"Recycle" : Braver Islamist

Der Film „Recycle“ folgt einem Ex-Dschihadisten.

Silvia Hallensleben

In großen Säcken sammelt Abu Ammar kleine Papierstreifen, auf die er Zitate zur Koran-Auslegung geschrieben hat, je fünf per Schnipsel. Ein paar Säcke hat er so schon gefüllt, er schreibt an einem Buch über den Dschihad. Einige Jahre hat Ammar selbst verschiedenen Mudschaheddin-Führern in Afghanistan als Leibwächter gedient. Nun ist er zurück in seiner Heimatstadt Sarka, der zweitgrößten Stadt Jordaniens, wo zunehmende Hoffnungslosigkeit den Islamisten neue Rekruten in die Arme treibt. In dem Armenviertel, wo Abu Ammar lebt, wuchs auch der 2006 vom US-Militär getötete irakische Al-Qaida-Führer Al Sarkawi mit seiner Familie auf.

Wenn Abu Ammar aus dem Haus zu seinem alten Pritschenwagen geht, sitzt fast an jeder Straßenecke ein Cousin Al Sarkawis beim Schwatzen. Mit einem alten Auto sammelt Abu Ammar Kartons, um den Lebensunterhalt für die große Familie zu verdienen. Für ein richtiges Leben reicht das kaum. Nach dem Anschlag am 9. 11. 2005 auf drei Hotels in Amman wird Abu Ammar als einer von vielen Verdächtigen verhaftet und vier Monate später als unschuldig entlassen. Realistisch sind unter der Knechtschaft von Armut und Unterdrückung nur zwei Auswege, sagen Abu Ammars Freunde dem Regisseur ins Mikrofon: Heiliger Krieg oder Auswandern. Doch an einem nicht-islamischen Ort zu leben, sei gegen Gottes Willen.

Auch Filmemacher Mahmoud al-Massad wurde in Sarka geboren, mittlerweile lebt er in den Niederlanden. Als er nach acht Jahren in seine Heimatstadt zurückkehrte, um für einen Film über Islamismus zu recherchieren, war er entsetzt über das Ausmaß an Armut und Frustration. Und er fand in Abu Ammar einen Mann, der die Komplexität der Situation verkörpert: ein Ex-Dschihadist, der darum ringt, ein braves, gottgefälliges Leben zu führen. Der Film begleitet Abu Ammar durch den Alltag: unspektakuläre Szenen, die zwischen dokumentarischer Beobachtung und vorsichtiger Inszenierung gekonnt die Erwartungen unterlaufen. Ein enthüllender Film ist „Recycle“ nicht, Einsichten gewinnen wir dennoch. Dabei bleibt Abu Ammar bis zu einem entscheidenden Entschluss am Ende ebenso undurchsichtig wie das Agieren des Filmemachers, dessen eingreifende Präsenz immer wieder durchscheint, aber nie wirklich sichtbar wird.

Im Berliner Kino Eiszeit (OmU).

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