Filmfestival : Deutscher Film: Wut ist, was das Leben trägt

Eine Frage der Schwerkraft: Beim 31. Filmfestival von Saarbrücken präsentiert sich der deutsche Film kraftvoller denn je.

von
Vogel
Kumpel. Frederik Feinermann (Fabian Hinrichs), Vince Holland (Jürgen Vogel) -Foto: Farbfilm

„Wird das jetzt eine Mondlandung, oder was?“, scherzt der Banker noch, als der Kunde seinen Countdown herunterzuzählen beginnt. Dann zieht der Mann, dem soeben der Kredit und damit seine finanzielle Existenz aufgekündigt wurde, die Pistole und schießt sich eine Kugel in den Kopf. Nach dem Vorfall gerät das Dasein des Sparkassenangestellten Frederik Feinermann (Fabian Hinrichs) aus dem Lot. Aber nicht das soziale Gewissen meldet sich, sondern die Sehnsucht nach einem anderen, wilderen Leben jenseits abgesicherter Karrierepläne. Schließlich hat der Bankmann früher mal in einer Punkband den musikalischen Aufstand geprobt. Zusammen mit einem Jugendfreund beginnt er die Häuser der gut betuchten Sparkassen-Kundschaft auszurauben und begibt sich auf einen immer gewalttätigeren Selbsterfahrungstrip.

„Schwerkraft“ von Maximilian Erlenwein, der am Sonnabend beim 31. Filmfestival „Max Ophüls Preis“ mit dem auf 18 000 Euro dotierten Hauptpreis sowie mit dem Preis für das beste Drehbuch (13 000 Euro) ausgezeichnet wurde, zeigt einen Mittdreißiger, der mit steigender Wut sein geordnetes Leben ins Chaos stürzt. Verzweifelte Männer, die gegen die Verhältnisse und das eigene Unvermögen Amok laufen, dominierten den diesjährigen Wettbewerb in Saarbrücken. Beim Gang durch das Festivalprogramm konnte man über alle Generationen hinweg Aggressionsforschung betreiben. Wie eine wandelnde Bombe wankt der arbeitslose Malermeister, den André Hennicke in „Die Entbehrlichen“ (Förderpreis 9000 Euro) spielt, durch seine heruntergekommene Alkoholikerexistenz. Als er eines Tages leblos hinter dem Sofa liegt, deckt der Sohn den Leichnam zu und macht alleine weiter, ohne jemandem vom Tod des Vaters zu erzählen. Aus der Perspektive eines 12-jährigen Jungen untersucht Regisseur Andreas Arnstedt in Rückblenden das Leben der – wie es im neudeutschen Sozialjargon so schön heißt – „bildungsfernen Schichten“. Er tut das mit einer fast schon unbarmherzigen Präzision und mit großartigen Schauspielern, die dem sozialen Elend ein zutiefst menschliches Gesicht geben. Keine politischen Posen, keine moralische Anklage, sondern eine Art nüchterner Empathie, die im deutschen Kino eine neue Form des sozialen Realismus darstellt.

Vorbei scheint die Zeit, in der die jungen Filmemacher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vorwiegend um den eigenen Bauchnabel kreisten. Vor allem die deutschen Festivalbeiträge stellten sich gezielt den sozialen Härten der Gesellschaft. Philip Kochs „Picco“, der als Debütfilm mit dem Preis des saarländischen Ministerpräsidenten ausgezeichnet wurde, entwirft ein Kammerspiel, das die Funktionsmechanismen von Demütigung und Gewalt im Jugendknast schonungslos offenlegt. In einem ähnlichen Milieu siedelt Oliver Kienle sein Debüt „Bis aufs Blut“ (Publikumspreis und Verleihförderpreis 9000 Euro) an, das von zwei Schulfreunden erzählt, die sich immer wieder gegenseitig ins kriminelle Verderben ziehen. Allerdings setzt Kienle weniger auf präzise Analyse als auf dramatische Wucht und übersteuert dabei den Testosterongehalt seines hippen Jugendmelodrams gewaltig.

Aber nicht nur vor der eigenen Haustür, sondern auch im globalen politischen Geschehen beziehen die Nachwuchsfilmemacher Position. Lancelot von Nasos „Waffenstillstand“ blickt aus der Perspektive humanitärer Hilfsorganisationen auf den Krieg im Irak und auch „Nirgendwo.Kosovo“ von Silvana Santamaria und „My Globe is Broken in Rwanda“ von Katharina von Schroeder, die beide als beste Dokumentarfilme ausgezeichnet wurden, schauen hinter die Schlagzeilen aus den internationalen Krisengebieten. Filme wie „Men on the Bridge“ der deutschtürkischen Regisseurin Asli Özge, die vom materiellen Existenzkampf in Istanbul erzählt, „Plato’s Academy“ von Filippos Tsitos, der parabelartig und humorvoll den Rassismus in seiner Heimatstadt Athen untersucht, oder das Schweizer Heimat-BollywoodMusical „Madly in Love“ zeigen wiederum, dass das junge Kino aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht nur in thematischer, sondern auch in ästhetischer Hinsicht multikulturell durchlässig geworden ist.

Bei so viel sozialem und politischem Zündstoff auf der Leinwand blieben einige stillere Perlen im äußerst vielfältigen Wettbewerb von der Jury zwangsläufig unberücksichtigt. „Mein Leben im Off“ des Münchner HFF-Absolventen Oliver Haffner etwa – eine wunderbar platonische Liebesgeschichte zwischen einem lebensuntüchtigen, schwulen Möchtegern-Schriftsteller (Thomas Schmauser) und einer schwangeren, ganz gegenwärtigen Büroangestellten (großartig: Katharina Marie Schubert). Mit zarter Ironie und klug konstruierten Dialogen zeichnet Haffner die ungewöhnliche Paarkonstellation und jongliert dabei höchst souverän mit den Geschlechterklischees.

In ästhetischer Hinsicht ragte der kunstvoll verschlungene New Yorker Film Noir „South“ von Gerhard Fillei und Joachim Krenn aus dem Programm heraus. Über zwölf Jahre haben die beiden österreichischen Filmemacher ohne Hochschulgelder immer am Rande der privaten Insolvenz an dem Projekt gearbeitet und ihr cineastischer Enthusiasmus spiegelt sich in jeder Einstellung wider. Eine ähnlich visuelle Brillanz hat man lange nicht mehr in einem Debüt gesehen. Dass dieser Film bei der Preisverleihung leer ausging, ist eigentlich ein Skandal, zeigt aber auch, dass der diesjährige Festivaljahrgang mit kraftvollen Filmen gut bestückt war. Wenn sich der filmische Nachwuchs nicht im Kompromissdschungel der Fördergremien und Fernsehredaktionen verfängt, könnten während der kommenden Jahre im deutschen Kino spannende Zeiten anbrechen.

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