Filmpanne im Bendlerblock : Warum Tom Cruise nachdrehen muss

Der Nachdreh des "Valkyrie"-Films im Bendlerblock macht den Boomstandort Deutschland zum Gespött von internationalen Großproduktionen. Freuen werden sich über das Missgeschick bei der Entwicklung des Filmmaterials nur die Berliner Fans von Tom Cruise, die sich erneut auf die Lauer legen können.

Jan Schulz-Ojala
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Schauspieler in Wehrmachts-Uniformen vor dem Berliner Bendlerblock. -Foto: dpa

Es gibt wahrscheinlich nur eine gesellschaftliche Gruppe, die über die Folgen dieses Super-Gaus in lauteren Jubel ausbricht: die Berliner Fans von Tom Cruise. Sie können sich, mit welchem Erfolg auch immer, erneut in der Tiergartener Stauffenbergstraße vorm Bendlerblock auf die Lauer legen. Denn dort wird der Schluss des Films „Valkyrie“, den die Produktion seit zwei Wochen im Kasten glaubte, nächste Woche fast komplett noch mal gedreht – von Freitagabend, 12. Oktober, bis zum Morgengrauen des folgenden Sonntags. Der Aufbau des Drehorts wird allerdings bereits am Dienstag beginnen und damit doppelt so lange dauern wie beim ersten Mal: Schließlich muss der Set originalgetreu seinem frischen Filmvorbild nachgebaut werden, damit die Anschlüsse stimmen.

Für alle anderen Beteiligten ist der Nachdreh, der durch schwere Beschädigungen des abgedrehten Materials notwendig wurde, ein Ärgernis, eine Blamage, eine mittlere Katastrophe – für die in den Händen von Tom Cruise liegende Produktionsfirma United Artists, für den deutschen Koproduktionspartner „8. Babelsberg Film GmbH“ und vor allem für das betroffene Kopierwerk. Weshalb sich gestern lange keinerlei zutreffende offizielle Bestätigung für die Meldung finden wollte, die der Tagesspiegel in seiner Berliner Auflage verbreitet hatte. Lediglich die von der Produktion beauftragte deutsche Presseagentur ließ sich mit der Falschmeldung vernehmen, die Panne sei auf einen „Materialfehler“ offenbar beim Rohfilm zurückzuführen – ein Problem, das „immer wieder mal“ auftrete.

Tatsächlich war ein äußerst seltener Fall eingetreten, den in der Branche wohl niemand auch seinem ärgsten Konkurrenten wünscht. Bei der Entwicklung des Filmmaterials gab es ein schwerwiegendes technisches Problem – offenbar die Behandlung mit einer falschen Flüssigkeit –, mit der Folge, dass nun die meisten Szenen im Bendlerblock neu gedreht werden müssen. Besonders peinlich: Das Missgeschick immerhin als Auftragnehmer einer weltweit beachteten 80-Millionen-Dollar-Produktion passierte ausgerechnet im Kopierwerk des Film- und TV-Dienstleisters Arri München, einem der zwei Postproduction-Unternehmen, die den deutschen Markt dominieren. Dem Vernehmen nach hat Arri den Schaden zugegeben – gegenüber der Produktion. Bei solch schweren Zwischenfällen in der Branche rücken schon mal die Firmenchefs persönlich mit mehreren Kisten Champagner bei ihren Groß-Auftraggebern an – und müssen dennoch befürchten, jahrelang ganz oben auf der schwarzen Liste zu stehen.

Ob im Kopierwerk ein Tom Cruise übel gesonnener Scientology-Feind mal ein bisschen Schicksal spielen wollte? Oder ob gar jemand seine Bauchschmerzen angesichts des Hollywood-Sets an einem der Würde des Gedenkens gewidmeten Originalschauplatz auf fraglos originelle Weise artikulierte? Das bleibt wohl Spekulation. Tatsächlich macht die Nachricht den neuen Boomstandort Deutschland zum Gespött bei internationalen und vor allem amerikanischen Großproduktionen. Immerhin hatte Kulturstaatsminister Neumann dieses Jahr den Deutschen Filmförderfonds ins Leben gerufen, der alljährlich zwecks heimischer Wirtschaftsförderung 60 Millionen Euro für Großfilme in Deutschland ausspuckt, sofern sie mindestens einen deutschen Koproduktionspartner haben. „Valkyrie“ ist bekanntlich dort selber vor Wochen über Los gegangen und hat knapp 5 Millionen Euro eingezogen.

Auch dass, wie gestern berichtet, die Erschießungsszene Stauffenbergs und seiner Getreuen nicht noch einmal nachgedreht werden muss, weil diese Szene wundersamerweise von der HorrorPanne verschont blieb, gilt bis zum Beweis des Gegenteils. Andererseits fragt sich, was in den zwei Nachsitz-Drehnächten im Bendlerblock dann überhaupt passiert. Denn einer relativ neuen Drehbuchversion zufolge konzentrieren sich die wenigen Szenen ganz auf die Exekution und ihre unmittelbare Vorbereitung. Zwischen musikuntermalten Rückblenden auf Stauffenberg und seine Familie und knappen Vorblenden auf das tödliche Schicksal weiterer mittelbar am 20. Juli-Aufstand Beteiligter steht, mit sehr wenig Text, die Exekution selbst im Mittelpunkt. Dann ruft Stauffenberg „Long live sacred Germany!“: Lang lebe das heilige Deutschland.

Nun also Valkyrie am Bendlerblock, die zweite: Das Bundesfinanzministerium als Hausherr ließ gestern Nachmittag nach stundenlangem Zögern immerhin indirekt verlauten, man stehe dem „Antrag auf Erteilung einer neuen Drehgenehmigung ähnlich offen gegenüber wie schon in der Vergangenheit“. Wobei das wochenlange, politisch mit der „Würde des Ortes“ vernünftig begründete Zögern der beteiligten Ministerien elegant unerwähnt bleibt. Die Betreiber der Gedenkstätte selbst, die neue Einschränkungen für ihre Besucher kommen sehen, reagieren dagegen mit Befremden auf die neue Entwicklung: „Wir bedauern, dass die Dreharbeiten noch einmal stattfinden müssen“, sagte gestern deren Leiter Johannes Tuchel auf Anfrage. Und formulierte einen Stoßseufzer, in den viele Kenner der Branche einstimmen dürften: „Kaum vorstellbar, dass einer so bekannten Filmproduktion etwas Derartiges passieren konnte.“

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