Kino : Pontifex minimus

Ich möchte lieber nicht: Nanni Moretti und seine milde Filmsatire „Habemus Papam“, in der Michel Piccoli als zaudernder Papst zu sehen ist.

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Öffentliche Sitzung. Der Therapeut (Nanni Moretti) und sein Patient in Seelennöten (Michel Piccoli). Foto: prokino
Öffentliche Sitzung. Der Therapeut (Nanni Moretti) und sein Patient in Seelennöten (Michel Piccoli). Foto: prokinoFoto: dapd

Die Definition, wann menschliches Leben beginnt – im Augenblick der Zeugung, an einem bestimmten Punkt der Schwangerschaft oder bei der Geburt – wird kontrovers diskutiert. Sehr viel mehr Einigkeit besteht in der Frage, wann menschliches Leben endet: beim Tod – oder mit der Wahl zum Papst. Sie verwandelt selbstbestimmte Kardinäle in eine Verkörperung göttlichen Willens und sperrt sie bis ans Ende ihrer Tage in ein enges Gedanken- und Termingefüge. Der Raum, in den sich der neue Papst nach seiner Wahl und vor seinem Auftritt auf dem Balkon des Petersdoms zurückzieht, heißt treffend „Camera Lacrimatoria“: Tränenzimmer. Von vielen Päpsten ist überliefert, dass sie mit der Bürde ihres Amtes rangen, der amtierende, Benedikt XVI., wähnte sich im Moment seiner Wahl gar unter einer Guillotine. Wir sind Papst? Gott sei Dank nicht.

Auch die Teilnehmer des Konklave in Nanni Morettis milder Satire „Habemus Papam“ wünschen sich nichts sehnlicher, als dass der Kelch an ihnen vorübergeht. Mancher ist zwar insgeheim stolz, von Experten als Favorit gehandelt zu werden, doch die Wahl gewinnen möchte keiner. „Alle Päpste haben selbst oder über ihr Umfeld verlauten lassen, dass sie sich für dieses Amt nicht würdig oder bereit gefühlt haben“, beschreibt Moretti die Ausgangssituation im Gespräch mit dem Tagesspiegel in Wien. Der römische Autorenfilmer reist um die Welt und hält halbstündige Audienzen ab. Er mag ahnen, wie ein Papst sich fühlt.

Nach mehreren Durchgängen fällt die Wahl in „Habemus Papam“ auf den Außenseiter Melville (Michel Piccoli). Die titelgebenden Worte sind kaum verklungen, der Name des neuen Papstes wurde noch nicht verkündet, da erleidet Melville eine Art Nervenzusammenbruch und flieht in seine Gemächer. Eine vertrackte Situation, denn solange der neue Papst noch nicht bekannt gegeben wurde, dürfen die Kardinäle nicht auseinandergehen. Ein Psychoanalytiker (Moretti) wird für den verzweifelten Papst einbestellt, doch sogleich wird das Spielfeld eingegrenzt. „Sie müssen verstehen, dass sich die Konzepte von Seele und Unterbewusstsein ausschließen“, teilt man dem Therapeuten mit. Fragen zu unerfüllten Wünschen, zu Sex, zu Träumen und eigentlich auch zur Kindheit sind tabu. Was nun wird aus diesem Zusammenprall gegensätzlicher Welten im Kino – eine Komödie à la „Reine Nervensache“ oder ein Drama wie „The King’s Speech“, in dem sich zwei bedeutende Persönlichkeiten gegenseitig bereichernd verändern?

„Mir gefällt es, Erwartungen aufzubauen und sie dann nicht zu erfüllen. Aber nicht aus Sadismus, sondern um die Geschichte emotional aufzuladen“, erklärt Moretti. Persönlich überrascht er zunächst damit, dass er nicht so aussieht wie in seinen Filmen. Dort hat sich sein Erscheinungsbild seit den frühen 90ern, als er mit „Liebes Tagebuch“ berühmt wurde, praktisch nicht verändert, selbst wenn er, wie zuletzt in „Der Italiener“, Silvio Berlusconi spielt. Der echte Moretti trägt das Haar etwas länger und den Bart etwas kürzer als seine Filmfiguren, ist im Gespräch dann aber wiederum seltsam vertraut. Was vielleicht daran liegt, dass seine Rollen häufig eng an seinem eigenen Leben ausgerichtet scheinen, wenn er Filmemacher, Schauspieler, Kinobetreiber oder gleich „sich selbst“ spielt. Oder aber Psychoanalytiker, wie in seinem Cannes-Gewinner „Das Zimmer meines Sohnes“ und jetzt in „Habemus Papam“.

Der Therapeut kann beim Papst nichts ausrichten, und doch leitet er die entscheidende Wendung ein: Er überweist den Patienten inkognito zu seiner Frau, die ebenfalls Psychoanalytikerin ist. Also verlässt Melville für diese Sitzungen den Vatikan, im Geheimen und unter strenger Bewachung. Bei einem dieser Ausflüge gelingt es ihm, seine Bodyguards abzuschütteln und in Rom unterzutauchen. Während der Sprecher des Heiligen Stuhls (Jerzy Stuhr) Öffentlichkeit wie Kardinäle glauben macht, der Papst habe sich zur Gewissensprüfung in seine Gemächer zurückgezogen, lässt Melville sich durch die Stadt treiben und geht seiner Liebe zum Theater nach. Schon gegenüber der Analytikerin hatte er sich als Schauspieler ausgegeben, und so sucht er den Kontakt zu einer Theatergruppe, die Tschechows „Möwe“ probt, und er bietet sich sogar als Schauspieler an.

Wäre „Habemus Papam“ ein Film von Woody Allen, mit dem Moretti gerne verglichen wird, dann würde Melville nun eine späte, umso steilere Karriere als Schauspieler machen. Wäre es ein Film von Buñuel oder Almodóvar, dann würde Melville ein schweres Verbrechen begehen oder sonstige Abgründe offenbaren. Und wäre es ein deutscher Film, dann würde er mit den erschütternden Folgen von päpstlichen Dogmen konfrontiert, er würde afrikanische Aids-Waisen treffen oder sich in eine geschiedene Frau verlieben; und dann würde er auf den Balkon des Petersdoms treten und ein emotionales Plädoyer für Scheidung, Verhütung und die Ökumene halten.

Und Moretti? Den interessiert das alles nicht. Er möchte kein ulkiges Märchen erzählen, hat keine erzkatholische Erziehung, an der er sich abarbeiten müsste, und verzichtet als liberaler Atheist auf jegliche Kritik an kirchlichen Standpunkten und Fehlleistungen. „Man ist nicht nur kirchenkritisch, wenn man die neuesten Skandale thematisiert“, sagt Moretti. „Man kann sich auch kritisch zeigen, indem man diesen leeren Balkon zeigt, das Baugerüst der Kirche, das einstürzt, nur weil ein Mann einmal Nein gesagt hat.“

Morettis subtile Subversion besteht darin, den Papst als Mensch ernst zu nehmen. Im demokratischen Wahlentscheid der Konklave drückt sich Gottes Wille aus. Nun wartet Melville auf eine innere Reaktion, die ihn vom Kardinal in einen Papst verwandelt. Als sie ausbleibt, verzweifelt er an seiner Berufung, nicht aber an seinem Glauben. Während die bangen Massen tagelang vor dem Dom ausharren, irrt Melville auf der Suche nach seiner Führungsstärke durch Rom. Der Papst und seine Anhänger sind vereint in dem Wunsch, geführt zu werden und Verantwortung abzugeben, erläutert Moretti: „Ich wollte die Gläubigen auf dem Petersplatz zeigen, die völlig verwirrt sind ohne Führung, ohne Vater, und die vielleicht aufgerufen sind, selbst mehr Verantwortung zu übernehmen.“

Ausgezeichnet verbindet er dabei dokumentarische Aufnahmen des Petersplatzes mit inszenierten Szenen. Noch bemerkenswerter sind seine Außen- und Innenaufnahmen der vatikanischen Gebäude. Dafür ließ er Teile der Fassade des Petersdoms sowie den Innenraum der Sixtinischen Kapelle in Cinecittà nachbauen und kombinierte sie beim Dreh mit anderen Prunkbauten wie dem Palazzo Farnese. In diesen Räumen sind die Kurie, die Kardinäle und Morettis Psychotherapeut bis zur Ausrufung des neuen Papstes, den sie in seinem Zimmer wähnen, eingesperrt. Zum Zeitvertreib organisiert der Therapeut ein Volleyballturnier im Hof, das für heitere Momente sorgt.

Doch auf Pointen kommt es Moretti nicht an – da mögen manche von ihm noch so sehr schärfere Töne oder eine prägnantere Dramaturgie erwarten. Es geht ihm um den präzisen, glaubhaften Einblick – in das kirchliche Umfeld und vor allem in die päpstliche Psyche. Der 85-jährige Michel Piccoli verleiht dem verunsicherten Kardinal Melville eine unbeschreibliche Würde. Er beobachtet, hört zu, denkt nach und verrät mit minimalen Mitteln, was in seinem Inneren vorgeht. Ein hinreißender alter Mann, bescheiden, klug und skeptisch, ein Papst, wie ihn sich ein Atheist wie Moretti nur wünschen kann.

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