Kino : Die Smartphone-Folter

Gewalt und Leidenschaft, politisch und privat: Das Filmfestival im koreanischen Busan zeigt, wie die Zukunft aussieht - als wären wir schon in der Mitte des 21. Jahrhunderts angelangt.

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Des einen Spaß, des anderen Schmerz. Szene aus „Fatal“ von Lee Don-ku.
Des einen Spaß, des anderen Schmerz. Szene aus „Fatal“ von Lee Don-ku.Foto: BIFF

Telefonieren geht gar nicht. Das heißt, natürlich sind die Geräte, die nahezu jeder neun- bis neunundzwanzigjährige Koreaner nahezu jederzeit in Händen hält, auch zur digitalen Übermittlung analog erzeugter menschlicher Kommunikationsimpulse in der Lage. Aber was, wenn sie fast so tabletmonstergroß sind, dass kaum eine Männer- und erst recht keine Frauenhand sie noch ans Ohr halten mag? Dann hockt man eben, von der Metro bis hinauf in die künstlichen Parks auf Hochhausdächern, vor den neonbunt hartplastikummantelten Smartphones und hackt beiddäumig auf die Tastaturen ein, bis die Displays glühen.

Aber wozu telefonieren, Reden wird sowieso überschätzt. Gehen wir lieber, hier an der südkoreanischen Südostküste, ins Kino am anderen Ende der Welt. Und wundern wir uns nur einen Augenblick lang, warum der Saal überfüllt ist, obwohl „Architecture 101“ von Lee Yongzoo, einer der Blockbuster des Frühjahrs, mit seinen vier Millionen Zuschauern doch längst abgespielt sein müsste. Schon schön, die zarte Romanze um zwei, die ihre verfehlte erste Liebe als Erwachsene vorsichtig nachzuholen suchen – aber wer hatte ihre Stars, heißen sie Lee Je-hoon oder Bae Suji, bisher leibhaftig vor der Linse? Hier stellen sie sich ihrem Publikum, das während des Abspanns in Scharen still nach vorne rückt und Smartphones zückt. Fragen? Keine Fragen. Sie wollen nur filmen.

Ja, wer in den Fernen Osten reist, reist in die nahe oder auch fernere Zukunft. Für Südkorea gilt das ganz besonders. In der Hafenstadt Busan steht mit dem Shinsegae („Neue Welt“) das weltgrößte Luxuskaufhaus, und unterm Dach lockt ein feines Megaplex, so fein, dass es sich sogar die hässlichen Notausgangsleuchten neben der Leinwand schenkt. In Busan auch steht der wohl weltgrößte Filmfestbunker: frisch hingeklotzt ganz in Grau vom Architekturbüro Coop Himmelb(l)au, und unter dem wie aus dem All gestürzten Riesendach ducken sich Kinosäle, Lounges und Büros. Und drumherum die Fünfzigstöcker, in denen – ob Büro, ob Wohnhaus – weißes Neonlicht glimmt. Hier strebt das 21. Jahrhundert längst eifrig seiner Mitte entgegen.

So viel Bombast: Da flüchtet am besten ins Kino, wer jene Restübersichtlichkeit sucht, die man denn doch im Leben braucht. Zu Jung Ji-woos „EunGyo“ zum Beispiel, wo in einem idyllischen Landhaus ein berühmter alter Schriftsteller und sein so junger wie talentfreier Eleve sehr hübsch um eine übers Grundstücksmäuerchen dahergelaufene Lolita streiten. Oder in „Comrade Kim Goes Flying“ aus Nordkorea, der unlängst beim Filmfestival in Pjöngjang den Regiepreis holte: Die junge Kim will nicht in der Kohlegrube, sondern am Zirkustrapez schuften. Und zwecks Beseitigung ihrer Höhenangst trainiert die Genossin schon mal auf der Hochhausbaustelle.

Natürlich wird ihr Traum Wirklichkeit. Nur Regisseur Kim Gwang-hun durfte nicht ausreisen zur Premiere in Busan. Stattdessen präsentieren der Brite Nicholas Bonner und Anja Daelemans aus Belgien, Inspiratoren und Mitfinanziers des Projekts, gut gelaunt einen, wie sie meinen, ganz und gar nicht propagandistisch gemeinten Film voller wohlgenährter Nordkoreaner, denen der Ruhm des Kollektivs über alles geht. Auch im Publikum sitzen eher die Langnasen aus Übersee. Südkoreaner, so deutet Festivalchef Lee Yong-kwan es später im Gespräch im dem Tagesspiegel an, sind nicht gar so neugierig auf die Brüder im Norden, die zudem immer mal wieder mit Krieg drohen. Wie etwa reagierte man im Süden unlängst auf den spektakulären Zwischenfall, als ein nordkoreanischer Grenzsoldat zwei Kameraden erschoss und über die Demarkationslinie türmte: „Schon wieder einer.“

Lee Yong-kwan, der seinen Schreibtisch unterm Festivalmonsterdach angenehm frei von Elektronik hält, ist überhaupt ein cooler Typ. Den Bunker nimmt er lächelnd hin – als leicht überdimensioniertes Zeugnis der Sehnsucht eines ehemals armen Landes nach Repräsentation. Und: „Zurück können wir sowieso nicht mehr.“ Man darf das als Ausdruck feiner Bescheidenheit verstehen. So wie er sein erst 1996 gegründetes und längst international wichtigstes asiatisches Filmfestival in erster Linie als Weltkino-Schaufenster fürs heimische Publikum betrachtet. Tatsächlich gucken die Koreaner, wenn sie nicht gerade heimische Actionfilme oder Romanzen, gerne auch beides in einem, favorisieren (Marktanteil: 54 Prozent), allenfalls Hollywoodware – und sind damit nahezu so autark wie die Amis selbst. Und sonst vielleicht nur die Inder.

Den tausenden Gästen aus dem Ausland wird dafür die koreanische Jahresfilmproduktion geboten. Und die hat es in sich, auch wenn die Boomjahre nach dem Fall der Diktatur, die sich mit Namen wie Kim Ki-duk, Park Chan-wook oder Hong Sang-soo verbinden, vorüber sind. Da dreht etwa der 28-jährige Lee Don-ku mit „Fatal“ für drei Millionen Won (schlichte 3000 Dollar) ein finsteres Schuld-und-Sühne-Drama, das seinen Weg zumindest durch die Festivals machen wird: Ein junger Mann verwindet es nicht, dass er als gedemütigter Mitläufer einer Schülergang bei einer Vergewaltigung mittat, und zehn Jahre später begegnet er dem in prekärem Gleichgewicht lebenden Mädchen zufällig wieder. Oder „Pluto“ von Shin Suwon: Der Highschool-Thriller der Koreanerin, die lange als Lehrerin arbeitete, erzählt von einer Gruppe Eliteschüler, die im Konkurrenzkampf um Top-Studienplätze sogar vor Mord nicht zurückschrecken. Das mag übertrieben sein, aber Selbstmorde gedisster Jugendlicher sind in diesem Milieu nicht selten.

Die Weltpremieren solcher Filme allerdings finden nicht im Megaplex statt, sondern im Galasaal des Bunkers. Dort immerhin herrscht Smartphone-Verbot. Und prompt nach der Vorstellung ein hochintelligentes Verständigungsbedürfnis der filmbegeisterten Koreaner, das an die glanzvollen Berlinale-Gesprächsabende einst im Delphi erinnert. Das kann so ernsthaft geschehen wie nach „National Security“, mit dem Regisseur Chung Ji-young Vergangenheitsbewältigung auf Südkoreanisch betreibt: Sein Spielfilm stellt am Beispiel eines jungen Häftlings grausam naturalistisch das Prinzip Folter nach, mit dem die sterbende Diktatur 1985 massive Studentenproteste erstickte – und wenn dann auf der Bühne die Witwe eines später in der Demokratie zum Minister aufgestiegenen Folteropfers in Tränen ausbricht, ist das ein überwältigender Moment.

Oder es geht lustig zu, sehr lustig sogar. Gerade endet die Premiere von „El Condor Pasa“, in dem ein vereinsamter koreanischer Priester nach einem sexuellen Verzweiflungsabenteuer Frieden oder vielleicht auch den Tod im peruanischen Hochland findet. Und schon geht es ungeachtet der von Regisseur Jeon Soo-il aufgeworfenen existenziellen Themen vor allem um die atemberaubend gefilmten, ziemlich expliziten Nacktszenen. Das Mikrofon wird in den zweiten Rang durchgereicht, und eine junge Zuschauerin merkt an, ihretwegen hätte man nicht bloß der Hauptdarstellerin, sondern auch dem Priester die full frontal nudity gönnen können. Die Frage tönt nicht, wie man vermuten könnte, streng feministisch, sondern charmant – und alles löst sich in geradezu saalfamiliärer Heiterkeit auf. Einen Hauch von damals hat das, einen Hauch vom uralten 20. Jahrhundert.

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