Brandenburg : Es geschah in Beeskow

Eine Episode aus Brandenburg: das bemerkenswerte Filmdebüt „Weltstadt“, für den der Regisseur sein fertiges Drehbuch wegschmiss, um die Alltagssprache gemeinsam mit seinen Schauspielern neu zusammenzusetzen, kommt fast dokumentarisch daher.

Jan Schulz-Ojala

So viele Wege, in die Geschichte hineinzukommen. Zum Beispiel der scheinbare Nebenweg, der zu Heinrich (Hendrik Arnst) führt und zu seinem Imbiss an der Spree, den er dichtmachen wird mangels Kundschaft. Abends lädt er ein paar Kumpels zum Abschied ein, Wendeverlierer wie er selbst; man sitzt auf wackligem Gestühl neben der Bude, und die Gäste dürfen ihm die restlichen Biere und Schnäpse wegsaufen. Es ist Sommer, es ist ein lauer Abend, mancher trinkt sich in Rage, aber Heinrich hält Kurs. Die Planwirtschaft war so schlecht nicht, sagt er. Gut aber, dass die Mauer weg ist. Und schlimm, dass es junge Nazis im Ort gibt, die ihm die Bude mit Hakenkreuzen beschmieren, einfach so.

Mitten in Sprüche wie „Zwischen Leber und Milz passt noch’n Pils“ sagt Heinrich das in die dumpfen Gesichter und bleibt mit seiner Entrüstung irgendwie allein. So wie er schon nachmittags um seine Bude rumgegangen ist mit freundlich-müdem Blick und Abschied genommen hat ganz für sich, bevor die uralten Kumpels kommen. Heinrich ist einer, an den der Zuschauer sich halten kann an dem langen, sich eindüsternden Tag, von dem der Potsdamer Filmhochschüler Christian Klandt in seinem bemerkenswerten Debüt „Weltstadt“ erzählt. Heinrich, der leise Nebenmann, Heinrich, die Stimme melancholischer Erfahrung, bleibend aufmerksam für Menschlichkeit und Vernunft.

Die Allerweltsstadt in „Weltstadt“ ist Klandts 9000-Seelen-Heimatstädtchen Beeskow, nicht weit von Berlin Richtung Frankfurt/Oder gelegen. Hier passierte in der Nacht zum 16. Juni 2004 das, was als Autobahn in das filmische Geschehen funktioniert: Zwei Männer, einer 22, der andere 18, stecken die Kleidung eines auf der Parkbank schlafenden Obdachlosen in Brand. Der Mann, dessen Haut zu einem Drittel verbrennt, überlebt. Die Täter, der eine geständig, der andere nicht, werden wegen versuchten Mordes zu mehrjähriger Haft verurteilt. So deutlich steht es in den Akten und in der Lokalpresse. Klandts Film „nach einer wahren Begebenheit“ ist nicht minder deutlich, nur leise. Und anderweitig genau.

Der arbeitslose Schulabbrecher Karsten (Gerdy Zint), der Ältere der beiden, die an diesem so normalen Tag zu Tätern werden, lebt in einer vermüllten und vermufften Plattenbau-Einraumwohnung. Irgendwas hat er sich zuschulden kommen lassen, denn er muss in einem Obdachlosenheim Sozialstunden ableisten. Karsten ist ein Choleriker, einer, der schon verloren hat. Nur andere zu sich runterziehen kann er noch, Till (Florian Bartholomäi) zum Beispiel. Und ihn zu Alltagsmutproben nötigen: Hey, kratz dir mit einer Scherbe die Brust auf, bis es blutet!

Till hat noch ein Fitzelchen Hoffnung mehr. Er fliegt zwar gerade aus seiner Lehrstelle raus, aber da ist die im Solarium am Marktplatz jobbende Steffi (Karoline Schuch), die weg will aus Beeskow nach Berlin oder anderswo und auch wieder nicht. Steffi liebt Till, auf burschikose Art: Sie schließt ihn schon mal in der Sonnenbank-Kabine ein, um ein Versprechen zu erzwingen, dies oder auch das, Hauptsache irgendwas und zusammen. Wenn nur Karsten nicht wäre, der den zwischen knallhartem Kamerad und sexy Freundin hin- und hergerissenen Till immer wieder weg- und weiterzieht, raus- und kaputt reißt, bis das böse, zukunftszerfressende Unglück geschieht.

So eine kleine, schreckliche Geschichte, und so ruhig vorantreibend erzählt. Die demonstrative Gleichgültigkeit der Beeskower nach der Tat, ja, ihre verdruckste Zustimmung empörte Christian Klandt so sehr, dass er sich mutig zur filmischen Konfrontation auch mit der eigenen Kindheits- und Jugendheimat entschloss. Den Dreh in Beeskow selbst tarnte er zunächst als „kleine sozialkritische Brandenburger Geschichte“; als das Team aber an den Original-Tatort zog, gab es Drohauftritte örtlicher Jugendgangs, und man konnte nur abgeschirmt von Security-Leuten weiter drehen. Klandt berichtet von diesen abstoßenden Umständen im Presseheft: nüchtern, umsichtig, niemanden laut anklagend. Nur keine billige Correctness, nur kein blödes Werbetrommeldröhnen.

Das hat „Weltstadt“, für einen Erstlingsfilm verblüffend souverän in Szene gesetzt, auch nicht nötig. Mitunter kommt der Film, für den der Regisseur sein fertiges Drehbuch wegschmiss, um die Alltagssprache gemeinsam mit seinen Schauspielern neu zusammenzusetzen, fast dokumentarisch daher: eine Sonde gesetzt in die Seelen einiger Leute, deren Langeweile, berufliche Aussichtslosigkeit und familiäre Enge in der Lust auf Gewalt kulminieren. Man weiß das alles, schon recht. Aber hier kann man es fühlen. Und sehen. Jan Schulz-Ojala

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