Langzeitdokumentation : Wohlfühlarbeit bis zum Umfallen

Geformt, genormt: Carmen Losmann zeigt in ihrer Langzeitdokumentation "Work Hard, Play Hard", wie man Menschen gefügig machen kann - wenn man ihnen eine schöne Arbeitswelt vorgibt.

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Schöne neue Arbeitswelt. Im lichtdurchfluteten Großraumbüro werden die kuschelkreativen Ideen aus der Teeküche gewinnbringend umgesetzt. Foto: Film Kino Text
Schöne neue Arbeitswelt. Im lichtdurchfluteten Großraumbüro werden die kuschelkreativen Ideen aus der Teeküche gewinnbringend...

Ein merkwürdiger Titel, "Work Hard, Play Hard". Sie spielen nicht in diesem Dokumentarfilm, sie tun nur manchmal so. Und die Arbeit, um die es geht, soll sich auf keinen Fall hart anfühlen. Schön soll sie sein, die Leute dort sollen sich gut fühlen mit ihr – um umso härter arbeiten zu können.

Schöne neue Arbeitswelt: keine Fließbänder, nur Büros, lichtdurchflutet, die Farben freundlich, auf jedem Stockwerk eine Teeküche. Die Angestellten sollen sich dort treffen und unterhalten, gern auch außerhalb der Pausenzeiten. Denn Pausenzeiten gibt's sowieso nicht mehr: Der gute Arbeitgeber weiß, dass der gute Arbeitnehmer von der Arbeit gar nicht lassen kann. Dass ihm die besten Arbeitseinfälle eher in der Teeküche kommen als am Schreibtisch.

Die Leute lieben es, Teil eines "Teams" zu sein, gemeinsam was zu schaffen. Also zahlt ihnen ihr Chef ein Teamtraining, das sich anfühlt wie ein großes Spiel. Im Klettergarten zwischen Bäumen hangeln! In dunklen Gängen Abenteuer erleben! Hinterher mit netten Trainern drüber sprechen: Wo hat's gehakt, wo habe ich der Gruppe gutgetan, wo die Gruppe mir, was kann ich ändern, was muss ich ändern.

Ein Gespräch mit freundlichen Personalberatern, die wissen möchten, wo man seinen Platz im Unternehmen sieht. Sie sind klug, viel klüger als man selbst. Sie sagen, wo Stärken und wo Schwächen sind. Sie helfen. Mir und meiner Firma. Alles wird immer besser.

Davon handelt dieser Film, das Debüt der 34-jährigen Carmen Losmann. Ein Dokumentarfilm mit bunten, aufgeräumten Bildern, mit motivierten Menschen, die alles immer besser machen. Ein Film in großen Totalen – und ein Film über einen ökonomischen Totalitarismus, gegen den die politischen Totalitarismen des vergangenen Jahrhunderts lächerlich und vergeblich wirken. Es geht darum, die Seelen zu erreichen, Menschen gefügig zu machen, sie in ein System zu zwingen. Je weniger sie das als Zwang erleben, desto zwingender wirkt die Sache. Was ist denn Zwang? Bunte Büros? Gute Gehälter? Mobile Computer? Gleitzeiten? Motivationstrainings im Klettergarten?

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