Kino aus Rumänien : Nach Constanta und übers Meer

Rumänisches Filmwunder ohne Ende: Bodgan George Apetri erzählt in „Periferic“ von 24 Stunden aus dem Leben einer jungen Frau. Eine Psycho- und Gesellschaftsstudie vom Rand Europas, aufwühlend und kühl zugleich.

von

Es geht um Geld. Man zockt sich ab, man begleicht Rechnungen, man plündert Taschen und Briefumschläge, man reißt sich drum, man reißt aneinander herum wegen dem bisschen Geld, dem vielen Geld, man presst es sich ab, man kauft Leute wie Sachen und verkauft sie wie Sachen, man fordert Geld, man verweigert es, man rückt es raus. Und am fiesesten geht es dort um Geld, wo man es am wenigsten erwartet.

Zum Beispiel am Vormittag, es ist die erste Station von Matildas 24-StundenFreigang. Sie kommt in die Wohnung ihres Bruders Andrei (Andi Vasluianu), es ist der Tag von Mutters Begräbnis, und eigentlich geht es jetzt nicht um Geld. Aber Andrei fragt gleich: „Du willst Geld?“, nur um sofort hinterherzulügen: „Wir haben keins.“ Matilda dagegen fordert weniger und mehr. Sie will, dass Andrej ihren Sohn Toma (Timotei Duma) zu sich nimmt. Wie wird man so eine Bitte los? Ganz einfach. Andrei überlässt Matildas Rauswurf seiner zänkischen, geizigen Frau Lavinia (Ioana Flora), indem er ihr zuraunt: „Matilda will Geld.“

Ana Ularu gibt dieser Matilda Gesicht und Körper, verschlossen, gespannt, hager und hart, dieser jungen Frau, die 24 Stunden Zeit hat, ihr Leben zu ordnen. Zu fünf Jahren ist sie verknackt worden, und nach zwei Jahren und drei Monaten kommt sie zum ersten Mal raus. Ihr Ex, der Zuhälter Paul (Mimi Branescu), an dessen Stelle sie die Strafe absitzt, schuldet ihr als Entschädigung für jedes Jahr 2000 Euro. Aber rückt er jetzt mal eben 4000 Euro raus, damit sie den Schlepper bezahlen kann für die Schiffsflucht ins Ausland ab Constanta übers Schwarze Meer?

Ein schneller, strenger, nüchterner Film ist das, den der in New York zum Regisseur ausgebildete Rumäne Bogdan George Apetri in seiner alten Heimat gedreht hat, ein Debüt, das seinen Figuren im Nacken sitzt, sie aufeinanderhetzt zu kalten Forderungen, Geschrei, Prügeleien, und natürlich geht es wieder und wieder um Geld. Oder um Liebe? Ist da noch eine Art Restliebe zu Paul, der den gemeinsamen Sohn Toma ins Waisenhaus abgeschoben hat? Und was für eine Liebe ist das zu Toma, den Matilda plötzlich retten will, wenn nicht durch den feigen Andrei, dann eben allein?

Matilda jagt von Begegnung zu Begegnung, und am Ende soll Freiheit stehen. Sie sitzt in Autos mit fremden Frauen, während Männer draußen verhandeln unter kaltem Sommerlicht und Geldkoffer aufklappen auf Motorhauben im Gebüsch. Oder sie reißt ihren Sohn von Männern in Autos los, und die fahren weg durch staubige Plätze am Rand von Hochhaussiedlungen, und plötzlich sitzt Matilda mit Toma im Zug. Ein krankes Land ist dieses Rumänien mit kranken Leuten von Kindheit an. Und eine kranke Sonne scheint über allem.

Der Film sagt das alles nicht. Er zeigt, was geschieht, und sonst gar nichts. Gut, er spielt ein bisschen mit Farbfiltern, um seine irren Szenerien vernünftig auszuleuchten. Und er sperrt seine Leute in enge Einzelbilder, noch eine kleine Überdeutlichkeit, aber sie ist genauso lakonisch und also grandios. Auch Ana Ularu bleibt wie weggeschlossen in ihrer Selbstdisziplin, in ihrem Körper als Waffe, in diesen wasserhellen, alle Täuschungsversuche auswaschenden Augen. Und als es einmal doch ein Lächeln gibt, es ist eine Szene mit dem Kind im Zug, da will einem beim Zusehen fast der Zug aus den Schienen springen.

„Periferic“ heißt der Film, und seine Figuren und sein Land gehören zu einem Rand der Welt. Zugleich ist dieses Rumänien derzeit eine vitale Mitte des Kinos, gespiegelt von Regisseuren, die stark und klar erzählen können – und immer entwickeln sie nicht nur Geschichten, sondern Wahrnehmungsabenteuer. Karg sind diese Filme, aber in diesem öden Kinosommer mag man geradezu in ihnen baden, bis zum möglichst offenen Ende.

Vorher aber setzt „Periferic“ eine besonders bittere Pointe. Es geht um Geld. Und um Liebe. Tränen? Nicht doch.

fsk am Oranienplatz

0 Kommentare

Neuester Kommentar