Film über Tom Kummer : Der Mythos klebt

Schein oder Nichtsein: Miklós Gimes’ erfrischende Doku über den Interview-Erfinder Tom Kummer.

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Im nächsten Leben. Tom Kummer, demonstrativ relaxed in Los Angeles. Seit ein paar Jahren jobbt er als Coach für Kleinfeldtennis. Und einen Sohn hat er auch.
Im nächsten Leben. Tom Kummer, demonstrativ relaxed in Los Angeles. Seit ein paar Jahren jobbt er als Coach für Kleinfeldtennis....Foto: W-Film

Zwischendurch, das muss so Anfang der neunziger Jahre gewesen sein, ähnelte Tom Kummers Kreativität mal jener des Freiherrn zu Guttenberg. Das war nach seiner Zeit als Nachwuchs-Starreporter für das Zeitgeist-Magazin „Tempo“, als die Redaktion ihn schon mal zu den Tamil Tigers nach Sri Lanka schickte, und vor seinen legendären Jahren als Star-Lieferant von Superstar-Interviews mit Pamela Anderson, Sean Penn, Mike Tyson und vielen anderen mehr. Da setzte er etwa ein Sharon-Stone-Interview noch sorgfältig aus allerlei von anderen anderswo publizierten Sharon-Stone-Interviews zusammen. Und als eine „SZ-magazin“-Redakteurin ihren Chef auf die arg beherzte Kompilationstechnik hinwies, musste sie sich sagen lassen, auf den Tom Kummer sei sie ja bloß neidisch.

Fremdmaterial klauen: Das war denn doch eine Nummer zu klein für Tom Kummer. Zunächst durfte er sich, gepusht von den damaligen Mode-Großmoguln des „subjektiven“ Journalismus, eine Menge auf sein Herumstolzieren in den Krisenherden der Welt einbilden. Und nachher erfand er kurzerhand Hollywood nach eigenem Bilde, mit von A bis Z zusammenfantasierten Interviews: ein Hasardeur und Hochstapler, auf den sie alle reinfielen, vom Zürcher „Tagesanzeiger-Magazin“ über die „Cosmopolitan“ bis zum „SZ-magazin“, sieben lange Jahre lang. Bis die Sache aufflog, weil ein für „Focus“ tätiger Hollywood-Schreiber die Interviews ins Englische übersetzte und an die PR-Agenten der Stars schickte. Na klar, bloß neidisch auch der.

Oder war und ist dieser Tom Kummer ein Künstler, der das Verhältnis zwischen Realität und Fiktion insofern neu definierte, als er zwischen Sein und Schein keinerlei Unterschied mehr sah? So ganz mag sich auch der Dokumentarfilm „Bad Boy Kummer“ nicht von dem Faszinosum lösen, auch wenn er sich die Falle unzulässiger Glorifizierung stets tapfer vor Augen hält. Dieser Tom Kummer, der als ein Konrad Kujau der Jahrtausendwende den Medienskandal des Jahres und im Mai 2000 die Kündigung der „SZ-magazin“Chefs Ulf Poschardt und Christian Kämmerling provozierte, irgendwie ist und bleibt er nicht zu fassen.

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Dabei lässt Regisseur Miklós Gimes, der als damaliger stellvertretender Chefredakteur des Zürcher „Tagi-Magi“ selbst zu den Abnehmern der Kummer’schen Lügengespinste gehörte, nichts unversucht. Er konfrontiert den heute mit knapp 50 als Kleinfeldtennis-Coach sein Leben ebenso sportlich wie bedeutungslos fristenden Antihelden rückwirkend mit dem Wahnsinn seines Tuns. Er lässt journalistische Weggenossen wie den Ex-„Tempo“-Chef Markus Peichl oder „BamS“-Chef Walter Mayer verbal auf den stets freundlich anwesenden Missetäter eindreschen und beobachtet immer wieder hingerissen, wie Kummer vor der Selbsterkenntnis wegtaucht – jener, die andere ihm abzuverlangen suchen, und wohl auch jenem Blick in den Seelenspiegel, dem man im Lauf länger sich dehnenden Lebens gemeinhin nicht entgeht.

Wer ist dieser Typ, ein Phantom? Was trieb den hochtalentierten Schreiber in ein Abenteuer, das ihm restzeitlebens wie Scheiße am Schuh klebt? „Bad Boy Kummer“ stellt sich dem Recherche-Dilemma schwungvoll, listig, hoch unterhaltsam: mit Kummer’schen Kindheitsfilmchen und schicken Splitscreens, mit echten Interviews und arrangierten Alltagsszenen – und mittendrin irrlichtert der hochaufgeschossene, hagere SpielerSchizo herum, irgendwie interessant und dann wieder recht öde hinter der Woody-Allen-Brille und unterm lichten Krissellockenhaar. Und der Film scheitert. Aber scheitert grandios. Alle Fragen sind gestellt, selbst jene spannenden, ob Kummers Abnehmer damals selbst Mitwisser waren; aber sie bleiben offen – nicht zuletzt, weil manche der damals zeitweise Karrieregeschädigten ums Verrecken nicht vor die Kamera wollten.

Und dann nuschelt der in Bern geborene Tom Kummer in seinem Schweizerhochdeutsch-Singsang doch selbst eine Art Antwort. Mit zwölf war er als hochtalentiertes Tennis-Kerlchen mal bei einem Turnier plötzlich als Nr. 1 gesetzt – und versagte. Ob da die Rumpelstilzchen-Karriere begann, weil er fortan seinen „Platz am Rand“ sah? Ein anderes Mal sagt er, total ernst: „Ich fahre jetzt in die Tiefe.“ Gemeint ist, wahrscheinlich, die Tiefgarage. Dann aber wieder liest er, völlig von sich selbst begeistert, laut aus den alten Fake-Interviews vor, bewunderns- und bemitleidenswert zugleich.

Nein, hier lernt niemand von nichts. Auch der Regisseur streckt am Ende aller Ergründungsmühen erfrischend selbstkritisch die Waffen: „Warum schonte ich ihn? War ich vom Opfer zum Komplizen geworden? Ich weiß es nicht.“ Nur eines lässt diese Doku ahnen: dass immens geltungsbedürftigen Typen wie Kummer schon deshalb kein Comeback blüht, weil sie ihren Sturz gar nicht verarbeiten können. Ihr Selbstbild ist ihr Schutz – und ihre Strafe. Ja, vielleicht gibt es bald eine ähnlich hübsche, rat- und rastlos detektivische Doku über den Lügendoktor „Sad Boy KT“ – sagen wir, in zehn Jahren.

Premiere am Donnerstag (5.5.), 20.15 Uhr, im FaF, anschließend Podiumsgespräch. Zu sehen auch in den Kinos Rollberg und Odeon.

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