Kultur : Keine Memme

Lutz Klevemann fragt sich, warum er als Reporter den Krieg gesucht hat.

Hannes Schwenger

Der Alltag deprimierte mich, mir fehlte der Kick im Leben.“ So einfach und schlüssig beschreibt Lutz Klevemann – Jahrgang 1974, zehn Jahre von 2000 bis 2010 als Journalist auf allen Kriegsschauplätzen der Welt unterwegs – seine Motivation für eine Reporterkarriere für Zeitungen und Magazine wie den „Daily Telegraph“, „Die Zeit“, „Newsweek“ und „Playboy“. Trotzdem gibt es da noch eine zweite Ebene in seiner Biografie, die ihn jenseits des journalistischen Tagesgeschäfts beschäftigt. Es ist sein Familienhintergrund mit einer eher konservativen Familie, deutschnational und nicht immun gegen den Nationalsozialismus, deren Erbe auf dem Familiengut Ankelohe bei Bremen er inzwischen selbst angetreten hat. Und das nicht nur, weil die Familie das erwartete, nachdem ihm seine Mutter dafür zehn Jahre Zeit gegeben hatte, in denen sie den Hof noch allein bewirtschaften konnte. Lutz Klevemann, alles andere als ein Konservativer, hat in diesen zehn Jahren auf den Kriegsschauplätzen der Welt auch seinen eigenen Platz in der Generationenfolge seiner Familie gefunden, ohne seine ganz anderen politischen und beruflichen Erfahrungen zu verleugnen.

Darüber schreibt er in seinem mit 37 Jahren immer noch vorläufigen Lebensbericht „Kriegsgefangen“, der in kontrapunktisch erzählten Episoden den Lebensweg seines in Russland 1915-18 kriegsgefangenen Großvaters den eigenen Kriegserlebnissen gegenüberstellt. In kurzen Rückblicken verschränkt er die Stationen seiner Reporterkarriere – Jugoslawien, Afrika, Tschetschenien, Afghanistan, Irak, Südamerika, Burma, Vietnam und Nordkorea – und die Stationen einer Russlandreise von Moskau bis Wladiwostok auf den Spuren seines kriegsgefangenen Großvaters Hans-Heinrich.

Ganz anders als der national gesinnte Vorfahr beginnt er seine Karriere als jugendlicher Rebell, der von der Förderung durch die Konrad-Adenauer-Stiftung ausgeschlossen wurde, weil er am Grab des alten Kanzlers rote Nelken niedergelegt hatte, das Symbol der Arbeiterbewegung. Nach seinem Studium an der London School of Economics verzichtete er nicht nur auf einen Job als Investmentbanker, sondern auch auf seinen Studienplatz an der Henri-Nannen-Journalistenschule: Sein Herz „sank bei der Vorstellung, für eine Angestelltenkarriere zurück in ein Klassenzimmer zu müssen“. Der britische „Daily Telegraph“ bot ihm die Gelegenheit, als Freelancer auf eigene Faust und gutes Journalistenglück von den wechselnden Brennpunkten der Zeitgeschichte zu berichten. „Anstatt mich an einem Ort niederzulassen, wollte ich fortan eine medial unterbeleuchtete Gegend der Erde auswählen, sie für etwa zwei Monate bereisen, aus dem Land eine Geschichte verkaufen und dann weiterziehen.“ Zu den Scoops, die ihm gelangen, gehörte die Begegnung mit den rivalisierenden Chefs und wehrlosen Sklaven afrikanischer (Blut-)Diamantenminen in Sierra Leone und ein Interview mit Drogenbossen im kolumbianischen Medellin.

Zu seinen Misserfolgen, die er nicht verschweigt, zählen Recherchen, die mit Flucht oder Ausweisung endeten und abbrachen – in Afghanistan, der Elfenbeinküste oder Liberia, wo ihn Peter Scholl-Latour aus Polizeigewahrsam befreite. In dessen eigenem Buch „Afrikanische Totenklage“ wird diese Episode „mit leichtem Altersspott“ (Klevemann) glossiert. Klevemann bleibt den Dank nicht schuldig, kann sich aber eine Retourkutsche als junger Besserwisser nicht verkneifen, wenn er Scholl-Latour mit dem Zitat einer politisch unkorrekten Bemerkung bloßstellt: Im Kongo hätten unter ähnlichen Umständen „die Neger Sie gleich umgebracht“.

Am Ende seiner Abenteuer, deren private Seite Drogen-, Voodoo- und Bordellerfahrungen einschließt, steht die nach einer Bandscheibenoperation nicht ganz freiwillige Einsicht, seine Möglichkeiten erschöpft zu haben. Das sei zwar „fast immer ein Heidenspaß“ gewesen, aber: „Der Journalismus, den ich ausgeübt habe, ist nichts für Erwachsene. Wer nicht spätestens mit Anfang Dreißig damit aufhört, wird Säufer oder geht seelisch daran zugrunde.“ Lutz Klevemann hat die rettende Insel als Verwalter seines Familienanwesens erreicht. Jetzt kann er auch, über den Abstand der Generationen und politischen Positionen hinweg, verdrängte Familienähnlichkeiten mit dem erzkonservativen Großvater und NS-Parteigänger annehmen und als gemeinsame Faszination durch das Kriegserlebnis deuten. War der Großvater in den Ernst Weltkrieg gezogen, „weil ich keine Memme sein will“, gesteht sich der Enkel eine „Liebesbeziehung zu Kriegsgebieten“ ein und eine „morbide Faszination“ durch die kriegerische Aura der NS- Zeit. In einem doppelten Wortsinn seien beide, Großvater und Enkel, kriegsgefangen gewesen – und beide heimgekehrt.

Lutz Klevemann: Kriegsgefangen. Meine deutsche Spurensuche. Siedler Verlag, München 2011. 480 Seiten, 22,99 Euro.

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