Kino : Die Gute

„The Lady“ – Luc Bessons Biopic über die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi aus Myanmar.

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Mut vor den Mündungen. Michelle Yeoh spielt die Politikerin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Foto: Universum Film
Mut vor den Mündungen. Michelle Yeoh spielt die Politikerin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Foto: Universum FilmFoto: dapd

15 lange Jahre lebte die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi eingesperrt in ihrem Haus in der Nähe von Rangun. „The Lady“, das Spielfilmporträt der Vorkämpferin für die Demokratie in Birma (heute Myanmar), sollte ursprünglich internationale Appelle zu ihrer Freilassung unterstützen, doch als Luc Besson im November 2010 die Dreharbeiten im benachbarten Thailand beendet hatte, wurde die prominente Widerstandsheldin aus dem Hausarrest entlassen. Angesichts eindrucksvoller Massenproteste und eines einschnürenden Wirtschaftsembargos der Uno gab die Militärclique ihres Landes nach und schlug eine vorläufig friedlichere Taktik ein. Am letzten Wochenende nun gewannen die 67-jährige Aung San Suu Kyi und ihre Partei mit überragendem Ergebnis die ersten demokratischen Wahlen in Myanmar.

Nun, da ein neues Kapitel begonnen hat, böte die Geschichte Stoff genug für einen mitreißenden Rückblick. Das Drama ist nicht zu Ende. Die Generäle, die das Land jahrzehntelang abschotteten, um ihre Schreckensherrschaft zu festigen, legten unter den fragilen Vorzeichen des demokratischen Aufbruchs als Erstes eine Verfassung vor, die ihnen Straffreiheit und Privilegien sichert. Zu Recht weist Amnesty International sogleich darauf hin, dass von einem Happy End zwischen Reformwilligen und Betonköpfen keine Rede sein kann.

Luc Bessons „The Lady“ indes verpasst die Chance, hinter das Klischee der überlebensgroßen politischen Symbolfigur zu blicken. Die Schönheit Aung San Suu Kyis wird beschworen, nicht zuletzt durch ihre seidigen Kostüme und die farblich abgestimmten Blumenarrangements in ihrem Haar. Doch was macht die Integrität und Stärke dieser Frau aus? In Worten wird ihre sanfte Sturheit beschworen, ein eigentlich wirkungsvolles Gegenbild zu den pittoresken Gewaltszenen der Schurken – doch der Film findet keinen Rhythmus, keine visuellen Entsprechungen, die seine Heldin jenseits der klappernden Dramaturgie ernst nehmen.

Das Drehbuch forciert die melodramatischen Dialoge, der Regisseur und sein Star Michelle Yeoh, beide geprüfte Experten in Sachen Actionkino, geben alles, um die Abfolge der Episoden atemlos zuzuspitzen. Unter der Faktenfülle aber vergisst der Film, empathische Bilder für die Dauer, die Leere und die Einsamkeit zu finden, die eine solch brutale Verbannung zur Folge hat.

Ende der achtziger Jahre war Aung San Suu Kyi zur Pflege ihrer Mutter nach Rangun zurückgekehrt. Dort wurde sie Zeugin der Massaker an protestierenden Studenten, Intellektuellen und Mönchen. Als Tochter eines 1947 ermordeten Unabhängigkeitskämpfers engagierte sie sich zunächst nur zögernd, verweigerte dann jedoch die Rückkehr nach England. Stattdessen entschloss sie sich, die ihr angetragene Rolle anzunehmen und die gewaltlose Freiheitsbewegung zu unterstützen. Michael Aris, Aung San Suu Kyis britischer Ehemann, ein Tibetologe der Universität Oxford, erreichte zwar 1991 die wichtige Auszeichnung seiner Frau mit dem Friedensnobelpreis, der den Kreis ihrer Bewunderer vergrößerte und ihre Gegner zur Vorsicht nötigte. Doch der einmal begonnene passive Widerstand erzwang ihr weiteres Ausharren – auch als ihr Mann 1998 einem Krebsleiden erlag, ohne dass sie die Chance hatte, ihn noch einmal zu sehen.

Der Film stellt den Verzicht der liebenden Frau und Mutter auf ein Leben in England an der Seite ihrer Familie in den Mittelpunkt. Telefongespräche, stets von Geheimdienstlauschern unterbrochen, sind sein wichtigstes erzählerisches Mittel, die sensible Schauspielerführung aber kommt zu kurz. Der britische Schauspieler Michael Thewlis als Aung San Suu Kyis Ehemann bemüht eine Minimalmimik zerknirschter Gutmütigkeit, um seiner entsagungsvollen Liebe Ausdruck zu geben. Luc Besson, der in „Subway“, „Im Rausch der Tiefe“, „Nikita“ oder „Das fünfte Element“ hemmungslos opulente Gefühle, exotische Szenerien und raffinierte Looks miteinander zu verbinden wusste, erstarrt in seiner Bewunderung der „Lady“. Seine Liebeserklärung an Aung San Suu Kyi ist ein vorhersehbares, allzu schematisches Melodram.

Cinemaxx, Colosseum, Filmkunst 66, Kulturbrauerei, Neues Off; Cinestar SonyCenter (OV), Rollberg (Engl. m. dt. U.)

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