Kultur : Katze auf dem Sprung

„After Effect“, ein Film aus Berlins Kreativszene

Frank Noack

Es muss nicht Elektra, Medea oder Phädra sein. Wenn eine Schauspielerin die Herausforderung sucht, sollte sie sich unterfordern lassen. Einfach nur herumstehen und banale Sätze aufsagen. Einfach nur sein. Und dabei gut sein. Sabine Timoteo kann das. Sie braucht kein anspruchsvolles Drehbuch und keinen Regisseur, der sie führt. Mit „After Effect“ absolviert sie ihre größte Talentprobe.

Der Film handelt von langweiligen, blasierten und humorlosen Werbefachleuten, und die ganze Zeit ist Timoteo aufregend, natürlich, witzig. Wie macht sie das? In der Rolle der Fotografin Reza Yazka strahlt sie Energie aus, wie eine Katze vor dem Sprung. Ihr spöttischer Blick suggeriert, dass sie irgendetwas ausheckt. Was immer es sein mag, es steht nicht im Drehbuch. Sie kann den Film nicht retten, aber sie erreicht, dass man dessen Schwächen vergisst. Was veranlasst eine Schauspielerin, die mit Dominik Graf und Matthias Glasner gearbeitet hat, in dieser Produktion mitzuwirken? Vielleicht hat ihre Entscheidung mit der Persönlichkeit von Stephan Geene zu tun, einem Mitbegründer des Kreuzberger b_books-Ladens. Der Mann kennt sich aus mit politischer Theorie und Reflexionen über Kunst; bestimmt kann er auch anregend über Filme sprechen. Nur machen kann er keine.

Den Pressenotizen zufolge entwickelt er „eine sehr eigene Filmsprache mit ästhetischen Entlehnungen bei Videoclips und Videokunst“. Dabei verrät der Film, der unter Fotografen und Designern spielt, nicht das geringste Gespür für Räume und Farben, schon gar nicht für Menschen. Profis wie Laura Tonke, Lars Eidinger und Susanne Sachsse sind in irrelevanten Nebenrollen zu sehen. Lennie Burmeister, der talentierte Laie aus „Bungalow“, beeindruckt durch flottes Mundwerk. Auch er bleibt eine Randfigur.

Dafür steht im Zentrum eine unmögliche Liebesgeschichte. Reza arbeitet als Fotografin mit Anti-Models: Männern mit Bierbauch, schmaler Brust und abstehenden Ohren. In einen dieser Männer verliebt sie sich. Nichts gegen unkonventionellen Geschmack bei der Partnerwahl, der Auserwählte wird jedoch als depressive Tunte überzeichnet. Reza mobilisiert alles, was sie an menschlicher Wärme zu bieten hat – und das ist bei Sabine Timoteo nicht wenig. Doch er schaut nur beleidigt zur Seite. Schwer zu sagen, ob es sich um Parodie oder Unvermögen handelt. Fest steht nur, dass Sabine Timoteo eine großartige Schauspielerin und Stephan Geene ein schlechter Regisseur ist. Frank Noack

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