Kino : Der Wald ist der Star

„Old Joy“: ein Wanderfilm besonderer Art

Armin Leidinger

Mit dem Realismus im Film ist es so eine Sache. Da gibt es Sequenzen in dokumentarischen Filmen, die sind so sehr auf die große Leinwand ausgelegt, dass sie unwirklich erscheinen. Und es gibt Filme, die erfundene Geschichten erzählen, aber trotzdem so real wirken, als habe man die Handlung selbst erlebt. Ein solcher Film ist „Old Joy“ von Kelly Reichardt. Er erzählt von zwei Freunden, die sich aus den Augen verloren haben und sich noch einmal zu einer Wanderung in die Berge von Oregon aufmachen. Mark (Daniel London) ist den bürgerlichen Weg gegangen, seine Frau ist schwanger. Kurt (Will Oldham) ist der Outsider, der niemals etwas beginnen würde, mit dem er nicht auch jederzeit „aufhören“ könnte. Glücklicherweise ist „Old Joy“ nicht so plakativ, dass er Kurt benutzt, um Marks Leben infrage zu stellen.

Minutenlang folgt man den beiden auf ihrem Weg zu einer heißen Quelle, ohne dass dabei etwas Nennenswertes passiert, fast meint man, den Weg mitzugehen. „Old Joy“ ist mit einer Handkamera und ohne künstliches Licht aufgenommen. Doch anders als bei den „Dogma“Filmen bleibt einem das Handkameragewackele erspart. Ruhig und unaufgeregt nimmt Kameramann Peter Sillen die beiden Wanderer in den Blick und setzt im Vorbeigehen die eigentlichen Stars des Films in Szene: die dichte Waldlandschaft, einen plätschernden Bach, eine Schnecke, die übers Moos kriecht. Manchmal erklingen dazu Gitarrensoli von Yo La Tengo, die die meditative Stimmung des Films noch verstärken.

„Old Joy“ hat das richtige Timing. Was hätte bei einem solchen Film nicht alles schiefgehen können: Dauerten die Passagen, die Mark und Kurt beim Baden zeigen, nur ein wenig länger, wäre es ein aufgesetzter Kunstfilm. Nur wenig mehr Dialog und „Old Joy“ wäre zum Laberfilm verkommen. So aber lässt man sich gern auf ein Experiment ein, das zur Kontemplation einlädt. Und zum Nachdenken darüber, wie das Leben so läuft. Was ist Zufall, was eigene Entscheidung? Beim Filmfestival in Rotterdam hat Reichardts Independentfilm 2006 den Tiger Award gewonnen. Nach 76 sehr schönen Minuten weiß man warum. Armin Leidinger

FSK am Oranienplatz und Hackesche Höfe (beides OmU)

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