Kultur : Keil der Wahrheit

In Dresden eröffnet das von Daniel Libeskind neu gestaltete Militärhistorische Museum

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Was haben das Musée de l’Armée in Paris, das Imperial War Museum in London, das Zentrale Armeemuseum Moskau oder das Militärmuseum der chinesischen Volksrevolution in Peking mit dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden gemeinsam? Nicht viel, wird man überrascht feststellen. Sicher sind hier wie da Säbel, Kartätschen und Bajonette zu sehen, gebügelte Paradeuniformen, blinkende Orden, blank geputzte Panzer und all die Bomben und Raketen, die sich menschlicher Erfindergeist einfallen ließ, um dem Gegner den Tod zu bringen. Doch der zweite Blick wird Militaria-Freunde und Waffennarren verstören. Das neue Kriegsmuseum der Bundeswehr, das am morgigen Freitag in Anwesenheit von Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière eröffnet wird, ist eigentlich ein AntiKriegsmuseum.

Schon die Architektur irritiert gewaltig und hat die Dresdner entzweit. Die Pläne stammen von Daniel Libeskind, und der amerikanische Architekt ist nicht dafür bekannt, gefällige Wohlgestalt zu liefern. Vorhandene Strukturen sind ihm stets Anlass zur Gegenreaktion. Provokant und ignorant sagen die einen, anregend und genial die anderen. Die heftigen Reaktionen auf seine Bauten halten manche bereits für deren entscheidende Qualität.

Das schlossartige Arsenal auf einer Anhöhe über der Dresdner Albertstadt entstand von 1873 bis 1877 nach Plänen der Sächsischen Militärbauverwaltung, die sich an Ludwig Bohnstedts Siegerentwurf für den Berliner Reichstagswettbewerb orientierte und dessen Mittelrisalit übernahm. Schon 1897 war es als Waffendepot obsolet und beherbergte fortan die Königliche Arsenal-Sammlung, die 1914 in das Königlich Sächsische Armeemuseum überging. Die Wehrmacht betrieb es als Heeresmuseum, 1972 firmierte es als Armeemuseum der DDR. Ab 1994 erarbeitete man eine neue Konzeption und bereitete die Neugestaltung von Ausstellung und Architektur vor.

Als Libeskind sich den neoklassizistischen Repräsentationsbau vornahm, war von ihm keine sanfte Renovierung des an sich intakten Gebäudes zu erwarten. Als hätte er das Museum mit einem Handkantenschlag in zwei Teile aufgesprengt, fährt nun ein Keil brutal und unvermittelt durch das ansonsten sorgsam restaurierte Bauwerk. Die Botschaft ist unmissverständlich und doch vieldeutig: Blitzkrieg, Zerstörung, Verstörung. Anders als beim Dresdner Hygienemuseum, für das Coop Himmelb(l)au eine unmotivierte gläserne Zäsur durch den Altbau schnitten, steht Libeskinds architektonische Barbarei in engem Zusammenhang mit dem Inhalt und Auftrag des Gebäudes.

Und wie so oft hat Libeskind zusätzliche Symbolik zu bieten. Der Keil zeigt Richtung Stadion in der Weststadt und reflektiert die Form des fächerförmigen Bombenteppichs, der die Dresdner Innenstadt von dort aus im Februar 1945 in Schutt und Asche legte. Der Blick auf das zerstörte und wieder aufgebaute Dresden von der Höhe des Keils aus ist denn auch die erste Station des Rundgangs und lässt schon erahnen, dass es in diesem Haus nicht um eine Verherrlichung des Militärwesens, um Heldenverehrung und um ein Hochamt der Kriegstechnik geht.

Der Keil ist eine abstrakte, symbolische Geste, die in der konkreten bautechnischen Realisierung durch das mächtige stählerne Traggerüst und die etwas grob gestrickte Fassade aus Metalllamellen leider an Signifikanz verloren hat.

Natürlich fährt der stählerne Blitz nicht durch den Mittelrisalit mit dem Triumphbogenmotiv und den monumentalen gekuppelten Säulen, auch nicht durch die Seitenrisalite des Dreiflügelbaus. Dennoch mussten die Denkmalschützer Originalsubstanz preisgeben. Während im Erdgeschoss die Struktur der Gewölbehallen weitgehend geschont wurde, ist in den oberen Geschossen des Keils Libeskinds Raumaufteilung zum Tragen gekommen.

Das neue architektonische Element mit seinen schrägen Wänden und geneigten Böden veranlasste den Ausstellungsmacher Gorch Pieken und sein Team, die Schau in zwei Abteilungen zu gliedern. In den Etagen des Altbaus sind Kriegshandwerk und Kriegsgeschehen chronologisch auf eher konventionelle Weise präsentiert, während im Keil ein Themenparcours epochenübergreifende Fragen behandelt. Es gibt vertikale Themenräume, haushohe Betonschächte, wie man sie als voids von Libeskinds Jüdischem Museum in Berlin kennt. In diesen – allzu beengten – Räumen steht zum Beispiel Hitlers „Wunderwaffe“, die V2-Rakete, hängt ein veritabler Alouette-Hubschrauber kopfüber an der Wand, ist ein Geschosshagel aus Granaten, Bomben und Raketen inszeniert, der auf den Besucher herabzustürzen droht.

Außerdem: ein Laufsteg mit Tieren, die für militärische Zwecke missbraucht worden sind, vom Kriegselefanten bis zum Minenhund, eine Abteilung Militär und Mode, ein Kabinett mit medizinischen Präparaten von (meist tödlichen) Kriegsverletzungen, eine Sammlung „Krieg und Spiele“, die etwa ein Puppenhaus mit abgedunkelten Fenstern zeigt. Die Verherrlichung des Militärs ist gewiss auch andernorts einer nüchternen, historiografischen Dokumentation von Militaria gewichen. Doch Dresden geht einen Schritt weiter, beleuchtet das Kriegshandwerk aus der Perspektive der Opfer, erzählt eine Kulturgeschichte der Gewalt und der Zerstörung. Die Sicht der Dinge hat sich gewandelt, gerade in Deutschland, das gelernt hat, seine unrühmliche kriegerische Vergangenheit kritisch aufzuarbeiten. Die Bundeswehr bezieht mit ihrem Museum entschieden Stellung und verdient dafür Respekt.

Die dem Militär von je her eigene Ideologie der Stärke ist der Gewaltvermeidung gewichen. Die Bundeswehr wird nicht mehr eingesetzt, Land zu erobern und Kriege zu gewinnen, sondern Kriege zu verhindern: Oberstes Ziel ist die Vermeidung von Opfern. Der Paradigmenwechsel prägt auch die Präsentation in Dresden. In welchem Militärmuseum wird ein Fahrzeug der eigenen Streitkräfte gezeigt, das durch Feindeinwirkung zerstört wurde wie der in Afghanistan von Splittern zersiebte Munga der Bundeswehr? Die von Libeskind gestalteten Räume mit ihren schrägen Geometrien und vertikalen Schluchten haben die Ausstellungsgestalter HG Merz aus Stuttgart und Holzer Kobler aus Zürich zu bewegenden Installationen angeregt. In den Sälen des Altbaus mit ihren schlichten gusseisernen Säulen entfalten sie für die chronologische Ausstellung hingegen einen Schauparcours mit schwebenden Vitrinen, wobei jeweils die Außenseiten den Überblick geben und die inneren Wege vertiefende Informationen und Exponate bieten.

Doch auch in diesen Abteilungen beschränken sich die Ausstellungsmacher nicht auf die museale Präsenz der Exponate, sondern relativieren die glamouröse oder heroische Wirkung der Militaria immer durch die Darstellung der Kriegsfolgen. So ist Görings Feldmarschallmantel mit den Schrecken des Bombenkriegs konterkariert. Anderswo hängen die Splitter einer explodierten Granate im Raum, als sei die Bewegung eingefroren . In der Fantasie des Betrachters fliegen die furchterregend scharfkantigen Teile weiter und vollenden ihr zerstörerisches Werk.

Das Museum am Dresdner Olbrichtplatz 2 ist ab Sonnabend für die Besucher geöffnet. Di - So 10 - 18 Uhr, Mo 10 - 21 Uhr, Mi geschlossen. Bis Anfang 2012 ist der Eintritt frei. Infos: mhmbundeswehr.de

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