Kino : "Russendisko"-Verfilmung: Das Ivan-Rebroff-Syndrom

Bestseller-Verfilmung: „Russendisko“ mit Matthias Schweighöfer in der Rolle des Autors Wladimir Kaminer. Allerdings wirken die Figuren wie aus dem Klischeebaukasten

von
Willkommen im Kapitalismus. Matthias Schweighöfer, Christian Friedel und Friedrich Mücke als Dosenbierhändler.
Willkommen im Kapitalismus. Matthias Schweighöfer, Christian Friedel und Friedrich Mücke als Dosenbierhändler.Foto: Paramount

Lange Zeit war der in Deutschland beliebteste Russe ein Mann namens Hans Rolf Rippert aus Berlin-Spandau. Er setzte sich eine Fellmütze auf, streifte ein rotes Folklorehemd über, schmetterte Lieder, die „Kalinka“ oder „Moskauer Nächte“ hießen, und nannte sich Ivan Rebroff. Diesen Russen musste niemand fürchten, anders als den hinter dem Eisernen Vorhang auf die Weltherrschaft lauernden „Iwan“. Er wollte nicht siegen, nur singen. Bis heute erfinden sich die Deutschen ihre Russen am liebsten selbst und greifen dabei gerne auf Gemütsklischees wie „exzessiv“ (Wodka), „seelenvoll“ (Don-Kosaken-Chor) oder „grüblerisch“ (Dostojewski) zurück.

Auch „Russendisko“, die Verfilmung von Wladimir Kaminers 1,3 Millionen Mal verkauftem Bestseller, leidet unter dem Ivan-Rebroff-Syndrom. Die Komödie ist von lauter Russen bevölkert, die es nach dem Mauerfall nach Berlin verschlägt – aber alle sprechen von der ersten Sekunde an perfektes Hochdeutsch. Um den Erfolg beim Mainstream-Publikum nicht zu gefährden, wurden sämtliche russische Rollen in dem vom Hollywood-Mogul Arthur Cohn koproduzierten Film mit deutschen Darstellern besetzt. So wird der besondere Reiz von Kaminers Erzählband in der Kinofassung zur bloßen Behauptung: Dass da ein Fremder mit staunenden Augen auf die Seltsamkeiten der Deutschen schaut.

Ihren ganzen Zauber entfalten Kaminers lakonische Geschichten aus dem deutsch-russischen Alltag erst, wenn der Autor sie selbst mit heftig rollenden „R“ vorträgt. Doch im Film ist es Matthias Schweighöfer, nach seinen Erfolgen mit „Keinohrhasen“, „What a Man“ und „Rubbeldiekatz“ eine Art Kassengarant des deutschen Kinos, der als Wladimir mit seinen Moskauer Kumpels Mischa (Friedrich Mücke) und Andrej (Christian Friedel) gen Westen aufbricht und aus dem Off über die Ankunft am Berliner Ostbahnhof berichtet: „Wir schienen im Paradies angekommen zu sein. Fünf Monate nach dem Mauerfall hatten die Deutschen noch nicht mit dem Feiern aufgehört.“

In den vorbeifahrenden Trabbis wird die Deutschlandfahne geschwenkt, die Menschen trinken und tanzen auf der Straße. Was die drei jungen Russen nicht wissen: Die Euphorie gilt nicht der bevorstehenden Wiedervereinigung, sondern der soeben gewonnenen Fußball-Weltmeisterschaft. Wladimir, Mischa und Andrej landen in einem Marzahner Ausländerwohnheim, das einen kuriosen Völkermischmasch beherbergt. Die Vietnamesen handeln mit zollfrei eingeführten Zigaretten, die Albaner, die eine Pizzeria eröffnen wollen, lernen in der Volkshochschule Italienisch, und die Zigeuner – ein Running Gag des Films – fahren allabendlich ein geklautes Auto gegen den Baum.

Aber alle träumen denselben Traum vom schnellen Glück im Kapitalismus. Für Wladimir, Mischa und Andrej soll der Weg zum Reichtum mit dem Verkauf von Dosenbier in einem S-Bahnhof beginnen. Doch daraus wird nichts, auch weil Mischa nur als Tourist eingereist ist und anders als Wladimir und Andrej keine Daueraufenthaltsgenehmigung als „jüdischer Kontingentflüchtling“ bekommen hat. Bald sucht die Polizei nach ihm, er soll abgeschoben werden. Kaminers Geschichten waren ursprünglich als Kolumnen für die „taz“ entstanden, kaum eine ist länger als drei oder vier Seiten.

So zerfällt das Regiedebüt des Drehbuchautors Oliver Ziegenbalg („Friendship!“, „13 Semester“) in viele Episoden, die sprunghaft abgearbeitet werden müssen: der Krieg mit der Zigarettenmafia, Andrejs Gang zum afrikanischen Voodoo-Heiler, Mischas Auftritte als Straßen- und Barmusiker. Auch die hinzuerfundene Liebesgeschichte zwischen Wladimir und seiner zukünftigen Frau Olga (Peri Baumeister), der er als Tänzerin in einem dem „Tacheles“ nachempfundenen Ruinentheater begegnet, kann den Film nicht zusammenhalten. Sie steuert nach einer Krise – Olga will zurück nach Russland – aufs erwartbare Happy End zu. Witzig sind nur die Szenen, in denen Kaminer selbst radebrechend als „Radiodoktor“ Ratschläge gibt: Gegen Liebeskummer helfe „Wodka mit Pfeffer“, gegen Akne Zinksalbe. „Dieselöl tut es aber auch.“

„Russendisko“ startet am Donnerstag in 21 Berliner Kinos.

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben