Kino aus Argentinein : Drei Farben Liebe

Damals, im Sommer: In „Un Amor - Eine Liebe fürs Leben“ treffen sich drei Kleinstadt-Jugendfreunde nach Jahrzehnten wieder. Lisa liebte Lalo und hatte Sex mit Bruno. Heute sind sie einander so nah und so fern wie im wirklichen Leben.

von
Eine Entdeckung. Denise Groesman als Lisa, die in der Kleinstadt zwei befreundeten Jungs den Kopf verdreht.
Eine Entdeckung. Denise Groesman als Lisa, die in der Kleinstadt zwei befreundeten Jungs den Kopf verdreht.Foto: Kairos Filmverleih

Auf die Frage, warum „Liebe“ in Amerika unter dem französischen Originaltitel „Amour“ ins Kino gekommen sei, sagte Michael Haneke unlängst, der Verleiher habe zu bedenken gegeben, in den USA trügen mindestens 2587 Filme „Love“ im Titel. Immerhin: Der Stolz aufs Archetypische, der sich in dem Solo-Substantiv ausdrückt, haftet Hanekes grandiosem Film in jeder Sprache an.

Nun kommt Paula Hernández’ „Un amor“ ins Kino – ein Beispiel also nur für das ganz große Gefühl. Der deutsche Verleih schickt dem listig bescheidenen argentinischen Titel den Zusatz „Eine Liebe fürs Leben“ hinterher. Die Regisseurin erzählt auf zwei 30 Jahre auseinanderliegenden Zeitebenen von der ungewöhnlichen Beziehung dreier Protagonisten. Beiläufig, fast tänzerisch wechselt das Geschehen zwischen Jugend und Erwachsensein, bis beides sich zart zu vereinen scheint. Und auf einmal rührt einen auch hier das Archetypische an, fast aus Versehen.

„Entschuldige dich nicht, mach mich nass!“, ruft die neue Schulkameradin Lisa (eine Entdeckung: Denise Groesman), als die pubertierenden Freunde Lalo (Agustín Pardella) und Bruno (Alan Daicz) eines Sommertags betont unachtsam mit dem Gartenschlauch hantieren. Frech spaziert sie im Blümchenkleid und orangenen Gummistiefeln in die geschlossene Kleinstadtjungsgesellschaft und macht Lalo und Bruno abwechselnd glücklich. Den einen liebt sie, mit dem anderen lernt sie sexuell. Der andere liebt sie in aller Stille, während der eine nebenbei noch ein bisschen mit der Dorfhure übt – oder umgekehrt? Egal, man geht zu dritt schwimmen und zu zweit ins verlassene Haus, und kaum ist der Sommer vorbei, bleiben die Jungs allein. Hals über Kopf ist Lisa mit den Eltern weggezogen.

Es gibt politische Gründe für das unstete Leben von Lisas Familie, aber jene Diktatur im Argentinien der späten 70er Jahre ist bloß ein Schatten, der sich kaum auf diesen Traumsommer legt. Als Lisa im Heute wieder auftaucht im Leben der zwei, haben sie alle schon anderweitige Schattenstrecken hinter sich: Väter geworden und ein bisschen müde, und Lisa, die der Welt noch immer gern ihr fröhlichstes Gesicht zeigt, hat einen feinbitteren Zug um den Mund.

Was passiert in „Un amor“? Ein wunderbar sinnlicher Sommer, der nicht wirklich vergangen ist. Einszweidrei Leben, die insgesamt vernünftig weitergehen. Erst das eine, dann das andere Wiedersehen, schließlich ein langer Abend zu dritt. Ein eher versehentlich – und segensreich – gelüftetes Geheimnis. Abschiede natürlich, bloß bitte nicht für immer! Schwimmen gehen am Steg mit der alten Laterne kann man doch auch heute noch.

Die erwachsenen Rollen hat Paula Hernández zuerst besetzt, mit Schauspielprofis wie Elena Roger, Diego Peretti undLuis Ziembrowski. Und dann die Jugendfiguren dafür gesucht und gefunden. In der Erinnerung an den Film will es einem eher umgekehrt scheinen: Als seien da drei Verheißungsgesichter unversehens in ihr ausgeformtes Ältersein gefallen, ganz wie im Leben.

OmU: Fsk am Oranienplatz, Lichtblick

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben