Filme aus Taiwan : Versprengte Seelen

Um Götter, Menschen und streunende Hunde geht es in Singing Chans TaiwanBallade „God Man Dog“. Taiwan aus westlicher Sicht zeigt hingegen der Film „Ghosted“.

Christina Tilmann
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Das Bild ist überirdisch, eine Vision, ein Wunder fast. Es ist Nacht, auf einer dunklen, verlassenen Bergstraße, eine Kurve vor einem Tunnel, und mitten auf der Straße steht ein LKW, der in einem Glasschrein eine Buddha-Statue transportiert. Da steht er, verlassen in der Dunkelheit, und leuchtet und strahlt von tausend Neonlampen. Ja, so tritt Gott in Erscheinung, auch wenn der Mensch es nicht merkt und die Ursache der Erscheinung eine banale ist: Der LKW-Tank ist leer und bald auch die Batterie. Und der Gott erlischt. Aber der Tag bricht an.

Um Götter, Menschen und streunende Hunde geht es in Singing Chans TaiwanBallade „God Man Dog“, und wo diese drei Elemente zusammentreffen, da entstehen Unglücke, Wunder, hinreißende Komik und unvergessliche Kinominuten. Drei Parallelgeschichten erzählt der Film, die am Ende, auf der Landstraße, kurz nur zueinanderfinden. Allesamt sind es verlorene Seelen, hungrig nach Glück, wie die Straßenhunde hungrig sind, die der einbeinige Buddha-LKW-Besitzer Niu Jiao (Jack Kao) nebenbei durchfüttert. Genau wie den streunenden Xian (Jonathan Chang), den er aufliest, als der Knabe sich mit Vielfraß-Wettbewerben durchschlägt und ihn zu beklauen versucht.

Eine Welt im Umbruch, zwischen der Großstadt Taipeh und den einsamen Straßen auf dem Land, zwischen der älteren Generation und der aufbruchswilligen Jugend, zwischen dem überkommenden Götterglauben und neueren Missionsversuchen fanatischer Christen: All das ist Taiwan, und all das bindet „God Man Dog“ elegisch und elegant zusammen. Eine unglückliche junge Mutter in ihrer Luxusehe, ein unglückliches Bauernehepaar, dessen Tochter in die Stadt abgewandert ist, Kindstod und Alkoholismus, Diebstahl und Straßenunfälle, ein entlaufener Rassehund und ein Holzbein, das erneuert werden müsste: Das sind die Elemente, aus denen sich eine Reflexion über das Wesen des Glücks ergibt – immer wieder geerdet durch unerwartete Momente der Situationskomik. Auf der Berlinale 2008 lief der Film im „Internationalen Forum“ und wurde mit dem Preis der Tagesspiegel-Leserjury ausgezeichnet.

Taiwan aus westlicher Sicht zeigt hingegen der Film „Ghosted“. Götter, Geister auch hier, und verlorene Seelen, nur sind die auf der Reise verloren gegangen, beim Wechsel von Ost nach West. Eine Frau, Ai-ling (Huan-Ru Ke), sucht in Hamburg nach ihrem Vater und verliebt sich in die deutsche Künstlerin (Inga Busch) – und stirbt bei einem Unfall. Und die trauernde Geliebte reist nach Taiwan, zeigt in Taipeh eine Videoinstallation, die Ai-ling gewidmet ist, lernt dort eine junge Journalistin (Ting-Ting Hu) kennen, die ihr nach Hamburg folgt, auf den Spuren des mysteriösen Todes.

Viel Sehnsucht, viel transkulturelle Missverständnisse über Selbständigkeit und Abhängigkeit, Nähe und Ferne, was nicht nur daran liegt, dass die stämmig-bodenständig blonde Inga Busch in der feingliedrig-spirituellen Taiwan-Welt immer wie ein Wesen aus anderer Materie wirkt. Bald entsteht im Hin und Her ein geisterhaftes Flirren, eine existenzielle Verunsicherung: Wer lebt, wer ist tot? Erst am Schluss, bei der Trauerzeremonie im „Geistermonat“, dem siebten Monat des Mondkalenders, finden die Enden wieder zusammen. Zurück bleibt, vor großartiger Bergkulisse, ein Opfertisch, auf dem Geistergeld für die Toten verbrannt wird. Ein mindestens so starkes Bild wie der leuchtende Buddha-Wagen in „God Man Dog“. Christina Tilmann

„God Man Dog“: fsk am Oranienplatz (OmU). „Ghosted“: Eiszeit, Hackesche Höfe, Neue Kant Kinos, Xenon (alle OmU)

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