Kevin Kline und Maggie Smith : "My Old Lady" - Erben ist stressig

Israel Horovitz hat aus seinem Broadway-Erfolg "My Old Lady" einen Film gemacht. Kevin Kline, Kristin Scott Thomas und Maggie Smith sind darin über einen schicksalhaften Vertrag miteinander verbandelt – und begeistern durch ihre Schauspielkunst.

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Abendessen im Objekt der Begierde, der Villa im Pariser Viertel Marais.
Abendessen im Objekt der Begierde, der Villa im Pariser Viertel Marais.Foto: dpa/Ascot Elite Filmverleih GmbH

Subtil muss die achtzigjährige Mathilde Girard (Maggie Smith) nicht mehr sein, lieber nimmt sie die Schwächen ihres Kontrahenten direkt aufs Korn. In Israel Horovitz’ Komödie „My Old Lady“ dringt der Amerikaner Mathias Gold (Kevin Kline), – ein Silver Ager, dessen ganze Habe in seine Schultertasche passt – in ihr großbürgerliches Ambiente ein, um seinen Erbanspruch auf das versteckt liegende Traumhaus im Pariser Viertel Marais geltend zu machen.

Die alte Dame kultiviert bei gutem Rotwein zum Diner und bei Lesestunden im sonnigen Garten ein gelassenes Savoir-vivre. Souverän bietet sie dem frustrierten Fremden eine der edelplundrig vollgestopften Kammern im Obergeschoss als vorläufige Bleibe an, doch unmissverständlich stellt sie klar, dass das französische Immobilienrecht der „rente viagère“ auf ihrer Seite ist.

Der Sohn erfährt, dass sein verhasster Vater Mathildes Altersexistenz sichert, indem er ihre formidable Hinterhofvilla auf Basis einer Leibrente gekauft hat. Bis zu ihrem Tod behält sie Wohnrecht, schlimmer noch: das Erbe verspricht dem klammen Loser kein Cash durch schnellen Verkauf, sondern verpflichtet ihn umgekehrt dazu, Mathilde und ihrer Tochter Chloé (Kristin Scott Thomas) jeden Monat Geld zu überweisen.

Ein Schlitzohr in Not

Wie also eine einvernehmliche Lösung finden, einen Käufer, der in den Vertrag mit dem Mutter/Tochter-Paar eintreten würde? Kevin Kline gibt das Schlitzohr in Not, das sich durch den Verkauf ausgewählten Trödels aus Mathildes Bestand Bargeld besorgt und auf heimlichen Passagen durchs Viertel die Beziehungsnetze von Mutter und Tochter ausspioniert. Kristin Scott Thomas spielt die nie selbstständig gewordene Tochter, eine Frau in den besten Jahren, die als Sprachlehrerin in die Fußstapfen der Mutter trat, den Platz an ihrer Seite bravourös renitent verteidigt und nach dem Regelwerk amerikanischer Romantic Comedies gerade durch dieses Verhalten Mathias’ erotisches Interesse weckt.

Horovitz’ Drehbuch nach einer seiner Broadway-Erfolgskomödien bietet seinem All-Star-Trio geschliffene Rededuelle, in denen die verborgenen Gefühlsgeschichten hinter der vertrackten Erbschaft immer deutlicher zutage treten. Mathilde war einst die Geliebte von Mathias’ Vater, – der einzige Sohn durchlitt die elende Ehegeschichte der Eltern aufseiten der Mutter.

Im ödipalen Gefühlssturm

Kevin Kline kostet jede Faser seiner wiederaufbrechenden Schmerzgefühle wie eine von der Regie freigesetzte Diva bis in die sentimentalen und komisch verqueren Verästelungen aus, Kristin Scott Thomas fällt in merkwürdig angestrengten Passagen in dieselbe hohe Kunst dramatischer Seelenentblößung. Maggie Smith, die große Exzentrikerin, wird im ödipalen Gefühlssturm der Best Ager, die immer noch Mutter und Vater für die Versäumnisse ihres Lebens verantwortlich machen, nicht geschont, doch ihre raumgreifende Präsenz und ihr Timing holen die greinenden alten Kinder auf den Boden solider Schauspielkunst zurück.

Und, nicht zu vergessen: Paris zeigt sich in „My Old Lady“ als begehbares Schmuckkästchen. Das Szenenbild (Pierre-François Limbosch) entwirft eine wunderbare Welt der alten Dinge. Kauzige Idylle an jeder Ecke. Küssende Paare an der Seine.

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