Keret-Buch "Die sieben guten Jahre" : Alles zu gewinnen

Liebt das Leben, selbst wenn es manchmal schwer ist: Der israelische Schriftsteller Etgar Keret erzählt von seinen Jahren als Vater und Sohn.

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Der israelische Schriftsteller Etgar Keret
Der israelische Schriftsteller Etgar KeretFoto: Heike Steinweg/Verlag

Wer auf diese Weise zum Schriftsteller wird, kann vermutlich gar nicht anders, als komische, wunderliche und absurde Geschichten zu erzählen. Nicht nur, dass der israelische Autor Etgar Keret seine allererste Geschichte als 19-Jähriger Wehrpflichtiger „in einer der am besten bewachten Armeebasen Israels“ geschrieben hat; nein, der erste Leser dieser Geschichte war Kerets älterer Bruder, der sie beim Gassigehen mit dem Hund las und sie so großartig und überwältigend fand, dass er Etgar fragte, ob er denn auch eine Kopie habe? Der bejahte, woraufhin der Bruder mit der Geschichte die Scheiße seines Hundes in den nächsten Mülleimer zu schaufeln begann. Und Etgar begriff genau in diesem Moment, „dass ich Schriftsteller sein wollte“. Denn die Geschichte, sie war eben doch mehr als das „zerknitterte, mit Scheiße beschmierte Blatt, das jetzt auf dem Boden eines Mülleimers lag.“ Nämlich: Magie.

Diese guten Jahre sind auch traurige Jahre

Ob es sich wirklich so zugetragen hat? Spielt eigentlich keine Rolle, zumal man Keret seit seinem Debüt „Pizzeria Kamikaze“ und weiteren Short-Story-Bänden wie „Gaza Blues“ oder „Mond im Sonderangebot“ als gleichermaßen gefühlvollen wie rebellischen, aber halt auch schrullig-witzigen Erzähler kennt. Nur steht diese Geschichte mit dem Titel „Shit Happens“ in Kerets erstem autobiografischen Buch, „das ich nach mehr als fünfundzwanzig Jahren des Schreibens veröffentliche“, wie er in einem Nachwort verrät, „weil es darin um die Menschen geht, die mir die liebsten auf der Welt sind.“ Insbesondere um seine Eltern, Geschwister und seine Frau und seinen kleinen Sohn, und da dürfte tatsächlich die eine oder andere wahre Episode dabei sein: von der Krebserkrankung und dem Tod des Vaters über die religiöse Wandlung der Schwester zu einer orthodoxen Jüdin bis hin zu einem Terroranschlag an genau dem Tag, an dem der Sohn geboren wird.

Es ist eine schöne Leichtigkeit in diesen Erzählungen

„Die sieben guten Jahre“ nennt Etgar Keret sein autobiografisches Buch, was bei den erzählten Geschichten genauso mit Vorsicht zu genießen ist wie Kerets Schriftstellerinitiation. Gut sind hier die Geschichten, die Keret erzählt, die Jahre jedoch, die gemeint sind, haben auch etwas Trauriges, ohne dass Keret diese Traurigkeit die Oberhand gewinnen lassen würde.

Was sicher mit der Situation in seiner Heimat zu tun hat: Mit Humor, mit einer Portion Wahnwitz, mit einem Sinn fürs Widersprüchlich-Absurde lässt sich der israelische Alltag sicher besser aushalten. Weshalb es geradezu naturgemäß ist, dass Keret zum Beispiel in der Geschichte über seine Schwester einen Satz mehrmals wiederholt: „Vor neunzehn Jahren starb meine Schwester in einer kleinen Heiratskapelle in Bnei Brak und lebt seither in der (am) meisten orthodoxen Wohngegend in Jerusalem.“ Um am Ende aber darüber zu spekulieren, ob es nicht auch die Gebete der Schwester waren, die ihn mit seiner Frau zusammengebracht und schlussendlich glücklich gemacht haben.

Das Buch erscheint nicht in Israel

Auch der Vater dürfte dem Sohn einiges an Zuversicht mitgegeben haben, sagt dieser doch nach seiner Zungenkrebs-Diagnose und den schwierigen therapeutischen Optionen, die kaum solche sind:  „Ich liebe das Leben. Wenn die Qualität gut ist, umso besser. Wenn nicht, dann eben nicht. Ich bin nicht wählerisch.“ Und, schließlich: „Genau so treffe ich gern Entscheidungen, wenn es nichts zu verlieren und alles zu gewinnen gibt.“ Mit genau diesem Kampfesmut, dieser Lebenszugewandtheit des Vaters, der seinen Sohn immer rettete, wenn dieser gerettet werden musste, wie er einmal schreibt, erzählt Keret von seinen Reisen zu Literaturfestivals überall in der Welt und nicht zuletzt vom Alltag in Israel. Dieser ist stets ein vom Krieg bestimmter: Keret muss auf dem Spielplatz diskutieren, ob sein dreijähriger Sohn Lev eines Tages zur Armee gehen wird oder nicht; er wird mit Frau und Kind auf der Autobahn nach Tel Aviv von Luftschutzsirenen überrascht, woraufhin sie aussteigen und sich als eine Art Pastrami-Sandwich aneinanderschmiegen. Oder er überlegt, warum er so gern „Angry Birds“ spielt, und erkennt, die eigene politische Unkorrektheit eingestehend: „Unter der einnehmenden Oberfläche der lustigen Tiere und ihrer süßen Stimmen ist Angry Birds tatsächlich ein Spiel, das mit dem Geist fundamentalistischer Terroristen übereinstimmt.“

Dafür im Iran - paradoxerweise

Es ist eine schöne Leichtigkeit in diesen Erzählungen, die mit einer gewissen Melancholie, einer untergründigen Trauer korrespondiert, sodass man gleichermaßen seinen Spaß haben kann wie zum Teil tief berührt wird.

Weil es doch sehr familiär zugeht, hat Keret im Übrigen beschlossen, dieses Buch nicht in Israel und auf Hebräisch veröffentlichen zu lassen, sondern zuvorderst im angloamerikanischen Raum (die deutsche Übersetzung aus dem Englischen stammt von Daniel Kehlmann) – und, seltsamerweise, im Iran, auf Farsi, übersetzt von dem afghanischen Autor Aziz Hakimi. Im Iran sind Kerets autobiografische Erzählungen im November vergangenen Jahres erschienen, vertrieben zwar nur auf inoffiziellem Weg, doch begleitet von Kerets Hoffnung, dass potenzielle iranische Leser „darin die Geschichte einer israelischen Familie finden, die genau dieselben Hoffnungen und Ängste hat wie andere Familien auf dieser Welt. Ich weiß nicht, ob sie Israel aufgrund dieser Lektüre sein Daseinsrecht zugestehen werden, aber sie werden uns zumindest etwas besser kennen.“

So ganz ohne Sendung geht es nicht – bei aller Wunderlichkeit und Absurdität, bei aller zum Erzählen geradezu einladenden kriegerischen Alltagsskurrilität will auch ein israelischer Autor nichts anderes, als in Frieden leben.

Etgar Keret: Die sieben guten Jahre. Mein Leben als Vater und Sohn. Aus dem Englischen von Daniel Kehlmann. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2016. 222 Seiten, 19, 99 €.

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