''Baader Meinhof Komplex'' : Extrem laut und unglaublich fern

Baller Meinhof: In Uli Edels Film wird der deutsche Terrorismus zum Actionspektakel. "Spiegel", "FAZ" und Eichinger trommeln für den Erfolg.

Jan Schulz-Ojala
Bleibtreu
Spiel mit dem Hass. Moritz Bleibtreu als Andreas Baader. -Foto: Constantin

Die größte deutsche Filmproduktionsfirma, die Münchner Constantin, versteht sich neuerdings mit besonderem Ehrgeiz als Geschichtsentsorgungsunternehmen. Sie nimmt sich des strahlenden zeithistorischen Restmülls der Nation an und versenkt ihn im Endlager der bewegten Bilder. Ihre mit akribischer Liebe zum ausstattungstechnischen Detail verfertigten, gerne auf 150 Minuten gedehnten Geschichtsstunden sollen ein Ereignis oder eine Epoche vergegenwärtigen – und entrücken sie zugleich in die scheinbar ewiggültig konservierte Visualisierung. Der wichtigste Kollateralschaden dabei: Die Halbwertzeit nationaler Traumata wird durch einen Kinofilm kaum verändert; man mag sich nur, ermattet von der begleitenden medialen Einpeitschung wie vom Sichtungserlebnis selbst, eine Weile nicht mehr mit ihnen beschäftigen.

Vor vier Jahren wurde mit Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“ das Verfahren bereits mit einigem Erfolg getestet. Drehbuchautor und Constantin-Impresario Bernd Eichinger versicherte sich deutlich vor Filmstart der Unterstützung der Leitmedien „Spiegel“ und „FAZ“, deren in Nationalkulturangelegenheiten führende Köpfe prompt eine Neubewertung deutscher Geschichte ausriefen. In der Story um Hitlers letzte Tage im Führerbunker sahen die knapp fünf Millionen Zuschauer dann allerdings weniger einen verbrecherischen Machthaber am Werk, sondern in Bruno Ganz einen vereinsamten Feldherrn, der zwar über die verlorenen Visionen wütete, sich dann aber mannhaft selbst entleibte. Die Kamera, sonst nicht eben prüde, blieb pietätvoll außen vor.

Nun ist „Der Baader-Meinhof-Komplex“ nach Stefan Austs gleichnamiger Zehnjahreschronik über die Rote Armee Fraktion an der Reihe – und man erlebt ein verblüffendes Déjà-vu. Wieder intoniert der „Spiegel“ als erster eine Titelgeschichte mit dem Tremolo, der Film werde „die Debatte über den deutschen Terrorismus verändern“. Zum gegenseitigen Marketingnutzen nimmt er sogar den unlängst geschassten Chefredakteur Aust wieder in seine Autorenriege auf, freilich mit einer faktenarm herumraunenden Geschichte über die mögliche Abhörung der Terroristen Baader, Ensslin und Raspe in der Stammheimer Todesnacht. Und „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher, der sich in Sachen Nationalpathos ungern übertrumpfen lässt, bescheinigte Uli Edels erneut auf einem Eichinger-Drehbuch beruhenden Film „die Kraft, die gesamte RAF-Rezeption auf eine neue Grundlage zu stellen“.

Welche substanziellen Gedankenwege zu derlei kernigen Schlussfolgerungen geführt haben mögen, bleibt dem Leser freilich verschlossen – und dürfte ihm nach dem Kinobesuch noch rätselhafter bleiben. Gewaltig drängt sich dagegen die Einsicht auf, dass die zehn Jahre von der Erschießung Benno Ohnesorgs in Berlin 1967 bis zur Ermordung Hanns-Martin Schleyers aus heutiger Sicht zwar extrem laut, aber unglaublich fern sind – und vor allem: erstaunlich langweilig, trotz allen Bildergeblitzes und Tonspurgedonners. Nein, die beschworene „Debatte“, sie wurde bereits weitaus tiefgründiger geführt, anlässlich des letztjährigen Jubiläums zum Deutschen Herbst und der jüngsten Erinnerungsfeiern der Achtundsechziger. Regisseur Uli Edel, seit Jahrzehnten überwiegend fürs US-amerikanische Fernsehen tätig, trägt sie auf seine Weise zu Grabe: so enzyklopädisch wie eilig, so atemlos wie bloß abhakend.

Keine Idee, nirgends. Kein ernsthafter Versuch einer Interpretation oder gar Analyse jener Zeit. Stattdessen fahrige Abtastung von Oberflächenreizen, dröhnende und lähmende zweieinhalb Stunden lang: „Der Baader Meinhof Komplex“ ist ein Actionfilm, der von aufgepeitschter Massenszene zu Massenszene, von Anti-Schah-Demo zu Audimax-Vollversammlung, von Banküberfall zu Explosion zu Flugzeugentführung, von Kugelhagel zu Kugelhagel und schließlich von Leiche zu Leiche jagt. Petra Schelm, Holger Meins, Ulrike Meinhof, Siegfried Buback, Jürgen Ponto, Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe, schließlich Hanns-Martin Schleyer: alles eins. Alles muss rein in die Bilderverwurstungsmaschine. Nur: Wer jene Zeit erinnert, braucht kein Zeitraffer-Daumenkino, und wer heute jung ist, dürfte angesichts der sich in 123 Sprechrollen, 140 Schauplätzen sowie über 6000 Statisten artikulierenden Sammelwut schon früh die Orientierung verlieren.

Eine einzige Figur, BKA-Chef Horst Herold, muss den Sinn fürs große Ganze schultern und fragt, zumindest ansatzweise, nach Motiven für die Terrortaten. Doch die Besetzung der Rolle ist fast schon denunziatorisch missraten. Bruno Ganz, eine Generation älter als Herold damals und stets ganz Burgtheater-Mime, raunt seine Bedenken wie sediert hervor: „Opa erzählt“ also statt „Der Staat schlägt zurück“, ein Staat, der mit beispiellosem Fahndungsaufwand in zwei Juniwochen 1972 den kompletten Terroristenkern hinter Schloss und Riegel brachte. Fünf Jahre oder eine lange Filmstunde lang sollte es noch bis zum – einstweiligen – allseits bitteren Ende dauern.

Der Rest ist Baller Meinhof. Moritz Bleibtreu als Baader gibt unerschütterlich bis zum Schluss den pöbelnden Macho, Martina Gedeck ist eine unerschütterlich elegische Meinhof, die zarte Nadja Uhl trainiert als Brigitte Mohnhaupt mit einigem Erfolg den kalten Blick hinter der heißen Knarre, Hannah Herzsprung heult und brüllt sich in zwei Miniszenen als Susanne Albrecht das Schuldbewusstsein aus dem Leib und, tja, schon verschwimmt das Restpersonal. Nur Johanna Wokalek, eine Gudrun Ensslin zum Fürchten, lässt ahnen, wie aus einer flammenden Idealistin eine zum Äußersten entschlossene Terroristin wurde, ein gruselig überschminkter Todesengel.

Immerhin, die Macher sind ganz hingerissen von ihrem Produkt, das haben sie eifrig allerseits zum Besten gegeben. Dabei scheuen sie keineswegs auch Emotionen, die der taffe Baader keineswegs gutgeheißen hätte. Stefan Aust, sonst eher ein kühler Zeitgenosse, gab der „Zeit“ zu Protokoll, bei der Verhaftungsszene mit der weinenden Ulrike Meinhof hätte er „fast mitgeheult“, und über Uli Edel vermerkt der „Spiegel“, investigativ ergriffen, zweimal habe den Regisseur während des Drehs die Rührung derart übermannt, dass sein Assistent habe übernehmen müssen. Da verwundert es nicht, dass Bernd Eichinger seinerseits dem „Playboy“ beichtete, die Arbeit am Drehbuch habe ihn so mitgenommen, dass er in eine „regelrechte Depression verfallen“ sei.

Dabei ist „Der Baader Meinhof Komplex“ kein Taschentuchfilm, im Gegenteil. Mit ihm wandert nun zwar auch die RAF, die traurigstmögliche Exekution einer ursprünglich vitalen und berechtigten Rebellion, in den Salzstock des kollektiven Gedächtnisses – aber wo identifikationsstiftende Helden fehlen, lassen sich wohl auch dramaturgisch keine backen.

Und das ist, folgt man Stefan Aust, durchaus Absicht. Schauerlich hätte er es gefunden, wenn hier „ein Regisseur irgendeine Beziehungskiste vor historischem Hintergrund erzählt, wie es zurzeit Mode ist, und die weibliche Hauptrolle mit einer wuchtigen Blondine besetzt“. Nun, das Publikum muss deshalb nicht lange darben. In ein paar Wochen kommt mit „Anonyma“ gewissermaßen „Der Untergang II“ ins Kino, ein Rührstück über die nach Kriegsende massenhaft von Russen vergewaltigten deutschen Frauen, mit der sehr blonden Nina Hoss in der Hauptrolle. Natürlich aus dem Hause Constantin.

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