Kinostart von „Suite Française“ : Damals, unser Glück in Burgund

Es ist eine Liebe unter Feinden, die nicht sein darf: In „Suite Française“ verliebt sich eine verheiratete Französin in einen deutschen Offizier. Der Zweite Weltkrieg - hier nur eine Kulisse.

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Wir zwei. Bruno (Matthias Schoenaerts) und Lucille (Michelle Williams).
Wir zwei. Bruno (Matthias Schoenaerts) und Lucille (Michelle Williams).Foto: Universum

Langsam setzt die Nadel auf der Schallplatte auf, ein Chanson ertönt knackend aus dem Grammophon. Lucille (Michelle Williams) entzündet eine Kerze. Sie wirft einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel: rotes Kleid, roter Lippenstift. Ein kurzes Lächeln. Dann klopft es.

„Suite Française“ ist die Geschichte einer verbotenen Liebe. Im Dorf Bussy herrscht Misstrauen, als im Sommer 1940 Pariser Flüchtlinge eintreffen und kurz darauf ein deutsches Regiment. Der deutsche Offizier Bruno von Falk (Matthias Schoenaerts) wird in das Haus einquartiert, in dem die junge Lucille mit ihrer dominanten Schwiegermutter Madame Angellier (Kristin Scott Thomas) lebt. Lucilles Mann ist an der Front, und zunächst versucht sie, Bruno zu ignorieren. Doch über ihre gemeinsame Liebe zum Klavier kommen sie sich näher.

Bilder wie mit Puderzucker bestäubt

Es ist eine Liebe zwischen Feinden, die nicht sein darf. Unweigerlich läuft ein solcher Film Gefahr, im Kitsch zu landen. Wenn Lucilles Finger sanft über die Tasten gleiten und Brunos Komposition erklingt. Wenn die Sonne Lucilles Haar beim verbotenen Plausch im Garten erleuchtet. Wenn sie ihrem Geliebten nachts flüsternd gesteht, wie kostbar ihr sein Leben ist – die Szene untermalt von Streichern. Dann wirkten die Bilder wie mit Puderzucker bestäubt.

Doch es sind auch starke Bilder, die Regisseur Saul Dibb in dieser Verfilmung des gleichnamigen Beststellers von Irène Némirovsky komponiert. Wenn die Bomben der Deutschen aus einem makellosen Himmel in die Felder fallen und sich die Überlebenden wie betäubt aus dem Weizen erheben. Oder die Flugblätter, die, von einer Propellermaschine abgeworfen, langsam aufs Dorf herabsegeln.

Erst spät übernimmt Lucille Verantwortung

Lucille bewegt sich in dieser Welt wie eine Schlafwandlerin. Mit großen Augen blickt sie auf das Geschehen, wie überfordert. Ihre inneren Monologe, rückblickend aus dem Off gesprochen, wirken naiv. „Sollten die anderen sich doch bekämpfen, einander hassen. Hauptsache, wir hatten unsere Ruhe“, räsoniert sie, während sie das Kleid für das Treffen mit Bruno auswählt.

Erst spät übernimmt Lucille Verantwortung, und ihre Bilanz gewinnt an Schärfe. „Was hatte ich mir nur gedacht, meine Freunde und Nachbarn wurden wie Tiere gejagt und ich lebte in einer Traumwelt. Eine unverzeihliche Torheit.“ Sie versteckt den flüchtigen Bauern Benoît (Sam Riley) vor den Besatzern, der in Notwehr seinen deutschen Hausgast Kurt Bonnet (Tom Schilling) getötet hat.

Bemerkenswert ist die Geschichte vor allem angesichts ihres literarischen Hintergrunds. Irène Némirovsky lebte in Paris, bevor sie durch die deutsche Besetzung gezwungen war, ins Burgund zu ziehen. In einem Dorf, Vorlage für das fiktive Bussy, begann sie einen Roman, den sie nie vollendete. Sie wurde nach Auschwitz deportiert, wo sie 1942 an Typhus starb. Ihre Tochter, Denise Epstein, entdeckte das Manuskript erst ein halbes Jahrhundert später und brachte es zu einem Verleger.

Der Zweite Weltkrieg - nur eine Kulisse

In Dibbs Adaption allerdings wird all dies nicht spürbar, ihr dient der Zweite Weltkrieg bloß als nahezu beliebige Kulisse. Hitler wird nicht erwähnt, das Wort „Nazi“ fällt kein einziges Mal. Allein am Marktplatz in Bussy hängt ein Plakat. „Hütet euch vor der abscheulichen Tyrannei der Juden“ steht darauf. Lucille blickt ein paar Sekunden nachdenklich darauf, das ist alles.

Vielleicht ist die Liebe zwischen Bruno und Lucille aber nur so möglich. Weil der Film die Deutschen nicht von vornherein als böse darstellt. Glaubhaft ist das. Und doch bleibt die Leidenschaft zwischen den beiden wenig greifbar, ebenso ihr Schmerz. So sorgt die Inszenierung selber dafür, dass sich das Filmerlebnis schnell verflüchtigt.Maria Fiedler

Cinema, Cinemaxx, Kulturbrauerei, Toni; OV im Cinestar SonyCenter; OmU im Bundesplatz

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