Teenie-Drama "Little Thirteen" : Hauptsache cool

Christian Klandts Film "Little Thirteen" zeigt die Lebenswelt heutiger Teenager. Daran ist nichts spektakulär. Aber es kommen Fragen auf.

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Sarah beim Video-Chat.
Sarah beim Video-Chat.Foto: promo

Der Blick durch den Türspalt. Mama Doreen, sie ist 29, darf schon mal reinlinsen ins Tochterzimmer und gucken, wie sich der 18-jährige Lukas an ihrer 13-jährigen Tochter Sarah zu schaffen macht. Mama schon, ihr tätowierter Lover aber nicht. Mama hat auch früher mal Sarahs Lover ausprobieren dürfen und umgekehrt. Lukas jetzt aber mal lieber nicht.

Oder der Blick durchs Fenster in die Laube. Ziemlich hoch ist es reingeschnitten ins Holz, ein bisschen hoch für die Kamera, die Lukas hinhält, um seinen Kumpel Diggnsäck beim Sex mit Sarah zu filmen. Eine Zeitlang haben die Jungs das so gemacht: Clips heimlich aufnehmen und die dann eintauschen beim Dealer gegen Partydrogen, bisschen Bonusknete inklusive. Diesmal aber irgendwie lieber nicht mehr, findet Lukas, oder jedenfalls fast.

Ist das jetzt die große Liebe? Komisches Wort. Aber woher dann kommt dieses Tür-zu-Kamera-aus-Gefühl, dieses Bedürfnis nach, sagen wir mal, Intimität? Irgendwas ist los bei Sarah, bei Lukas, sie ticken plötzlich leise anders, keine Ahnung, die eine Sache läuft nicht mehr, die andere erst recht nicht, und irgendeine dritte fängt vielleicht dann doch nicht an. Irgendwas ist dazwischengekommen, keine Ahnung. Na egal.

Bei Charly, sie ist 16 und Sarahs beste Freundin oder auch die einzige, ist eine Schwangerschaft dazwischengekommen, das steht schon mal fest. Jetzt muss sie, um später in aller Ruhe in eigener Wohnung hartzen zu können, noch den passenden Vater finden. Drei stehen zur Auswahl, wenn Charly richtig mitgezählt hat. Und weg aus der Müllhölle bei ihrer Mutter und den zwei kleinen Halbgeschwistern will sie sowieso.

So geht das. Rauchen und chillen und chatten bei den Mädchen, oder sind es seelenalte Frauen? „Und, wie war’s?“ - „Ganz okay. Ich mach einfach die Augen zu und stell mir vor, dass es immer der gleiche Typ ist.“ Oder auch koksen und saufen und schweigen, damit kommt man korrekt durch ein Jungswochenende, Hauptsache cool. Und dann ist da Doreen, die hat jetzt diesen Curve, „n’ Dildo, aber jebogen. Ich borg dir meinen Curve“, sagt sie zu Sarah, „du borgst mir Lukas.“

Spektakulär ist in Christian Klandts „Little Thirteen“ gar nichts. Spektakulär findet man das vielleicht, wenn man nicht in dieser einen großstadtperipheren Welt lebt, Doreenslukassarahscharlys Welt. So wie der Potsdamer Regiestudent und seine Drehbuchautorin Catrin Lüth, die freimütig bekennen, wie sehr die Selbstverständlichkeit der jungen Schauspieler (Muriel Wimmer, Antonia Putiloff, Joseph Bundschuh und Philipp Kubitza) sie verblüfft hat, als es ans Spielen ging. Sie selber, die Filmer, hatten diesen Blick von draußen, durch den Türspalt oder das Laubenfenster.

„Little Thirteen“ aber macht, dass einem dieses Draußen beim Sehen vergeht. Das Gefühl, das sei jetzt der Spielfilm zu dieser Anti-Alk-Plakatkampagne vom letzten oder vorletzten Jahr, „Passt bloß auf, heute nacht noch stellt der Typ die Kleine da nackt ins Netz“. Der Film macht auch, dass einem die üblichen Abgrenzungsvokabeln so gar nicht einfallen wollen, mit denen man in Sachen Randgruppen so schön auf der sicheren Seite ist, der sicher mitfühlenden Seite.

Eher so: Ob ich auch so wäre, wenn ich heute 13 wäre oder 16 oder 18, und der Vater wäre längst weg oder würde wie ein Zombie ab und zu gegen die Wohnungstür poltern und eine Penny-Tüte draußen im Flur lassen voll mit Nutella und Chips? Oder ich wäre ein nettes, böses, normales Obermittelklassekind und bekäme schon früh ein iPhone geschenkt oder eine von diesen kleinen Kameras? Sind so Fragen, die einem durch den Kopf wandern bei „Little Thirteen“, und die man dann behutsam in der Schlüsselbeinnische abspeichern kann. Eine Tür geht zu, eine andere auf. Jungsein bleibt.

Babylon Kreuzberg, FT am Friedrichshain, Hackesche Höfe, Moviemento

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