Manoel de Oliveira : Der größte Unbekannte

Seine künstlerische Produktivität wird mit zunehmendem Alter immer unermüdlicher: Zum 100. Geburtstag des portugiesischen Filmregisseurs Manoel de Oliveira.

Jan Schulz-Ojala
Oliveira
Ich geh' nach Hause. Der Jubilar. -Foto: AFP

Ob man sagen darf, dass Manoel de Oliveira seinem Nachnamen alle Ehre macht? Oliveira heißt auf Portugiesisch „Ölbaum“ – und von jener uralten, Oliven tragenden Kulturpflanze weiß man, dass sie langsam wächst und mehrere hundert, gar weit über tausend Jahre alt werden kann. Kenner der Spezies „Olea europaea“ fügen hinzu: „Je krummer und knorriger, desto besser der Ertrag.“

Manoel de Oliveira, der dienstälteste Filmregisseur der Welt, wird heute 100, und tatsächlich, auch für ihn scheint diese Dreistelligkeit kein Alter. Seine künstlerische Produktivität wird mit zunehmendem Alter immer unermüdlicher, und zugleich bedient er sich am liebsten mit weit ausholender Geste aus dem unerschöpflichen Fundus abendländischer Literaturgeschichte. Was ist da schon ein Jahrhundert, etwa jenes der jüngsten Kunst namens Film? Was ist da, angesichts reichster Überlieferungen, auch das fast komplett durchlebte und im Rückblick womöglich nur bedingt inspirierende 20. Jahrhundert?

Andererseits: Trotz seines großen Geburtstages ist Manoel de Oliveira, geboren in Porto als Sohn eines Borten- und Tressenfabrikanten, der später in Glühlampen machte, gewiss der größte Unbekannte des europäischen Kinos. Seine Filme laufen, wenn überhaupt noch jenseits der Festivals, zu später Stunde in restkulturbeflissenen Fernsehkanälen, und selbst gestandene Kritiker, die auf den Filmfesten dieser Welt mit Leidenschaft weite Wege gehen, machen um den Namen Oliveira panisch größtmögliche Bögen. Als qualvoll gilt ihnen Oliveiras Stil theaterhaften, extrem feierlich dialoglastigen Erzählens vor zumeist starrer Kamera, als geradezu erstickend altmodisch seine Lust aufs eher künstliche denn künstlerische Tableau.

Wie recht sie haben und wie unrecht zugleich. Tatsächlich ist etwa Oliveiras „Palavra e Utopia“ (2000), das die Gemeinde im Kinosaal stundenlang vor einem ins brasilianische Bahia des 17. Jahrhunderts entsandten fanatischen Prediger versammelt, eine Geduldsfolter der besonderen Art; auch ist das kultivierte Durcheinanderreden in allerlei europäischen Sprachen am Tische eines Kapitäns in „Un Filme Falado“ (2003) gewiss nicht jedermanns Sache. Aber die Konsequenz dieses Regisseurs imponiert. Und irgendwann lohnt sich das Exerzitium, öffnen sich Blick und Seele für die Ruhe, die Genauigkeit und den zarten Humor jenes Regisseurs, den sie in Portugal nur „mestre“, den Meister, nennen.

Angefangen hat Oliveira als Dandy, aktiv bei Sportwettkämpfen, Pferde- und sogar Autorennen; und nach ersten Dokumentarfilmen sowie dem Spielfilm „Aniki-Bobó“ (1942) um eine Liebe unter Kindern, einem Skandal im damaligen Portugal, widmete er sich jahrelang der väterlichen Firma. Erst seit den Siebzigern setzt der Autodidakt ganz aufs Kino, damals von „O Passado e o Presente“ bis „Amor de Perdição“. Und entwickelte, meist nach literarischen Vorlagen, sein filmisches Universum unerfüllter Lieben und todessehnsüchtiger Einsamkeiten, in denen – um die feine Feder Claudia Lenssens zu bemühen – „bis zur Agonie introvertierte leidenschaftliche Frauen gerade in der Verweigerung der Ehepflichten desaströse Tumulte des Begehrens auslösen“.

Oha! Doch wie alles bei Oliveira findet auch die Erotik zuerst und zuletzt in der Transzendenz der Sprache ihre Erfüllung. Landläufig filmisch ist das nicht, wie das meiste im hermetischen Makrokosmos des „mestre“. Umso begeisterter nahm das Kino seine zugänglicheren Filme auf, deren übersichtlichen Erfolg Stars wie Michel Piccoli, Catherine Deneuve oder auch John Malkovich beförderten. Diese drei auch sind die Hauptprotagonisten seines wohl bekanntesten Werks: „Ich geh’ nach Hause“ (2001). Ein alternder Schauspieler, souverän verkörpert von Michel Piccoli, verliert seine Familie und bereitet sich unmerklich auf den eigenen Tod vor. Oder auch nur auf das Verschwinden aus der Welt des Theaters und des Films. Oder auch auf beides – weil beides wie eines ist, jedenfalls für leidenschaftliche Schauspieler.

Doch halt, wer redet hier vom Tod? Soeben hat Oliveira seinen neuesten Film angekündigt, „Singularidades de uma Rapariga Loira“ (Eigenheiten eines blonden Mädchens), nach einem Roman von José Maria Eça de Queiróz. Und dies, wenn alles gut geht – liebe Oliveira-Verächter: Bitte schon mal um ein Alibi kümmern! –, bereits zur kommenden Berlinale.

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