Soulkitchen : Feta der Klamotte

Katastrophen und Kapriolen: Fatih Akins Kumpel-Komödie "Soul Kitchen" will vor allem Spaß machen. Operation gelungen!

Jan Schulz-Ojala

Wie furchtbar traurig das alles. Da ist Zinos’ Freundin Nadine, eine scharfe Außenalsterbraut, die als junge „Zeit“-Auslandskorrespondentin in China Karriere macht, zurück aus Schanghai, ausgerechnet, als er ihr endlich nachreisen will – aber erstens hat sie einen smarten Chinesen dabei, und zweitens ist, Anlass der Heimreise, bloß ihre Oma gestorben. Also liegt Zinos – er quält sich mit den Folgen eines Bandscheibenvorfalls – bei gefühlten fünf Grad plus in der Nähe von Nadines Familienvilla auf einer Parkbank, schwer liebeskrank, schwer aussprachebedürftig, tief in der allertiefsten Kuhle des Jammertals, und was macht er? Na, was man so macht, wenn man gar nichts mehr machen kann: Er sieht den blöden Enten beim Picken zu.

Wie furchtbar komisch aber das alles doch. Denn Zinos wäre nicht Zinos, wenn er sich nicht – Bandscheibe hin, Bandscheibe her – immer wieder aufrappeln würde. Also schleppt er sich zum Friedhof, beäugt zunächst aus sicherer Distanz die feine Nadine-Familie bei den Trauerfeierlichkeiten, stürzt sich dann mit der Wut der Verzweiflung mitten in die Gemeinde, und was macht er? Na, was man so macht, wenn man sonst nichts mehr machen kann: Er löst, versehentlich oder nicht, den Sargabsenksperrmechanismus und saust fast mit Oma gemeinsam in die Grube.

Dürfen wir „Soul Kitchen“, Fatih Akins sechsten Langspielfilm nach „Kurz und schmerzlos“ (Kleingaunerthriller), „Im Juli“ (liebesbesonntes Roadmovie), „Solino“ (romantisches Italo-Ruhrpott-Gastarbeiterfamilienporträt), „Gegen die Wand“ (wilde Anti-Love-Story und Befreiungsschrei) und „Auf der anderen Seite“ (sehr erwachsenes türkisch-deutsches Migrationsdrama) , also eine Tragikomödie nennen?

Tragikomödie, wie das schon klingt: nach Muckefuckgenre. „Soul Kitchen“ ist eine immer wieder wunderbar an- und aufrührende, meistens aber extrem lustige Achterbahnfahrt durch das Kino überhaupt, mit irre viel toller Musik von Hans Albers über Uraltsoul bis Jan Delay, ein Weihnachtsfilm für Weihnachtshasser, ein Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Winterfilm für alle, die alle Lebensjahreszeiten lieben und, bevor''s jetzt gleich zu feierlich wird, eine brüllend laute Schmerzensklamotte. Mein Gott, was wird gebrüllt in „Soul Kitchen“! Als Erste brüllt Oma, das passiert beim Nobelfranzosen an der Elbchaussee, wo Nadines Abschied nach China im Kreise ihrer Lieben gefeiert werden soll. Und was brüllt Oma, während sie mit der Faust auf den Tisch schlägt? „Ruhe!!“

Monica Bleibtreu spielt, in ihrer letzten Kinorolle, diese Hanseatin, und ihre paar Filmsekunden sind schon mal ein Fest. Zinos, der herzensgute, zottelhaarige, griechischstämmige Prollgastronom, platzt verspätet in die todschicke Abschiedssoiree, und Fatih Akins Uraltkumpel Adam Bousdoukos, zehn Jahre lang selber Tavernenwirt in Hamburg-Ottensen, spielt die Rolle des Knuddelelefanten im Porzellanladen vom Start weg mit Lust. Nach Omas Ordnungsruf also könnte das hier noch ein halbwegs ordentlicher Abend werden, wenn da nicht am Nebentisch zwei Gäste, denen Gustav-Peter Wöhler und Hamburgs Filmfestchef Albert Wiederspiel wunderbar blasierte Nörgelfressen leihen, ausgerechnet warme Gazpacho bestellt hätten. Wie bitte, Gazpacho warm? Aufstand des Spitzenkochs am Tisch, gegeben ausgerechnet von Birol Ünel und gefolgt durch den Rauswurf des Spitzenkochs! Mit anderen Worten: Der Untergang der Titanic war gar nichts dagegen.

Tja, wo man reinfasst in dieses Bilderbüffet: Es ist einfach köstlich. Ob die petit fours melancholischer Momente, wenn Zinos’ schlingelschlimmer Knastbruder, den Moritz Bleibtreu wie an Bousdoukos angeschmiedet spielt, sich gerade in die Kellnerin Lucia verliebt, von der Regiestudentin Anna Bederke verkörpert wie der perfekt beschwipste Tresentraum – oder ob Fatih Akin einem mit seiner nächstbesten Idee das nächste Hacksteak Hawaii oder Kartoffelsalat aus’m Eimer an die Stirn klatscht. Andererseits: Wer jetzt mit Popcorn wirft, wird erst beim dritten Mal des Saales verwiesen.

Die Geschichte von „Soul Kitchen“ ist langsam erzählt – so kompliziert schlingerschlängelt sie sich von Idee zu Idee oder sie reißschwenkt einfach weiter, jagt lustvoll, spätestens ab Minute drei, von hysterischem Detail zu hysterischem Detail, und deshalb sollte man das Nacherzählen gleich bleiben lassen. Eher ein neues Gesellschaftsspiel vorschlagen: Sage mir die drei Lieblingssituationen aus „Soul Kitchen“, und ich sage dir, wer du bist. Oder so: Sage mir deine Lieblingsfigur aus „Soul Kitchen“, und ich sage dir ... Als da wären: Neben Zinos, dem „Soul Kitchen“-Inhaber und Tresenritter von der sturzkomisch traurigen Gestalt, sein „Frechheit siegt!“-Freigängerbruder Illias alias Moritz Bleibtreu, außerdem die heißkalte Nadine (blassblondes Gift: Pheline Roggan), die kaltheiße Lucia (echte Herzenslichtergöttinnen sind natürlich brünett), der coole Spekulant (Wotan Wilke Möhring) und die süße Physiotherapeutin (Dorka Gryllus), die – wer hätte das gedacht? – Zinos bald vor allem die Seele richtet. Und dann wären da noch zwei ältere, dramaturgisch durchaus bedeutende Herren namens Sokrates und Knochenbrecher-Kemal. Vor allem beim Auftritt des letzteren droht deutschen Lichtspieltheatern nun akute Lacheinsturzgefahr.

Fatih Akins Liebe gilt all diesen Figuren, und das macht „Soul Kitchen“ so liebenswert. Akins große Seele essen Angst auf und Miesepetrigkeit und Langeweile und Dunkelkälte und was der Wintermalaisen mehr sind. Sie zieht den Immobilienhaien die Zähne und renkt vom Anheben altgriechischer Spülmaschinen zerknackste Wirbelsäulen wieder ein. Sie umarmt kernige Knackis und komische Kasperles. Sie steht schön schief stramm vor den grauen Herren vom Gesundheitsamt, die Zinos’ Wilhelmsburger Riesenimbisswärmehalle wegen definitiv unübersehbarer Chrommängel dichtzumachen drohen, und sie lässt sogar der überdrehten Schreckschraube vom Finanzamt (tapfer: Catrin Striebeck) immerhin in der Nachspielzeit ihre Würde. Ihr Kinderlein, kommet! Und das todsicher zu Chefkoch Birol Ünels Geheimrezept: der aphrodisiakisch mit geraspelter honduranischer Baumrinde überwürzten Joghurt-Nachspeise.

Spätestens jetzt könnte man den diskurskritischen Betonmischer anwerfen und einwenden: Ist „Soul Kitchen“ bloß der bedenklich spätpubertäre Jungsfilm eines immerhin 36-Jährigen? Ein BuddyMovie, das es sich in sich selbst allzu gemütlich macht und dessen mediterranoteutonisches Frauenbild die in jahrzehntelanger Arbeit zugescharrten Klischees lustvoll neu zementiert? Andererseits: Was, wenn der Film eben diese Jungs, die er liebt, auf seine Weise der Lächerlichkeit preisgibt, weshalb sich gerade Frauen in „Soul Kitchen“ extrem prächtig amüsieren? Fragen wir Zinos’ Bruder Illias, der hat auf alles eine Antwort. Hier würde er sagen (hübsch geklaut bei Ringelnatz): „Sicher ist nur, dass nichts sicher ist, und nicht mal das ist sicher.“ Tja, wo er recht hat, hat er recht.

Ab Donnerstag in 13 Berliner Kinos

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