenauer musste die widerstreitenden Lager beruhigen, aber bei aller Zusammenarbeit stets den Verdacht vermeiden, ein "überkonfessionelles Christentum" moderner Prägung anzustreben.

Denn in beiden Kirchen bestand Skepsis gegenüber einem "modernen" Staat und einer zunehmenden Verweltlichung der Gesellschaft. Schließlich hatten sich nach einem vorübergehenden Aufblühen der Religiosität direkt nach Kriegsende die Kirchen wieder geleert; an eine "Re-Christianisierung" des Landes war nicht zu denken. Dafür weckten neue Themen das kirchliche Interesse: So wurde beispielsweise die Frage der Mitbestimmung zur zentralen sozial- und wirtschaftsethischen Herausforderung des deutschen Nachkriegsprotestantismus, der sich laut Traugott Jähnichen als das "soziale Gewissen" der Gesellschaft verstand.

Zusehends entwickelte sich eine ernsthafte Zusammenarbeit der Konfessionen und eine aktive Mitarbeit kirchlicher Kreise an der Gestaltung von Staat und Parteien. Alte Vorbehalte mussten auf verschiedenen Ebenen überwunden werden, selbst im Breitensport: So kam es innerhalb des katholischen Sportverbandes "Deutsche Jugendkraft" zum "Bruderzwist", weil sich die zwei streitenden Lager nicht einigen konnten, mit wem man turnen, laufen oder springen wollte: Die "Integralisten" wollten unter sich bleiben und somit traditionelle konfessionelle Formen konservieren, während die "Modernisierer" es zeitgemäß fanden, mit anderen Sportverbänden zusammenzuarbeiten, was schließlich im "Deutschen Sportbund" auch gelang.

Die konfessionellen Spannungen der 50er Jahre verloren ihre politische Brisanz, auch weil sie zunehmend in die Argumentationsmuster und Ziele der Parteien eingebunden wurden. Diese Entwicklung stand zuweilen im Schatten des "Dritten Reichs", was sich auch an der Beilegung des "Zwischenfalls von Ochsenfurt" zeigt: Als der kämpferische protestantische CDU-Politiker Hermann Ehlers gegen Adenauers ausdrücklichenWunsch den Vorfall in dem fränkischen Städtchen wieder aufgreifen wollte, konnte er von einem Mitarbeiter des Kanzlers nur mit einem "historischen" Argument daran gehindert werden: Dann müsse leider auch publik werden, dass der evangelische Pfarrer von Ochsenfurt Mitglied der NSDAP und Träger des goldenen Parteiabzeichens gewesen sei.

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