Kino : King aus Kingston

Kevin Macdonalds faszinierende Doku über den größten alle Reggae-Musiker: „Marley“.

Volker Lüke
Foto: Studiocanal
Foto: Studiocanal

„Bob Marley ist ein Haufen verlogener Scheiße“, schrieb der US-Rockjournalist Lester Bangs enttäuscht über Marleys „Kaya“-LP. Sein Text landete beim Musikmagazin „Sounds“, das ihn kurz nach Bangs Tod veröffentlichte. Da war „Disco Bob“ bereits ein Jahr tot. 31 Jahre später fragt man sich noch immer, wie der Mann mit den Rastazöpfen zu jenem Superstar werden konnte, dessen Verehrung bisweilen religiöse Züge annimmt.

Zum Verständnis des Musikers, seiner Herkunft und Botschaft, ist „Marley“ von Kevin Macdonald („Der letzte König von Schottland“) hilfreich. Der Film, der dem größten Popstar der sogenannten Dritten Welt ein Denkmal setzt, folgt zwar dem Schema vieler Musikdokumentationen, doch so stimmig und einfallsreich montiert wie dieser sind nur wenige. Mit historischem Filmmaterial, ausführlichen Interviews und Konzertbildern zeichnet „Marley“ chronologisch das kurze wie turbulente Leben des Mannes nach, der neben Musik vor allem Frauen, Fußball und Marihuana liebte.

Musik ermöglichte ihm den Ausbruch aus der bitteren Armut im TrenchtownGhetto von Kingston. Er begeisterte sich für die mysteriöse Rastafari-Kultur und wurde darüber zum Gesellschaftskritiker, der sich politisch nie festlegen wollte und 1976 während der Probe für ein Friedenskonzert von Unbekannten angeschossen wurde. Neben seiner Ehefrau Rita Marley, die trotz seiner zahlreichen Affären zu ihm hielt – Marley hatte elf Kinder von sieben Frauen –, kommt mit Neville Livingston der letzte Überlebende des Original-Line-Ups von Marleys Band The Wailers zu Wort: ein witziger, kenntnisreicher Erzähler, und das in todschicker Fantasieuniform.

Außerdem hat Regisseur Macdonald mit Dudley Sibley einen Kerl aufgespürt, der im legendären Studio One mit Marley ein Zimmer teilte und nun erstmals vor der Kamera über diese Zeit spricht. Und sogar die Krankenschwester, die Marley während seines Klinikaufenthalts am Tegernsee pflegte, gibt ein erstaunliches Interview – auf Bayrisch. Dazwischen bekannte Szenen, die die Legende pflegen: Wie der genial-verrückte Produzent und Dub-Erfinder Lee Perry vor einem Schweizer Bergpanorama seine kosmologische Weltsicht erklärt. Oder wie der von den Rastas als Messias verehrte äthiopische König Haile Selassie in Jamaika von einer Menschenmenge empfangen wird und sich kaum traut, aus dem Flieger zu steigen.

Zu den aufregendsten Momenten gehört die Szene, in der Macdonald Marleys Halbgeschwister mit dem Song „Corner Stone“ konfrontiert, der seine Ablehnung durch den weißen Teil seiner Familie thematisiert. Marleys Vater war ein weißer britischer Offizier – und womöglich liefert diese Herkunft auch eine Erklärung für den Hautkrebs, an dem Marley 1981 in Miami starb. Zweieinhalb Stunden dauert diese spannende Doku – wahrscheinlich hätte sogar Lester Bangs seine Freude an den Konzertaufnahmen gehabt, bei denen Bob Marley mit Tanzeinlagen glänzt. Der Mann mag auch mal eine schlechte Platte gemacht haben, aber ein Jahrhundertmusiker bleibt er. Volker Lüke

Cinemaxx Potsdamer Platz, Kino in der Kulturbrauererei, OmU: Kant, Rollberg

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