Defa : Lustiger, als die SED erlaubt

Der letzte Verbotsfilm: Endlich kommt die Defa-Komödie "Hände hoch oder ich schieße“ ins Kino.

Kerstin Decker
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Kleine Gangster, große Hüte. Herbert Köfer (rechts) 1965 in "Hände hoch oder ich schieße«. -Foto: Defa-Stiftung

Manchmal wird er sich selbst unheimlich. Er hat die erste und die letzte Sendung des Fernsehens der DDR moderiert. Er war ihr erster TV-Nachrichtensprecher und steht sogar im Guinnessbuch der Rekorde: als „ältester prominenter noch aktiver Trabrennfahrer“. Und nun dieser Film.

Herbert Köfer, Jahrgang 1921, schaut von seinem Sofa auf den Zeuthener See. Er schafft das nicht oft – einfach dasitzen und wie ein Rentner aufs Wasser gucken –, denn sein Leben gleicht noch immer einem Trabrennen. Von Termin zu Termin, von Auftritt zu Auftritt. Er hat schon früh gewusst, dass Rentner niemals Zeit haben, und aus dieser Einsicht eine der beliebtesten Fernsehserien der DDR gemacht: „Rentner haben niemals Zeit“.

Köfer hat den Film nie vergessen, in dem er „Heuschnupf das Aas“ war, führendes Mitglied einer bekehrten Kleinverbrecherbande. Er hat lange gehofft, dass „Hände hoch …“ doch gezeigt würde, fast ein halbes Jahrhundert vergebens. Ja, wenn sie nun alle gemeinsam ins Kino gehen könnten, die ganze Bande, Brechstange, Hinker und Schimmy und die anderen. „Aber nur ich bin noch übrig“, sagt Köfer. Er muss allein gehen.

1965/1966 gelang es den regierenden Spießbürgern der DDR, beinahe eine ganze Jahresproduktion der Defa zu verbieten. „Im Grunde war dieses 11. Plenum schon der Anfang vom Ende“, überlegt Köfer. Im Rückblick erkennt man solche Dinge klarer, damals war er erschrocken: „Wie entwürdigend die Partei mit Menschen umging.“ „Hände hoch oder Ich schieße“ ist der letzte in der Reihe der verbotenen Filme von damals. Die meisten von ihnen – am spektakulärsten war wohl „Spur der Steine“ – wurden gleich nach dem Ende der DDR aufgeführt.

Herbert Köfer ist gewissermaßen ein Spezialist für die Verbotsfilme des berüchtigten 11. SED-Plenums, denn er hatte damals auch eine eigene Live-Kino-Sendung im Fernsehen: „Hauptfilm läuft“. Am liebsten führte er Interviews an den Drehorten gerade entstehender Filme: „Zu ‚Spur der Steine‘ habe ich Manfred Krug befragt, zu ,Hände hoch …’ interviewte ich mich selbst als ‚Heuschnupf das Aas‘.“ „Hände hoch oder ich schieße“ ist die einzige Komödie im Verbots-Doppeljahrgang. „Ein Filmchen, gemessen an den anderen“, relativiert er, und es klingt dabei nicht abwertend, im Gegenteil, es klingt beinahe zärtlich.

Komödien müssen Leichtgewichte sein. Eine schwere Komödie wäre eine Tragödie. Und doch entschieden Regisseur Hans-Joachim Kasprzik und Autor Rudi Strahl sich 1990 gegen eine Rekonstruktion des nie gezeigten Films. Vielleicht auch, weil damals, so kurz nach dem Ende der DDR, wohl niemand die komische Ausgangssituation von „Hände hoch…“ komisch gefunden hätte: Die DDR steht am Ende der Weltkriminalstatistik.

„Hände hoch …“ setzt versuchsweise voraus, was manche vom Sozialismus erwarteten: Wenn die einen nicht mehr zu viel und die anderen nicht mehr zu wenig haben – müsste die Kriminalität dann nicht ganz schnell verschwinden? Erich Honecker hat bis zuletzt geglaubt, dass die Kriminalität dem Sozialismus „wesensfremd“ ist. Köfer, der früher auch seine Haustür nicht abschloss, weil sowieso keiner einbrach, glaubt eher, das lag daran, dass ein Verbrecher in der DDR nicht wegkonnte, zumindest nicht raus. Außerdem hatten ohnehin alle das Gleiche. Trotzdem ist eine solche Bilanz erfreulich bis auf – Beginn der Komödie – für die Kriminalisten selbst.

Rolf Herricht spielt einen leidenschaftlichen Nachfahren des Sherlock Holmes auf verlorenem DDR-Posten. Sein Name: Holms. Außer einem Kaninchendiebstahl hat er nicht viel aufzuklären, und auch das Ende dieses Falls ist deprimierend. Denn das Kaninchen wurde nicht gestohlen. Es litt unter Klaustrophobie und hatte einen erfolgreichen Selbstbefreiungsversuch unternommen. Sollte das die Genossen alarmiert haben? Aber der Film lässt das Kaninchen links liegen: Ehe der beschäftigungslose Kriminalist vollends in der Trauer der Untätigen versinkt, klauen ein paar mitleidige Ex-Ganoven das Denkmal vom städtischen Marktplatz. Holms’ große Stunde beginnt.

Rolf Herricht war wohl der beliebteste Komiker der DDR. Egal was er tat – auch wenn er nichts tat –, es war komisch. „Der konnte sagen: ‚Ich habe einen Herzinfarkt!’, und das Publikum lachte“, erinnert sich Köfer. So ist Rolf Herricht dann auch gestorben. Im Schlussapplaus nach einer Vorstellung im Berliner Metropoltheater. Als er in die Knie ging, lachte das Publikum noch lauter. Aber es war kein neuer Spaß, es war ein Herzinfarkt.

Für einen Moment sieht Herbert Köfer alt aus. Trotz Brille mit grellgelbem Doppelbügel, Silberkette mit Anhänger und womit man sonst bei Herren um die Neunzig nicht unbedingt rechnet. Normalerweise wirkt er wie ein eben erst emeritierter Skilehrer. Und auch jetzt kehren Fassung und Spannung sofort zurück in sein Gesicht. Was macht ein Kriminalist in der DDR, wenn sogar die Verbrechen knapp werden? „Hände hoch ...“ wäre damals ein Erfolg geworden, schon weil er die beliebtesten Komiker und Komödianten der DDR vereinte: Eberhard Cohrs, Gerd E. Schäfer, Manfred Uhlig.

Im Dezember 1965 fand das SED-Plenum statt. Am 7. Januar war „Hände hoch ...“ abgedreht. Am 28. Februar beanstandeten die Filmkontrolleure verschiedene Dialogzeilen. Heuschnupf erklärt die plötzliche mittige Leere des Marktplatzes ursprünglich so: „Keen Denkmal steht ewig. Da sind schon ganz andere abgebaut worden.“ – „Mein zweiter Satz“, sagt Köfer, „wurde geschnitten.“ Weitere Änderungen laut Protokoll: „In der Traumszene ‚Verbrecherkneipe‘ entfällt der Kommentar des Sprechers: ‚Beispielsweise in London, Soho, wo schon das Vergnügungsleben ganz anders aussieht als bei uns‘ … Statt Schimmys Frage ‚Und Gustav?’ erfolgt jetzt der Gegenschnitt auf den Hund.“ Köfer geht die Änderungen von damals durch, in seinen Augen steht offene Ratlosigkeit: Warum wurde dieser Film verboten? Das hätte gewiss auch Holms nie aufklären können. Aber eine Vermutung hat Köfer doch: „Vielleicht haben sie geglaubt, wir wollten die Sicherheitsorgane der DDR abschaffen.“

Mag sein, Regisseur und Drehbuchautor – sie erleben diese Premiere nicht mehr – wollten ihren Film nach 1990 auch deshalb nicht auf der Leinwand sehen, weil es absolut keinen Grund gab, ihn zu verbieten. Keinen Grund außer dem sklerotischen Argwohn einer hochneurotischen Politikerkaste, die anlässlich des endgültigen Verbots notierte, dass im Film „erneut die These aufgestellt wird, dass in der DDR die Kriminalpolizei keine Arbeit hätte“. Auch Köfers Kinomagazin „Hauptfilm läuft“ wurde eingestellt.

„Vielleicht hätten wir zu Herrichts Grab gehen sollen, auf den Dorotheenstädtischen Friedhof“, sagt Köfer. „Es sah so traurig vergessen aus, als ich das letzte Mal da war.“ Leben ist eine Zeitreise, der Tod auch. Das Kino ohnehin.

„Hände hoch oder ich schieße“ läuft im International, Do, Fr und So bis Mi um 15.30 u. 17.30 Uhr, Sa um 14.15 u. 16 Uhr.

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