Konzertdoku : Das Leben der Apparate

Überwältigung durch Technik: "Shine a Light" - Martin Scorseses Konzertdoku mit den Rolling Stones.

Silvia Hallensleben
Stones
"The Rolling Stones": Mick Jagger (v. l. n. r.), Ron Woods, Keith Richards und Charlie Watts von der Rockband in einer Szene aus...Foto: dpa

Grobkörniges Schwarz-Weiß. Grelle Einstellungen und Schnitte, bekannt aus frühen Scorsese-Filmen. Dazwischen Meetings zwischen dem Filmemacher und seinen Protagonisten, die Einwände gegen Details eines Konzertfilmprojekts formulieren: Ist die Bühne zu klein? Werden die bewegten Kameras das Publikum nicht stören? Was, wenn die Hitze der Scheinwerfer die Musiker verbrennt? Nahschnitt auf den Regisseur, dessen Gesicht kurz lüsterne Vorfreude durchglüht: „Du meinst, Flammen?“ Ein geiler Effekt wäre es schon, Jagger auf der Bühne zu versengen. Aber schnell zurück in die profane Realität, wo der Kampf um die Set-Liste der geplanten Lieder tobt, um die Kameraeinsätze akkurat zu planen.

Vielleicht ist das schon die schönste Stelle des Films – der Schachzug Martin Scorseses, sich selbst als kongenialischen Beelzebub zu inszenieren, der für die Filmkunst zu jeder Schandtat bereit wäre. Doch der auch visuelle Übermut der ersten Minuten wird in einer langen Kamerafahrt gefangen, die durch den Hintereingang auf einer Art-déco-Theaterbühne landet. Es ist das New Yorker Beacon Theatre, wo die Rolling Stones im Herbst 2006 zwei Benefiz-Konzerte zum Sechzigsten von Bill Clinton geben, der außer Ehefrau, Tochter und Schwiegermama auch illustre Gäste im Schlepptau hatte: ein Kammerspielhaus, vor dessen zwei Rängen das Quartett plus Tross von Mietmusikern eine perfekte Schau für verlesene Fastdreitausend der Ostküsten-Upperclass abzieht. Dabei sind die Rollen und Energielevel wie stets klar verteilt: Während Mick sich den Schweiß aus dem Leib tobt und Keith ab und zu eine verglimmende Zigarette auf die Bühne spuckt, gibt Ronnie Wood den süßen Engländer für die Boy-Group-Kuschelecke. Und der seit jeher coole Charlie sorgt für distinguierte Distanz.

Auch das Filmteam arbeitet aufwendig und professionell. Siebzehn Kameraleute – darunter Robert Richardson und Ellen Kuras – wurden angeheuert, um das Bühnengeschehen in satter 35-mm-Farbe aus allen Blickwinkeln aufzuzeichnen. Licht und Tonregie sind perfekt, und die Montage bedient aufs Beste die Standards, die Scorsese selbst vor 30 Jahren für den Konzertfilm gesetzt hat: „The Last Waltz“, seine Dokumentation des legendären Abschiedskonzerts von „The Band“ wurde, als Abschiedsgesang einer ganzen Ära, selbst zur Legende. Eine logistische Meisterleistung war das damals mit acht Kameramännern und einem 300 Seiten starken akribischen Drehplan. Auch später, etwa in der von ihm produzierten Blues-Serie, erwies sich Scorsese, der schon bei „Woodstock“ für die Schnittüberwachung der über 100 Filmstunden verantwortlich war, immer wieder als Meister im Bewältigen zelluloider Materialberge, die auch diesmal reichlich angefallen sein dürften. Und wie in „The Last Waltz“ lockern auch diesmal Archiv-Schnipsel die strenge Nummernfolge des Konzerts auf.

Dennoch: Dokumentarische Weihen verdient „Shine A Light“ nicht. Jedenfalls, wenn man vom Dokumentarfilm erwartet, dass Spontaneität und Neugierde in der Begegnung zwischen Filmemacher und Sujet zünden. Die Kommunikation in „Shine a Light“ ist ganz in den Apparaten verschwunden. Spontaneität mag noch unter den Bandmitgliedern stattfinden, überschreitet aber nie die BühnenKamera-Schranke. Und Scorseses Neugier reicht nicht einmal bis zum Publikum, das den Kameras bloß als Rahmenfüllung für die wenigen Totalen dient, wobei die ganz vorn platzierten hübschesten Blondinen gepflegt mit den Armen schwenken.Mit anderen Worten: Es dominiert unauffällig gefällige Anbiederung ans Geschehen.

Als Scorsese – sein Film wurde jüngst zur Berlinale-Eröffnung gezeigt – bei der Pressekonferenz gefragt wurde, nach welchen Kriterien er die Musik für seine Filme auswähle, kam die Antwort sehr schnell – allerdings vom fröhlich grinsenden Keith Richards. Man habe Scorsese als Regisseur eben ausgesucht, weil er so viele ihrer Songs in seinen Filmen gespielt habe. Die kleine Episode ist bezeichnend – haben die Musiker bei „Shine a Light“ doch als Executive Producer deutlich mehr zu sagen als der von ihnen angeheuerte Regisseur. Die „Making-of“-Intro ist so am besten als Ablenkungsmanöver zu verstehen, das die gefühlte Ohnmacht an Nebenfragen durchspielt. Und die humoristisch montierten Interview-Stückchen, mit denen Scorsese seinen Film garniert, lenken alle Fragen ab auf die ewig Eine, bei der sich Regisseur und Band als alternde Künstler verbrüdern können: Schaut mal, wie lang wir schon durchhalten, und die Girls finden uns immer noch gut!

So deckt sich die Kraftmeierei des Filmemachers mit der der Band. Ästhetisch ist „Shine a Light“ recht pompöse Promo in eigener Sache, die – als breit ausgestellter Leistungsbereitschaftsbeweis aller Beteiligten – auf Überwältigung durch technische Vollkommenheit setzt. Inhaltlich genügt er sich als Familienfilm fürs Herz der arrivierten Generation Woodstock. Und kommerziell fügt er sich perfekt in die Vermarktungsmaschinerie der Stones, die in kalkuliertem Wechsel neu aufgemachtes Ton- und Bildmaterial auf den Markt wirft. Die Plakate für die CDs hängen schon.

Ab Freitag in neun Berliner Kinos, Previews schon am Mittwoch.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben