Verurteilt zum Leben : Gulag-Kinodrama: "Mitten im Sturm"

"Mitten im Sturm", Marleen Gorris’ Gulag-Drama um die Literaturprofessorin Eugenia Ginzburg ist vor allem eins: ein Gemisch.

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Sibirischer Winter. Emily Watson spielt die inhaftierte Eugenia Ginzburg.
Sibirischer Winter. Emily Watson spielt die inhaftierte Eugenia Ginzburg.Foto: NFP

Noch nie ist die Geschichte des Archipel Gulag, der Stalin’schen Zwangsarbeitslager, Gegenstand eines Spielfilms gewesen? Halb Europa hat sich in Marleen Gorris’ „Mitten im Sturm“ gegen diesen Umstand verbündet. Die deutsch-belgischfranzösisch-polnische Koproduktion ist demnach vor allem eins: ein Gemisch – zudem eines, das sich höchst opportunistisch darum bemüht, den fernsehseriengeschulten sentimentalen Massengeschmack nicht zu befremden.

Das zu sagen, fällt durchaus schwer. Schließlich spielt Emily Watson die Hauptrolle – dieser Gelsomina-Typus des in die Welt gefallenen Kindes, das die ganze Niedertracht der Welt begreift und dennoch vollkommen unbegabt bleibt, an die real existierende Verworfenheit zu glauben. Emily Watson kann das spielen, noch immer. Gorris’ Regie ist ganz auf diese Emily Watson gerichtet, womit sie – paradox genug – ihre Hauptdarstellerin zugleich verrät.

Ob am Anfang dieses Vorhabens das deutsch-belgisch-französisch-polnische Misstrauen stand, der Zuschauer könnte sich womöglich nicht für eine Literaturprofessorin aus Kasan interessieren, die als Kommunistin von Stalins Paranoia des Jahres 1937 erfasst wird? Jeder große Diktator argwöhnt eine Welt von Feinden, selbst wenn die Feinde die aufrichtigsten Mitverblendeten sind. Im authentischen Fall der Eugenia Ginzburg war nur eines anders: Ihre kreatürliche Aufrichtigkeit verwehrt ihr noch, unter der Folter zuzugeben, was sie nicht getan hat. So viele andere waren schwächer – und glaubten am Ende gar selber, die Sowjetunion verraten zu haben.

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Vielleicht ist der Augenblick der Urteilsverkündung die eindringlichste Szene dieses Films: das übergroße Erstaunen Eugenia Ginzburgs, als sie nicht das Todesurteil vernimmt, sondern die Begnadigung zu einem neuen Leben. Es bedeutet Holzfällen in Sibirien bei minus vierzig Grad und 100 Gramm Brot pro Tag. Aber es ist doch ein Leben.

Am Arbeitslager scheitert Marleen Gorris’ Annäherung endgültig; nicht erst, als der deutsch-russische Lagerarzt sich in die Professorin verliebt. Ohne Ulrich Tukurs Fähigkeit, dramaturgisch verlorene Figuren zu erden, wäre alles noch übler gekommen, doch der schlimmstmögliche Fall bei der Schilderung des Schlimmstmöglichen tritt ein: Das Lager bleibt Staffage. Vollends beschämend wird es, wenn die Frauenbrigade russische Lyrik rezitiert – in der deutsch-belgisch-französisch-polnischen Koproduktion natürlich auf Englisch. Da überlebt eine durchs bloße Wort, und dann das.

Fast zeitgleich entstand ein zweites Gulag-Werk, Sergej Utschitels „Kraj“ (Landstrich), in Russland Film des Jahres 2010. In „Kraj“ muss Stalins bester Lokführer, Held der Sowjetunion, in den Gulag, weil er zwar die Wettfahrt mit einer faschistischen Dampflok gewinnt, dabei aber die eigene Lok kaputt fährt. Irrwitzig, kraftvoll, auch sehr trashig. Aber wahrhaftig.

Cinemaxx, Filmkunst66, Kulturbrauerei

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